»Philipp, alter Kerl, lieber Junge, es ist mir in der That ein herzliches Genügen, unter deinem Dache zu ruhen. Wahrhaftig, in mancher unbehaglichen, unbequemen Stunde zu Lande und zu Wasser habe ich mir da, d. h. unter diesem Dache, oft das vorzüglichste Quartier zurecht gemacht, und jetzt hab' ich die Wirklichkeit, und sie ist wunderbar wohlthuend!«
An diesen erfreulichen Ausbruch seiner Gefühle hatte er denn freilich recht praktisch die Frage nach dem Stiefelknecht geknüpft.
Während der Bruder dem Gaste zu seinem Schlafzimmer leuchtete, war Fräulein Dorette in der Bildergalerie sitzen geblieben, doch hatte sie den Ehrensessel aufgegeben und sich auf ihrem gewohnten Stuhle niedergesetzt. Da saß sie, beide Ellenbogen auf den Tisch stützend und starr durch den Qualm, den die Herren hinterlassen hatten, und über die leere Punschschale und die gleichfalls leeren Gläser weg auf die buntbehängte Wand gegenüber sehend. Da saß sie und horchte auf die Schritte über ihrem Kopfe und dann auf die Schritte des zurückkehrenden Bruders auf der Treppe.
»Welch ein Erlebnis!« murmelte sie. »Wie fällt das jetzt in unsere Tage? — So spät im Leben! — Und was werden die Folgen sein? — o, o, o!«
Nun aber trat der Bruder wieder ein und zur Schwester heran. Nun legte er seinerseits ihr die Hand auf die Schulter:
»Weißt du dich auch noch nicht in dem Glück, das uns dieser Abend gebracht hat, zurecht zu finden? O Dorette, liebe Dorette, wie schön hat sich nun alles ineinander gefunden und geschlossen, — und gerade an diesem Tage, an diesem Abend. Wer glaubt da an Zufall? Wer hat jemals deutlicher als wir die Hand der Vorsehung, die alles gut macht, in seinem Lebenslose erblickt?«
»O!« stöhnte die Schwester. »Ach, Bruder, Bruder, was wird nun aus unserm Leben werden? — O, wenn er doch nur früher gekommen wäre! Aber so spät am Abend — so spät am Abend — was sollen wir anfangen?«
Herr Philipp Kristeller hatte sich auf seinem Stuhl niedergelassen und blickte die Schwester groß und verwundert an.
»Was — wie meinst du das, Dorothea?«
»Jetzt frage mich nur nicht weiter,« sagte das alte Fräulein scharf. »Es wird sich ja alles finden — morgen, übermorgen! Ja morgen ist ja auch ein Tag! — Aber man kann es ja nicht lassen. — Bester Bruder, wenn er nun bliebe? wenn er sich bei uns niederlassen wollte? Man muß sich ja da alle möglichen Fragen stellen.«