»Ulebeule?!« rief jetzt auch der geistliche Herr, und diesmal hörte der Förster.
»Nun, nun, — ja, ja, Ihr habt recht!« brummte der redselige Waidmann kleinlaut. »Nehmt's nicht übel, Kristeller, da Ihr selber so vertraulich waret —«
Herr Philipp füllte freundlich dem biederen Hausfreunde das Glas und reichte ihm die Hand; doch nun sagte der Doktor Hanff:
»Zu den kuriosen Geschichten sind wir, die wir unsererseits dergleichen vielleicht auch dann und wann erlebten, diesmal zu spät gekommen. Aber eine Frage erlaube ich mir doch: habt ihr diesen guten Trunk hier jener Historien wegen etwa zusammengebraut?«
Der brasilianische Oberst Dom Agostin Agonista, der die ganze Zeit hindurch mit nachdenklichen Augen auf den leerstehenden Ehrensessel geschaut hatte, sah jetzt scharf auf und hell und heiter im Kreise umher, zuletzt am schärfsten auf den Herrn des Hauses. Währenddessen antwortete der Pastor dem Physikus und den forschenden Blicken des Colonels zugleich mit:
»Sie sind zu einem eben so freudigen wie ernsthaften Gedächtnisfeste gerade noch zur rechten Zeit gekommen, lieber Doktor. Unser Freund Kristeller sitzt heute gerade dreißig Jahre hier in diesem Hause ›zum wilden Mann‹, Herr Oberst. Er ist uns und allen Bewohnern der Gegend weit und breit ein lieber, treuer Freund und Helfer ein ganzes Menschenalter durch gewesen; den Punsch hat uns Fräulein Dorothea improvisiert, und Ihre Einladung würden Sie zu Hause vorgefunden haben, lieber Doktor.«
»Den Umweg habe ich mir demnach gespart,« lachte der Landphysikus. »Mein Herr Vater verwunderte sich gleich über meine verständige Nase, als die Wickelfrau mich ihm auf die Arme legte.«
Noch eine Bemerkung über seinen Hausschlüssel anfügend, sah der Humorist des Ortes von einem zum anderen, aber man lächelte diesmal nur, man lachte nicht mit oder hielt sich gar vor Lachen am Tische. Am vergnügtesten sah noch der Oberst aus, und dieser erhob nunmehr auch sein dampfendes Glas und sprach:
»So erlaube ich mir denn, als ein wie vom Himmel in diese Behaglichkeit hineingefallener Fremdling gleichfalls auf diesen schönen und wichtigen Gedenktag und Abend zu trinken. Dreißig Jahre sind eine lange Zeit; manches wird darin anders — Gesichter und Meinungen. Und meine gnädige Dame und meine guten Herren, auch ich kann heute ebenfalls ein mir sehr merkwürdiges und folgenreiches Gedächtnisfest feiern; — auch mir sind heute gerade dreißig Jahre vergangen, seit ich zum erstenmale im Feuer stand und zwar an Bord der chilenischen Fregatte ›Juan Fernandez‹ gegen den ›Diablo blanco‹, den weißen Teufel, ein Schiff der Republik Haity, um am folgenden Morgen mit einem Holzsplitter in der Hüfte und einem Beilhieb über der Schulter im Raum des Niggerpiraten aus der Bewußtlosigkeit aufzuwachen!«
»Wozu man freilich heute noch gratulieren kann,« brummte der Doktor, während die anderen auf andere Weise ihr Interesse und Mitgefühl kundgaben.