„In ihrer Selbstsucht sind sie hingegangen, nach genossenem Guten; mich aber soll er finden, so er labente lingua, mit lechzender Zunge, anlangt!“ Und der Bruder Henricus hatte seinen geistlichen Vater auf seinem Posten gefunden, nachdem er mit seiner Schar den Pförtner zum zweiten Male herausgeschellt hatte; und jetzo wollten wir, wir hätten des weißen Papieres noch so viel vor uns als zu Anfang dieser echten und rechten Geschichte, denn mit dem Bruder Henricus kam nun doch der Bruder Studio gen Corvey, und sie schüttelten einander die Hände über dem Tisch, der Pater Kellermeister und Meister Lambert Tewes.

Erst um fünf Uhr morgens dann hatte der Cellarius geseufzt:

„Molliter, molliter! sachte, o sachte, mein Kind!“ und die Warnung war vonnöten gewesen, denn es war eben der Studente, der ihn zu Bette brachte; — und an des Kellermeisters Tür küßten sie einander, und der Vater Adelhard schluchzte:

„Nach Wittenberg willt du, mein Junge? Junge, was willt du in Wittenberg? — Bleibe bei mir — eine Bi-bli-ooo-thek haben wir auch, — ich will sie dir morgen zeigen; — bleibe du in Corvey, mein braves Kind — ich zeige dir auch den Keller.“

„Na, alter Bursch, dieses wollen wir beschlafen. Seht Ihr aber, Pater Henrice, so haben uns die Götter nach ihrem Ratschluß, dem Ihr schnöde ins Angesicht sprangt, doch diesen Hafen zubereitet!“

Der Bruder Heinrich von Herstelle aber hatte das Haupt geschüttelt, als er vor seiner Zellentür sein hussitisch Schwert gegen die Wand lehnte:

„Es ist nur eine gewesen, die den Hafen in dieser Nacht in Höxter oder in Corvey erreicht hat.“

Der gute alte Mönch trug noch immer den Handschuh Justs von Burlebecke an seiner linken Hand; jetzt zog er ihn ab und schlang ihn in den Griff der Hussitenwaffe; er nahm das alte Angedenken nicht mit in seine Zelle. Dem Studenten wies er ein Bett an, und zehn Minuten später sägte, sang und raspelte Lambert, wie im Wettkampf mit ganz Corvey, Horen und Metten zu gleicher Zeit. Da raschelte es im Abteihofe in einem Reisighaufen; fürsichtig schob sich ein scharfbeschnäbeltes, rotkämmig Haupt hervor, der eine Hahn, den der Gallier übriggelassen, das heißt, der dem Küchenmesser sich entzogen hatte, wagte sich halb verhungert zum ersten Mal aus seinem Versteck, schwang sich auf die Höhe des Reisigs und krähete: Da horchte der Vater Adelhardus im tiefen Schlafe auf, — und es war [eine>>ein] neuer Tag geworden, gerade so grau und winterlich stürmisch wie der letztvergangene.

In Höxter hielt das hebräische Völklein der toten Leah die Leichenwacht, und die Weiber sangen den Trauergesang und sprachen der Simeath Trost zu. Der Meister Samuel aber hatte noch ein anderes zu schaffen. Er war mit Hammer, Säge und Axt beschäftigt, die Tür des Hauses der Kröppel-Leah wieder einzurichten. Der Herd war bereits notdürftig in Ordnung gebracht, und es flackerte auch schon ein Feuerchen darauf und sang das Wasser in einem Kesselchen. Durch die Fenster zog freilich noch immer der Wind; wenn jemand im siebenzehnten Jahrhundert in Deutschland schwer zu beschaffen war, so war das der Glaser.

Ehrn Helmrich Vollbort saß eingeschlossen in seinem Studierstüblein, welches nach dem Garten zu gelegen war und seine Scheiben noch unversehrt hatte. Wahrlich ein Mann, so saß der Pfarrherr von Sankt Kilian inmitten seines Rüstzeugs und spitzte scharfe Keile zum Eintreiben in die Paragraphen und Fugen des drohenden Gnaden- und Segen-Rezesses Christoph Bernhards von Galen, Bischofs zu Münster und Administrators von Corvey, der eben mit dem französischen Louis Krieg gegen Holland führte und gern das Seinige tat und riet, so beiläufig Kolmar französisch zu machen. — Der Bürgermeister von Höxter aber hub eben an, die Gassen seiner Stadt nach dem französischen Abmarsch zu kehren: — er, Herr Thönis Merz, hatte des guten Exempels halber selber einen Besen genommen und den zweiten Herrn Wigand Säuberlich höflich in die Hand genötigt.