Der Pfarrherr von Sankt Kilian antwortete nichts, aber der Bürgermeister murmelte:

„Selbst Herr Christoph von Galen müßte sie jetzo liegen lassen, wie sie liegt. Herr Pastore, lasset uns zu den Bürgern sprechen und morgen auf dem Rathause ein weiteres bereden. Ihr Leute, wer von euch will diese Leiche vor die Mauer schaffen?“

Da ging ein Murren durch die rohe Gesellschaft in der Schlafkammer des Sergeanten vom Regiment Fougerais, und es kam die verdrossene Entgegnung:

„Dazu ruft die Gildemeister auf oder ladet sie Euch selber auf den Buckel.“

Es wurde Raum im Gemach und Platz auf der Treppe; vergeblich hatte sich schon seit einiger Zeit der Bruder Heinrich von Herstelle nach seinem Studenten umgesehen. Im richtigen Augenblicke erschien dieser wieder auf der Schwelle, des Meisters Samuel zitterndes Weib, die Siphra, vor sich herschiebend:

„Jetzt laßt das Heulen, Mutter. Die Kinder schaffe ich Euch auch, und wenn’s den Trost vollkommen macht, den Alten gleichfalls. Da, hebt das arme Mädchen auf und sprecht zu ihr. Euer Haus liegt nieder, also nehmt hier Quartier und richtet Euch ein; es wird Euch niemand mehr stören. Höxter geht zuletzt doch auch zu Bett, also haltet Eure Totenwacht.“

Vernunft! — Wenn einer in dieser Nacht in Höxter an der Weser Vernunft gesprochen hatte, so war das der Tod gewesen.

Die gute Munizipalstadt Huxar benutzte in dieser Nacht nicht mehr ihre Judenschaft, um einen politischen Widerhaken in das Fleisch des Stiftes Corvey und des Bistums Münster zu schlagen. Wir wären vollkommen zu Ende, wenn wir nicht aus vielfacher Erfahrung wüßten, daß der hochgünstige Leser deutschen Geblütes sich so leicht nicht zufrieden gibt.

Im großen Refektorium der berühmten Benediktiner-Abtei Corvey sah’s um diese frühe Morgenzeit wunderlich aus. Nachdem der Vater Adelhardus von Bruch von seinem Bogenfenster aus den Feuerschein über Höxter zur Genüge beobachtet und glossiert hatte, täuschte er das Vertrauen des Subpriors Herrn Florentius von dem Felde nicht. Behaglich schaudernd hatte er an seine geistlichen Brüder in der rauhen Winternacht gedacht, und bei der Heimkehr hatte des Stiftes Armada wirklich ihr Warmbier in den dampfenden Krügen auf den langen Eichentafeln aufgetischt gefunden; dazu die Öfen in Glühhitze und den Cellarius item und bereit, jegliches Lob von Prior und Probst bescheidentlich, aber seines Wertes bewußt, entgegenzunehmen.

Nun lag die Abtei zum zweiten Male in den Federn, aber der Vater Adelhardus hatte sich noch größer erzeigt: er war nicht mit den andern zu Bett gestiegen; einsam und allein hatte er inmitten der Halle, gerade unter der großen Kupferlampe, Stand gehalten und auf seinen Sohn Heinrich gewartet.