„Dann vorwärts und Sturm!“ kommandierte der Bruder Henricus, seinen Flamberg erhebend; und mit der linken Schulter voran, Piken, Hellebarden, Halbpiken und hainbüchene Knüppel vorgestreckt und in der Luft, warf sich die bewaffnete Macht von Corvey auf die Huxarienses, um den Schutzjuden des Stiftes wenigstens das noch zu retten, was von ihrem Leben noch übrig geblieben war. Zwei nackte Kinder trug Lambert Tewes aus dem brennenden Hause, die Siphra errettete vor weiterer Unbill der Bruder Heinrich; den Freund Säuberlich nahm der Hauptmann Meyer mit Hülfe des Korporals Polhenne beim Kragen. Die Herren von Metternich und von Zitzewitz stellten sich ritterlich und trieben jeglichen Corveyschen Hintersassen, der Lust bezeigte, sich nach Hause zu schleichen, mutig in die Schlacht zurück. Es kamen überhaupt jetzt die ersten Regungen der Besinnung in der Bevölkerung wieder zum Vorschein, und Höxter fing an, sich zu schämen. Bürgermeister Thönis Merz und sein Rat fingen an, ihrerseits einzugreifen. Die Mordbrenner und Plünderer wurden überwältigt oder flohen nach allen Seiten; es wurde Raum in der Gasse, und da jetzt, gegen Mitternacht, der Wind sich legte, so brannte das Haus des Meisters Samuel ruhig und ohne weitere Gefahr nieder. Man ließ es brennen.
Elftes Kapitel.
In die wollene Decke vom letzten Bett des Schwestersohnes zu Gronau im Fürstentum Hildesheim gewickelt, hatten währenddessen die Kröppel-Leah und Simeath mit Schauder und Schrecken gehorcht. Der rote Schein der Feuersbrunst, der in die leeren Fensteröffnungen und die Tür fiel, hatte auch den Mut der Alten gebrochen.
„Siehst du, Großmutter, es geht doch wieder gegen uns, sie haben Vater Samuels Haus in Brand gesteckt; — sollen wir nicht fort? Wir können über den Hof schleichen und in des Nachbars Garten; Herr Jakob zum Dahle wird nicht zu schlimm sich stellen, wenn er uns morgen früh in seinem Stalle findet.“
„Ja, ja, Kind,“ stöhnte die Greisin. „Leise, leise — da ist mein Bündel — hilf’s mir wieder auf! Du hast recht, wir müssen hinaus — sie kommen, und sie kennen kein Erbarmen.“
Sie versuchte es, aufzustehen, allein es ging nicht an. Der Weg von Gronau her war dem alten Weibchen doch zu viel gewesen. Sie fiel zurück auf den Stuhl, legte die Arme auf den Tisch und das Gesicht auf die Arme.
„Großmutter, Großmutter,“ jammerte das junge Mädchen. „Besinne dich — wach auf, laß mich deinen Sack tragen! Laß ihnen den Sack, laß uns nur laufen — Barmherzigkeit, sie kommen — da sind sie!“
Nun kreischte die alte Jüdin noch lauter als die junge. Sie kamen, sie polterten die Treppe herauf — sie waren da — nur drei Mann, aber die Bösesten in Höxter — Hans Vogedes, der Fährmann, mit einer Axt den beiden anderen vorauf. In dem Augenblick, als das Stift anrückte und Lambert Tewes seinen Freund Wigand Säuberlich zu Boden schlug, hatten sie sich aus dem Getümmel vor dem Hause des Meisters Samuel weggeschlichen, und sie machten von vornherein gar kein Hehl daraus, daß sie dem Geruche von der Gronauschen Erbschaft nachgegangen seien.
Fünf Minuten später, nachdem sie die zertrümmerte Schwelle überschritten hatten, durchschnitt von dem Hause der Kröppel-Leah her ein so fürchterliches und schrilles Jammergeschrei die Nacht, daß es allen sonstigen Lärm in der Stummerigenstraße übertönte und jedermann den Kopf aufwarf und mit jähem Schrecken horchte.