Ich überdachte mein Leben und zählte die Jahre desselben. Die Summe der letzteren streifte nahe an die Zahl Vierzig heran; das erstere erschien mir in der augenblicklichen Gewitterbeleuchtung wie ein gutstehendes, wohlgehäufeltes, unübersehbares, aber auf Regen wartendes Kartoffelfeld. Ob das, was der Meister Autor »versunkene Gärten« nannte, unter der nahrhaften Vegetation begraben lag, will ich unaufgerührt lassen; sicher aber war, daß mir das noch niemals so glaublich erschienen war, als in diesen Augenblicken. So weich, so menschenscheu und zugleich so sehr menschenbedürftig wie jetzt hatten mich Leben und Tod noch nie gestimmt.
»Diese Hexe!« stöhnte ich leise, die Hemdärmel zuknöpfend. O, sie wußte es ganz genau, was sie zustande brachte, als sie neulich fragte: wer ist denn der Herr da? — Hätte sie statt dessen, beide Hände mir entgegenstreckend, die Bekanntschaft erneuert, so wäre alles verlaufen wie es sich eigentlich gehört — erfreulich, höflich, in den besten gesellschaftlichen Formen; aber bei
der Macht Proserpinas
Und bei Dianas unverrückter Allgewalt,
Auch bei den Büchern, kräftiger Bannsprüche voll,
Die hoch vom Himmel feste Stern' herunterziehn —
dies Weib wußte, was für ein Zauberwort es gebrauchte!
Wer ist denn der Herr eigentlich? — —
Ich nähere mich dem Schlusse meines Berichtes und werde im Gegensatze zu meinen, derartige psychologische Raritäten novellistisch aus der Tiefe ihres Talentes herauffischenden Kollegen von Wort zu Wort, von Satz zu Satz ehrlicher und wahrer. Diese an das alberne Gänschen, das Trudchen Tofote gerichtete Frage: Wer ist der Herr? ich sollte ihn eigentlich kennen! — fibrierte zu allen Stunden scharf und schrillend mir durch die innigsten, wehmütigsten Gemütsbewegungen der letzten Tage und Nächte. Wir mögen noch so sehr in das Schicksal anderer Leute verflochten werden, unser eigenes Schicksal behalten wir darum doch für uns allein, und es ist uns stets — manchmal unsern tiefsten Empfindungen und Anmahnungen zum Trotz, das wichtigere.
Das Wort der Hexe ärgerte mich durch die Stunden am Bette des sterbenden
Steuermanns, setzte mir seine scharfen Nägel mitten im Verkehr mit dem
Meister Autor und der Base in das weiche Herzfleisch, war mir in der heißen
Sonne unter den hohnlachenden Lebensbäumen am Grabe des Seefahrers Karl
Schaake wie ein eisiger Hauch im Nacken und zwang mich mehrmals, mich
umzusehen, wer »eigentlich« da hinter mir stehe und mich anblase.
Was waren mir alle versunkenen und versinkenden Gärten gegen dieses höhnische, lebendige, blühende Lächeln der Hexe, der Frau Christine von Wittum?!…
Wir kannten uns recht gut; wenn wir uns auch durch manches Jahr aus dem
Gesichte verloren hatten. Als wir uns kennen lernten, waren wir noch —
»Oooooh!« stöhnte ich, und mit dem Griffe, mit welchem andere Leute dann und wann nach der Pistole, dem Strick oder dem Rasiermesser griffen, faßte ich meinen Hut und ging — ging zur Frau Christine, die mich durch den Zaubermohr und Diener weiland Mynheers van Kunemund hatte ersuchen lassen, noch einmal bei ihr vorzusprechen.