»Hören Sie, Pastore, den muß man sich erst bei Tage besehen, ehe man ein Urteil über ihn abgeben kann; bei Lampenlicht geht nichts in der ganzen weiten Welt über ihn! das ist ein Prachtkerl; — wahrhaftig, solch ein Gesell aus Schmiedeeisen und Eichenholz rückt einem nicht alle Tage an den Ellenbogen. Was wollen Sie — ich glaube, ich glaube, mich hat lange nichts so sehr geärgert, als daß er mir nicht auf der Stelle angetragen hat, Brüderschaft mit ihm zu machen.«
»Da bin ich denn doch in der That ein wenig weichlicher als Sie, lieber Ulebeule,« sagte der Pastor mit einem leisen Schauder. »Mir ist dieser plötzlich wie aus dem Boden aufgestiegene Mensch entsetzlich! Die Kaltblütigkeit, mit welcher er aus nichts in seinem Leben ein Hehl machte, griff mir in alle Nerven. Wenn ich zu viel Punsch getrunken haben sollte, so bin ich nicht schuld daran, sondern dieser — dieser — dieser ungewöhnliche Erzähler. Wehren Sie sich einmal gegen ein fortwährend Einschänken, wenn es Sie fortwährend heiß und kalt überläuft! Hatten Sie wirklich vorher eine Ahnung davon, daß es solche Lebenswege und Fata in unseres Herrgotts Welt geben könne?«
»In Büchern habe ich Schnurrioseres gelesen; aber hier hatten wir freilich einmal das Wirkliche und Wahrhaftige in natura. Heiß und kalt hat mich seine Historie nicht gemacht, aber die Pfeife ist mir ziemlich oft darüber ausgegangen. Käme einem jeden Abend ein solcher Kerl über den Hals, so würde einem das Schmauchen auf die allernatürlichste Art abgewöhnt. Außerdem daß ich einen brasilianischen Obersten noch niemals mit eigenen Augen gesehen hatte, erzählte dieser Oberst mehr als brasilianisch gut, und noch dazu ganz und gar nicht aus dem Jäger-Lateinischen. Das muß ich kennen und hätte es ihm beim ersten Flunkerwort abgespürt und es ihm merken lassen, nämlich moralisch mit dem Hirschfänger übers Gesäß: Hoho, das ist für den gnädigsten Fürsten und Herrn! Hoho, das ist für die Ritter und Knecht'! Dies ist das edle Jägerrecht!«
»Ulebeule?!« rief der Pastor klagend-vorwurfsvoll.
»Ja, ja, es ist wahr, 's ist spät und es zieht hier arg,« rief der Förster, »aber die Mohrenschiffgeschichte allein hätte doch auf jedem Orgelbilde abgemalt werden können; — bei allem in Grün, man kommt sich ganz abgeschmackt und verrucht verledert und in seinem Loche versumpft vor, wenn man es sich überlegt, was man seinerseits hier am Orte vor sich brachte an Erfahrung, während der sein Gewölle um so viele Nester herum ablegte.«
»Ich danke dem Himmel dafür, daß er mich hier im Frieden grau werden ließ. Meine Natur hätte nicht für ein solches Dasein gepaßt.«
»Das brauchen Sie mir nicht schriftlich zu geben,« lachte der Förster; »aber hat uns nicht gerade dieses kuriose, ins Kraut geschossene Menschenkind bewiesen, daß niemand weiß, was in ihm steckt und was er unter Umständen aus sich herausziehen kann? O je, wie oft hab' ich in meinen jungen Jahren aus Angst oder Verdruß in die weite Welt hinauslaufen wollen! Nach einem solchen Erzählungsabend begreift man weniger als je, weshalb man es damals nicht ausführte und seinen Schulmeistern, Eltern und sonstigen Vorgesetzten durch die Lappen ging.«
»Wir werden alle unsere Wege richtig geführt und sind in guten Händen,« sprach der geistliche Hirte und trat leider gerade in diesem ganz unpassenden Moment in eine etwas tiefere Pfütze, in der er ohne Gnade hätte umkommen müssen, wenn sein handfester Begleiter nicht noch gerade zu rechter Zeit zugegriffen hätte.
»Bitte ein andermal um denselben Dienst,« sprach Ulebeule gravitätisch; sonst aber brachte dieser Zufall ihr jetziges Gespräch über das Haus Kristeller und den Kaiserlich brasilianischen Gendarmerieobersten Dom Agostin Agonista zu einem Abschluß.
Einiges wurde jedoch noch gesprochen, ehe der Pastor geradeaus seiner Pfarre zuwanderte und der Förster sich links in den dunkeln Hohlweg schlug, der zu seiner Försterei führte.