Jetzt sah der Vater Adelhardus am hohen Bogenfenster im Korridor der Abtei den Himmel rot werden über Höxter.
„O die Incendiarii! O, die ruchlosen Mordbrenner!“ sprach er. „Haben die Bärenhäuter der Dächer noch zu viel über den gottverlassenen Köpfen? Nun, ich habe den guten Heinrich gewarnt, daß er sich nicht die Finger verbrenne. Der Herr Prior und die übrigen werden sich wohl schon selber zu hüten wissen und nicht zu nahe daran gehen.“
Darauf ließ er sich von einem Laienbruder einen Sessel und Fußschemel an das Bogenfenster rücken, schickte einen zweiten Laienbruder in den Keller nach einer Flasche vom Besseren „gegen den Zorn“ und stellte diese Flasche mit dem Glase handgerecht in die Fensterbank. Da saß er dann, faltete die Hände über dem Bäuchlein und hörte durchaus nicht, wie die ältesten Herren Patres ihn hinter seinem Rücken mit dem grausamen Kaiser Nero beim Brande Roms verglichen. In der Stummerigengasse aber vor dem nun lichterloh flammenden Hause des Juden Samuel wurde es unserm Freunde, Herrn Lambert Tewes, jetzo doch gar übel zumute.
Er lachte nicht mehr, sondern biß die Zähne aufeinander. Die Lust zum Zitieren des Horatius war ihm völlig vergangen.
„Was zu viel ist, das ist zu viel!“ ächzte er. „Und dies ist eine Bestialität. Hierosolyma perdita? Auf für Jerusalem! Nieder mit den mordbrennerischen Halunken! Und der Monsieur Samuel ist der einzige in ganz Huxar, der auf ein dankbar Herz bei mir rechnet. Und jetzt stehlen sie mir meines Vaters Taschenuhr in seinem Verschluß! Himmel, Hölle und alle Teufel, zu Boden mit dir, du Vieh!“
Das letzte Wort war, begleitet von einem Faustschlag, an einen der Tumultuanten gerichtet. Der Kerl lag sofort am Boden, allein im selbigen Augenblicke war auch schon dem Studenten der Hut über Stirn, Augen und Ohren hinabgeschlagen, und er bekam einen Fußtritt in die Rippen, der ihm für mehrere Minuten den Atem benahm. Als er den Hut endlich wieder in die Höhe bekommen hatte, fand er sich zum zweiten Male in dieser Nacht Aug in Auge mit dem Bruder Heinrich von Herstelle, und der Bruder packte sofort zu, griff ihm an die Brust und donnerte dem Hauptmann Meyer zu:
„Fort mit dem! Ins Gewahrsam! Wenn einer in dieser Nacht mitgewürfelt hat, so ist’s dieser! Ins Prison mit ihm!“
„Holla!“ rief der Student lachend, „wenn einer in dieser Nacht in Höxter auf Ordnung, Sitte und Tugend geachtet hat, so bin ich’s! Meyer, Ihr kennt mich und wißt die Unschuld zu ästimieren. Nehmt lieber meine Hülfe an, domine — allein kriegt Ihr die Schlingel doch nicht herunter.“
Prioren, Probst und sämtlicher Zuzug von Corvey sahen zweifelnd beim roten Schein der Feuersbrunst; doch der Hauptmann Meyer sagte, sich hinterm Ohr krauend:
„Was ich sagen soll, weiß ich nicht; aber, ehrwürdige Herren, ich kenne ihn freilich, und das Nutzbarste wär’s, wir rollierten ihn ein in unsere Musterrolle.“