»Der Doktor!« riefen aufatmend und mit glatt auseinander sich legenden Mienen alle ihm nach. »Der Doktor! richtig, er wird es sein.«
Er war es. Man vernahm draußen vor den Fenstern der Offizin, nicht des Hinterstübchens, Rädergeknarr, das Stampfen eines Gaules, Peitschengeknall und dazwischen eine laute joviale Stimme:
»Holla, heda! Giftbude! Lichter an die Fenster! Bist du da, Friedrich, so reiß' das Scheunenthor auf und leuchte, daß wir die Karete und uns aus der Sündflut und dem sonstigen Orkane in Sicherung bringen!«
Das alte Fräulein lief schnell hinaus und dem gern gesehenen dritten Hausfreunde entgegen. Behaglicher lehnten sich der Förster und der geistliche Herr auf ihren Stühlen zurück. Der Apotheker stand lächelnd mit seinem vergilbten Briefe in der Hand da und horchte mit den andern. Schon hörte man jetzo auf der Hausflur des Doktors lustige Stimme, dazwischen die Stimme Dorothea's, und dann sprach noch jemand darein, gleichfalls kräftig-heiter.
»Er kommt nicht allein. Er bringt uns einen Gast oder sich einen Patienten mit,« sprach der Apotheker »zum wilden Mann«, und sofort zeigte es sich, daß das erstere der Fall war. Weit flog die Thür, die von der Hausflur in das bilderreiche Hinterstübchen führte, auf, und mit dem Landphysikus Dr. Eberhard Hanff trat der Gast ein, höflich auf der Schwelle um den Vortritt sich mit Fräulein Dorothea bekomplimentierend.
»Keine Umstände, Herr Oberst,« rief der Doktor, den ältlichen, breitschulterigen, stattlichen alten Herrn mit dem schneeweißen Haar, den schwarzen scharfen Augen im munteren tiefgebräunten Gesichte weiter vorschiebend. Und ohne alle weiteren Umstände stellte er vor:
»Colonel Dom Agostin Agonista — im Dienste Seiner Majestät des Kaisers von Brasilien, — von mir aufgegriffen auf dem Wege zum wilden — ach, Herrje, Punsch?! — o Oberst, habe ich es nicht gesagt? Fräulein Dorette, Sie wissen meine Gefühle und Gemütsstimmungen doch immer auf drei Meilen Weges hinaus zu ahnen; — Punsch!! Die Herren werden sich dem Herrn Oberst am besten selber bekannt machen. Ach, Fräulein Dorette, je bösartiger die Witterung, desto inniger die Ahnung Ihrerseits; — erlauben Sie mir, daß ich Ihnen die Hand küsse.
»Lassen Sie das dumme Zeug nur und hängen Sie lieber Ihren Mantel an den Haken,« sprach die Schwester des Apothekers, »der Herr Oberst ist uns sehr willkommen, und wir bitten höflichst, Platz zu nehmen.«
Der Landphysikus pflegte die Leute, die er dann und wann auf seinen Berufswegen »als Gäste aufgriff« und in irgend ein beliebiges Haus mit sich nahm, stets in einer ähnlichen Weise vorzustellen und sie dadurch gewöhnlich in nicht geringe Verlegenheit zu bringen. Der brasilianische Oberst jedoch ließ sich nicht so leicht in Verlegenheit setzen. Er wendete sein munteres, vernarbtes altes Soldatengesicht heiter und hell im kleinen Kreise umher und sagte mit dem leisesten Anhauch eines fremdartigen Accentes:
»Meinerseits nenne ich dieses einen raschen Überfall, meine Dame und meine Herren, und bitte sehr um Entschuldigung wegen dieses nächtlichen Eindringens. Der Herr Doktor fand mich freilich in einer höchst erbärmlichen Schenke am Wege durch den Sturm und die Nacht festgehalten hinter dem Tische und hat in der That in der freundlichsten Weise den barmherzigen Samariter gespielt. Er nahm mich in seinen Wagen auf und bot mir ein besseres Nachtquartier in dieser Ortschaft an. Ich folgte ihm gern, und dann hielt er vor diesem Hause an, — um einen ›Kristeller‹ zu nehmen, wie er sagte, — auf einen Moment, wie er sagte, und ich kam mit ihm herein, um auch einen ›Kristeller‹ zu mir zu nehmen, und mein Name ist wirklich Agonista, und ich bin Oberst in brasilianischen Diensten.«