»Sie sind ein großer Mann, Ceretto; und da Sie das auch wissen — was wollen Sie mehr?«

»Die beiden alten Herren, der Förster Tofote, der Meister Kunemund und — ich, wir waren also machtlos gegen Das, was sich mit einschlich in den Garten Mynheers, und der junge Mensch, der Leichtmatrose, ebenfalls, obgleich der vielleicht noch am ehesten etwas dagegen hätte tun können, wenn er nicht im natürlichen Lauf der Dinge den veränderten Umständen gegenüber sofort so sehr verdrossen und unerträglich geworden wäre. Er ging schneller wieder zu Schiff und auf die See, als er verantworten kann. Der Teufel hole ihn dafür.«

»Das hat er bereits so halb und halb besorgt; — erzählen Sie weiter,
Ceretto.«

»Hat er ihn geholt? Herr, entschuldigen Sie, aber es werden viele Ansichten in Spiritus gesetzt, die ihn nicht wert sind! Uns — uns hat er am Kragen und hält uns ziemlich fest; aber Sie haben recht, und ich erkläre weiter, wie ich in meiner angenehmen Jugend auf dem Hamburger Berg schon berühmt dafür war. Also wir drei Alten mit dem Fräulein waren nun allein unter uns — eine fidele Menagerie, Herr, und das Publikum fand das auch, ohne daß wir das Fräulein, sozusagen, den Honoratioren mit den Zetteln in die Häuser zu schicken brauchten. Das Publikum kam ganz von selber, und das Schlimme dabei war nur, daß das Fräulein binnen kurzem sich ein Separatkabinett einrichtete, das Hauptgeschäft schädigte und uns den Stuhl vor die Bude schob, natürlich ohne es selber ganz genau zu wissen. O Herr, Herr, welche und wie viele Leute kamen, um uns zu gratulieren und um an unserm Glück innigen Anteil zu nehmen, das heißt ihren Anteil! Ich hätte Sie wohl dabei haben mögen, um den Spaß anzusehen. Für einen, der nichts damit zu tun hatte, wie zum Exempel mich selber, war es wirklich eine Lust, denn die drei — der Arend, der Autor und die Gertrud waren wie die unmündigen Kinder in der Hand der Kriegsknechte Herodis oder noch ein wenig schlimmer. Zu Bethlehem war dem Jammer wenigstens schnell ein Ende gemacht, aber hier zog sich das Vergnügen länger hin, und was das gnädige Fräulein angeht, so —«

Hier griff sich der Greis so komisch-kläglich in die weiße Wolle und seufzte so gewaltig, daß ich schnellstens in der Phantasie nach dem Sonnenschein, Lerchensang, Wachtelruf und Thymiangeruch in den Dornstrauch an jenem Hohlweg zu greifen hatte, um in meiner Teilnahme an den alten Tagen des Meisters Autor nicht ins Bodenlose zu versinken.

»Die Obervormundschaft mochte manchmal ihr blaues Wunder haben,« fuhr mein so sehr europäisch gewitzigter Afrikaner in seinem Berichte fort. »Erst nach und nach, so ganz nach und nach konnte es zutage kommen, was für eine Erbschaft eigentlich Mynheer van Kunemund uns hinterlassen hatte. Es fanden sich ausgeliehene Kapitale an Orten, wo es sehr, sehr übel roch, — Kapitalien, die nicht gewinnbringender angelegt werden konnten. Wir hatten zwar unsere Advokaten dafür; aber dem Kunemund und dem Tofote konnte doch niemand davon helfen, mit Volk verkehren zu müssen, das wie die Regenwürmer bei Laternenschein aus der Erbschaft heraufwimmelte. Großer Barnum, jetzt erst kam es so nach und nach heraus, was für ein Geschäft der Erblasser selber besorgt hatte, ehe er es uns auf die Schultern ablud. O und an Bekanntschaften fehlte es dem lieben Kinde bald gar nicht, — wir fanden sie von allen Sorten — ganz herrliche und nobele Leute, die sich unserer aufs freundlichste annahmen; aber auch das Gleiche von uns verlangten. Und kurioserweise zeigte es sich bald, daß das, wobei den zwei alten Herren übel genug wurde, diesen Eindruck auf den Magen der jungen Dame gar nicht machte. Im Gegenteil fand sie sich mit vielem Geschmack in das neue gute Leben hinein, nahm zu an Weisheit und Tugend, und wenn ich nicht schon vorher gewußt hätte, was für ein Schlaukopf mein seliger Herr, der kleine Bruder des langen Meisters, gewesen war, so wäre es mir jetzo wie durch ein Gaslichtmikroskop deutlich gemacht worden. Eine hunderttausendfach vergrößerte Käsemilbe ist mir heute gar nichts mehr gegen Mynheer van Kunemund; ich bin selber einmal eine Zeitlang mit einem Doktor, der aus einem solchen Vergrößerungsglase sein Dasein zog, gereist und muß das wissen. Der selige Herr, mein Mynheer, hatte es sich genau überlegt — er überlegte sich alles genau — und sein Vermögen war in den besten Händen. Er hatte sich vorgenommen, seinen Herrn Bruder auch nach seinem Tode zu ärgern, und er ärgerte ihn gründlich.«

»Sie sind ein großer Mann, Ceretto!« sagte ich leise, und viel mehr zu mir selber, als um das meinem Besucher von neuem auszusprechen. Er aber nickte und fuhr im kläglichen Tone in seinem Berichte fort, um ihn schnell durch eine Frage zu unterbrechen:

»So lebten wir denn vergnügt hin … Entschuldigen Sie, haben Sie sich nicht wie die andern auf der Stelle in die gnädige Frau verliebt?«

»Die gnädige Frau? Frau Christine von Wittum? … bei allen Fetischen Ihrer Heimat, lieber Meyer, Sie bringen mich darauf — es ist eine schöne Frau — ein schönes Weib! Das aber habe ich freilich schon ziemlich lange gewußt.«

»Sie ist die Hexe in der Geschichte — aber es ist eine junge und hübsche
Hexe, das muß ihr der Böse lassen; — die beiden alten Herren aus dem
künstlichen Urwalde fanden das auch bald heraus, und der Herr Autor
Kunemund zuerst.«