»Mein Name ist Kristeller; aber der Doktor, mein lieber Freund, nennt einen Liqueur so, dessen Erfindung mir gelungen ist, Herr Oberst,« sagte der Apotheker. »Übrigens ist uns allen hier Ihr Eintritt in unseren kleinen Kreis eine Ehre und ein großes Vergnügen.«

Der Pastor und der Förster sprachen nun gleichfalls ihre Befriedigung über die zeitgemäße Ankunft des interessanten Fremden aus. Man schüttelte sich die Hände und schob von neuem die Stühle an den Tisch.

»O — Fräulein Dorette, ich habe Ihnen wie gewöhnlich mein Kompliment zu machen!« rief der Landphysikus Dr. Eberhard Hanff, in Extase nach einem langen Zuge die Nase aus dem Dampfe des Getränkes des Abends in die Höhe hebend. »Finden Sie jetzt nicht auch, Colonel, daß wir hier besser aufgehoben sind als dort in der Kneipe ›zum Krug ohne Deckel‹ oder wie die Räuberhöhle sonst heißt? he, und wie wehrte und sperrte man sich gegen das bessere Verständnis eines landkundigen Mannes!«

»Es ist gewiß besser hier,« sagte der Soldat mit einer Verbeugung gegen die Schwester des Hausherrn. »Man wehrt sich oft gegen sein Glück, Senhora — man sollte es nicht thun.«

Die Übrigen gaben dem Oberst natürlich recht, und dann redete man ebenso selbstverständlich von neuem eine geraume Zeit über das Wetter; doch dann auch über die Wege, über die Wegschenke, in welcher der Doktor den Fremden gefunden hatte, über die Gegend im allgemeinen und besondern, über das frühe Abziehen der Zugvögel in diesem Jahre, über dieses und jenes: nur der Apotheker »zum wilden Mann« nahm an dieser Unterhaltung wenig Anteil.

Er, Philipp Kristeller, saß seinem brasilianischen Gaste gegenüber. Den alten Brief hatte er nicht wieder in sein Pult verschlossen, sondern, durch die plötzliche Ankunft des Doktors und des Fremden daran gehindert, ihn wieder mit sich gebracht und auf dem Tische von neuem vor sich niedergelegt. Er stützte jetzt den Ellenbogen darauf und lächelte in das Gespräch der Übrigen hinein, doch wie abwesend und den eigenen Gedankengespinnsten nachgehend. Daß der so plötzlich und unvermutet in seinem stillen Hauswesen erschienene ausländische Herr seine innere Erregung vermehrte, konnte man nicht sagen, doch richtete er, der Hausherr, dann und wann verstohlen forschend den Blick auf den Gast; und die Antworten, die er sodann auf an ihn gerichtete Fragen gab, waren noch um ein weniges zerstreuter.

Der Arzt erkundigte sich zuerst scherzhaft nach dem Grunde, und Ulebeule antwortete für den Apotheker.

»Laßt ihn, Medicus, hat sich der Bär erniedrigt, so wird er sich wohl bald um so mehr erheben; denn wozu hat er seine Hinterpranken sonsten? fragt man in Polackien. Wäret ihr eine Viertelstunde früher gekommen, so hättet ihr uns alle insgesamt in einer noch viel kurioseren Stimmung angetroffen. Wie die Hasen ihre Hexensteige durchs Korn, so haben wir uns an diesem Abend unsere Wege durch die angenehme Unterhaltung gebissen. O, wir haben seltsame Historien vernommen!«

»Ulebeule!« rief der Apotheker; doch der Förster war in seinem Eifer nicht imstande, auf den Ruf zu hören.

»Ich sage Ihnen, Doktor, es ist ein Jammer und Schade, daß Fräulein Dorette's Punsch Sie und den Herrn Oberst nicht ein wenig früher angeludert hat. Wie Federwild sind die merkwürdigsten Geschichten um uns her aufgestoben. Wir wissen jetzt, weshalb sich dreißig Jahre lang keiner von uns in diesen Lehnstuhl da hat setzen dürfen; — wir wissen, in welcher Weise unser Freund Philipp bei uns ankam, — wir haben viel gehört von Liebe und Tod, von wilden Männern und alten Geldbriefen, wie nicht jedermann solche von der Post zugeschickt kriegt. Waren Sie jemals in Ihrem Leben auf dem Blutstuhle, Doktor?«