„So ist es, Mutter; wir beide denken noch zurück an die Zeiten des Friedens. Als meine Mutter diesen Handschuh dem Just aufs Pferd reichte, da vermeinte freilich noch niemand, daß länger denn ein Menschenalter durch das deutsche Volk durch einen See von Blut waten werde unter einem Himmel rot und qualmig von den brennenden Städten!“
„Was kümmert’s mich?“ schrie die Kröppel-Leah scharf und schrill aus ihrem Traum heraus. „Meine Väter haben nie Frieden gehabt seit dem Kaiser Titus. Was kümmert’s uns, was ihr gemacht habt aus eurem Lande? Ich ängste mich um Luft; der Schubjack hat mir die Brust zerschlagen, doch ich wollte singen in dieser Nacht, wenn die Simeath nicht wäre.“
„Die Großmutter hat recht mit dem guten Kaiser Titus,“ flüsterte der Student dem Kinde zu. „Nun bin ich auch ein Römer — civis Romanus sum, und kenne mein Latein, Jungfräulein; aber für uns beide soll das kein Grund sein, uns die Gesichter zu zerkratzen.“
„O, freundlicher Herr, scherzet jetzt nicht!“ rief Simeath, die der Greisin eben wieder den Wasserkrug an die Lippen setzte.
Leah trank gierig und lange; dann stieß sie den Krug zurück und setzte sich wieder kräftig auf. Sie wachte nunmehr vollständig und sah hell umher.
„Laß ihn, Kind! Er tut wohl, daß er sich lachend in die Welt schickt. Die Zeit schwingt und schwingt; — auch seine Stunde wird kommen, wo er mit gerunzelter Stirn auf den schweren Pendul sieht. Ehrwürdiger Herr Mönch, Sie waren ein Reiter, nun sind Sie ein Bruder zu Corvey — Ihr seid auch ein alter Mann; habt Ihr den Frieden gefunden in den Mauern der großen Abtei?“
Der Bruder Heinrich von Herstelle hatte, die Stirn mit der Hand stützend, in tiefen Gedanken gesessen, auf die Frage fuhr er auf und wiederholte sie:
„Den Frieden?“
Er zog wie im Spiel den Handschuh Justs von Burlebecke an; dann sprach er:
„Den Frieden? — Geh grad! — Den Frieden? Weshalb sollt’ ich auch den Frieden zu finden wünschen? Ich bin kein gelehrter Mann, wie hier der Herr Student, der den heidnischen Philosophum, den Horatius, auswendig weiß; ich kann’s nicht sagen, wie’s mir zumute ist. In meiner Jugend habe ich Freude gehabt am bunten Leben; — hab’ ich denn den Frieden suchen wollen, als ich ein Mönch wurde? Ja, ja, — denn bei Sankt Veit, es wird wohl so sein! Ei ja, dann hab’ ich ihn gefunden. Ich bin freilich ein alter Gesell, und da hab’ ich mein Genügen zu Corvey; aber — geh grad! — die Zeiten haben mich gelassen, wie ich war, als ich anfing, mich zu besinnen in der Welt. Was Blut und Feuer?! Da das uns vom Herrgott bestimmt war, so mag auch Er — sein Name sei gepriesen — die Rechnung beschließen. Sie wird wohl stimmen, sowohl für ihn als für uns.“