„O, Großmutter, Großmutter,“ schluchzte es, „sag doch was, sprich doch nur ein Wort, wir leben noch, sie haben ihren Willen nicht vollführen können! Die guten Herren haben uns von ihren Griffen erlöst, dem hohen Gott sei Dank! — — Ach, Großmutter, besinne dich!“
Die Greisin zuckte fürs erste nur mit den Armen und krampfte die Finger auf und zusammen; der Benediktiner beugte sich zu ihr herab und leuchtete ihr mit der kleinen Lampe ins Gesicht.
„Der Bösewicht hat sie arg gewürgt. Helft mir, Herr Student, wir wollen sie auf das Bett tragen. Es ist ein Jammer, daß wir den arzneikundigen Bruder Briccius hier nicht vorhanden haben. Der würde sie uns in einem Augenzwinkern wieder aufrecht hinsetzen.“
Herr Lambert Tewes hatte bereits den Kopf der Alten der Simeath aus den Armen genommen; der Mönch faßte sie an den Füßen, und so trugen die beiden sie auf das Bett des Sergeanten; der Student mit einem verstohlenen Seitenblick auf das hübsche zerzauste Judenmädchen.
„Trockne deine Tränen, schwarzlockige Neära,“ sagte er gutmütig. „Tu’s mir zu Liebe — das alte Mütterchen hat in seinem langen Dasein mehr ausgehalten als solch ein Katzengekrall; — eure Patriarchen und Patriarchinnen haben ein verflucht zähes Leben, und Großmutter kommt diesmal noch sicher darüber weg auch ohne den Bruder Briccius.“
„Ich will es dem edlen Herrn nie vergessen!“ rief Simeath nur noch lauter weinend; und dann beugte sie sich, griff nach der Hand des wilden Scholaren und wollte eben die Lippen darauf drücken, als Meister Lambert ihr seine Pfote rasch entzog und ihr einen laut schallenden Kuß auf den Mund gab.
„So steht’s geschrieben in den Legibus der Julia Karolina, und Herr Mynsinger von Frundeck, der Kanzler, wußte wohl, was er tat, als er den Paragraphum einschob.“
Errötend trat das junge Kind gegen das Lager der Greisin zurück; der Mönch hatte wohl ein wenig die Stirn gerunzelt, doch er hatte allzu viel um die allmählich wieder ins Bewußtsein zurückkommende Kröppel-Leah zu tun, um allzu genau auf die sonstigen Vorgänge in seiner Umgebung achten zu können. Mit dem Wasser aus dem Kruge des Vaters Samuel rieb er der Alten die Schläfen; — da nieste sie endlich und stieß einen heiseren Schrei aus, und dann saß sie wirklich aufrecht auf dem Stroh und sah aus stieren Augen umher. Der rote Schein der niedersinkenden Feuersbrunst leuchtete noch immer in das Gemach.
„Salzkotter Quartier. Die Liguisten in der Stadt!“ stöhnte sie und fiel zurück, die Hände über die Augen schlagend.
„Sie ist noch nicht ganz bei sich — das Feuer wirrt sie,“ murmelte der Bruder Henricus gegen den Studenten gewendet. „Sie sieht wieder den Gründonnerstag von 1634. Wir gaben kein Quartier, weil in Salzkotten uns keines gegeben worden war.“