„Ich verstehe den gnädigen Herrn Abt nicht.“
Sie war noch immer nicht ganz bei sich, oder die Betäubung trat doch immer noch von neuem ein.
„Des tollen Herzogs toller Reiter, Just von Burlebecke!“ rief der Bruder Heinrich, sich wieder an den Studenten und die kleine Simeath wendend. „Er hat noch ein gut und lustig Jahr gehabt; dann ist er bei Stadtloo im Ernst erschossen, und niemand hat sein blutend Haupt mitleidig in den Schoß genommen, Leah!“
„Wie war denn das?“ murmelte die Alte. „Es ist soviel nachher gekommen — der Herr Feldmarschall von Tilly und im Jahre Neunundzwanzig der Herr Schwede Baudissin — nein, Neunundzwanzig war’s der Tilly wieder und der Herr von Pappenheim. Der General Graf Baudissin erstürmte Zweiunddreißig die Stadt. — — Dann war der blutige Gründonnerstag — Vierunddreißig. Anno Vierzig berannten Seine Exzellenz der Feldzeugmeister Piccolomini Höxter. Die kamen mit Akkord herein, aber Sechsundvierzig stürmte wieder der Herr Feldzeugmeister Wrangel; — wer redete da von dem Herzog Christian und Just von Burlebecke? Welch ein Jahr schreiben wir heut, Simeath?“
Das junge Mädchen nannte leise die Zahl, und die fiebernde Greisin flüsterte mit geschlossenen Augen:
„Gott Abrahams! der Herr ist der Herr der Heeresscharen; Zebaoth ist sein furchtbarer Name.“
„Das sagte mein Oheim vorhin auch,“ meinte der Student, im schaudernden Unbehagen die Schultern in die Höhe ziehend.
Der Bruder Henricus hatte den Schemel an das traurige Bett der Kröppel-Leah gerückt und saß nun da nieder, sein rostiges Schwert zu seinen Füßen.
„Ja, ja,“ sagte die Greisin, in ihrem verwirrten Sinn sich zurückdenkend, „ich erinnere mich wohl. Wir waren jung, und der Krieg kam eben erst aus dem Böhmerlande zu uns herüber. Mein Vater war der einzige Jüd, der in Höxter wohnen durfte, und ich ein jung Mädchen, Simeath. Wir freuten uns noch des Sommers, und der junge Kavalier ritt mit Lachen in das Stummerigentor. Was trieb mich aus dem Haus? Es ist einerlei — ich trocknete ihm mit meinem Sacktüchlein das Blut von der Stirn. Seine Kriegsgesellen schlugen sich noch mit der Bürgerschaft; er aber sah mich an und sagte: Merci, mademoiselle! er wußte ja nicht, daß ich ein jüdisch Mädchen war. Dann kam der Herr Bürgermeister, und mich zog mein Vater ins Haus, und meine Mutter schlug mich. Sie hörten in der Stadt, mit wie großer Macht der Herzog Christian im Anzuge sei, und da pokulierten sie zusammen auf dem Rathause. Ja, ja, und am Abend, ehe sie ihn vors Tor geleiteten, kam er auf dem edlen Pferd, das ihm die Stadt gegeben hatte, vor meines Vaters Haus, und ich saß am Fenster, und er warf mir seinen Handschuh zu und eine Kußhand und rief: ‚Denkt an Just von Burlebecke, Fräulein; er wird Eurer immer lieb gedenken!‘ Und doch wußte er da schon, daß ich eine Jüdin sei — er war aber ein guter Ritter, und ich habe seiner wirklich oft gedacht. Meine Mutter schlug mich noch einmal am Abend und mein Vater dazu: denn der Rat hatte die Reiterzehrung, die er dem guten Ritter verehrte, auf den jüdischen Mann gelegt. Den Handschuh hab’ ich heimlich versteckt, sonst hätten sie ihn mir mit einem Fluche vor der Nase verbrannt. Dann haben meine Kinder damit gespielt; es ist ein Wunder, daß er noch da ist; — meine Kinder sind tot, dreimal hat mein Haus im Schutt gelegen. Ja, ich hab’ des tapfern Ritters Handschuh von Gronau mitgebracht, o ehrwürdiger Herr, nehmet ihn und lasset es die Simeath nicht entgelten, daß Ihr ihn bei uns fandet. Helfet dem unschuldigen Kinde, der kleinen Simeath, durch diese Nacht!“ —
Das alles war mehr geröchelt als gesprochen worden. Die Greisin schwieg jetzt und atmete im Halbschlaf schwer weiter. Der Greis sprach: