Der lag friedlich auf dem Rücken und lächelte im Schlummer und sogar beim Schnarchen. Man vernahm ihn so ziemlich durch das ganze Haus, und wenn er träumte, so träumte er, ganz gegen alle soldatische Sitte und Gewohnheit, weit in den jungen Tag hinein.
Dieser junge Tag kam frisch, reingewaschen, glänzend und sonnig — ein klarster, kalter Oktobertag. Die Berge in ihrem braunen Herbstgewande hoben sich scharf von dem hellblauen Himmelsgewölbe ab; die leeren Felder der Ebene lagen bis in die weiteste Ferne klar da; und die Dörfer, die einzelnen Gehöfte, Anbauerhäuser und Hütten erschienen dem Auge scharf umzogen, als ob sie dem Spiegel einer Camera obscura entnommen worden und in die Morgenlandschaft hinein aufgestellt seien.
In dieser sonnigklaren Herbstmorgenlandschaft erschien aber die Apotheke »zum wilden Mann« vor allem Übrigen wie hübsch auf- und abgeputzt. Die Firma über der Thür glänzte in ihrer Goldschrift weit hin, die Landstraße nach rechts und links entlang. Und alles, was sonst zu dem Hause gehörte: Gartengegitter, Stallungen und Mauern, befand sich im ordentlichsten Zustande. Man sah, daß um jegliches Zubehör dieses Heimwesens ein sorglicher Geist walte, der seine Freude und sein Genügen dran habe und sein Möglichstes von Tag zu Tage thue, alles im Hof, Haus und Garten im guten Stande zu erhalten. Bis auf die vom Sturme der Nacht zerzausten Sonnenblumen, die noch in ihren welken Resten über den Gartenzaun hingen, war alles rings um die Apotheke »zum wilden Mann« im vollsten Sinne des schönen Wortes — präsentabel.
Und Bruder und Schwester warteten mit dem Kaffee auf den Gast. Eben hatte er herunter sagen lassen: augenblicklich rasiere er sich und werde in zehn Minuten erscheinen.
Die Dünste der Nacht waren verscheucht, das Hinterstübchen gekehrt und mit weißem Sande bestreut. Die Hauskatze putzte sich unter dem Tische, und der Zeisig zwitscherte lebendig in seinem Bauer; — es war ein Vergnügen, Herrn und Fräulein Kristeller an ihrem Kaffeetische sitzen zu sehen, und — eingeladen zu werden, gleichfalls daran Platz zu nehmen.
Der Oberst ließ nur wenig über die angegebenen zehn Minuten auf sich warten. Schon vernahm man seinen martialisch schweren Schritt auf der Treppe; — der Apotheker Philipp Kristeller riß die Thür seines Lieblingsgemaches auf.
»Schönen guten Morgen!« rief der Oberst Dom Agostin Agonista auf der Schwelle, und Wirte und Gast faßten sich rasch zum erstenmal bei hellem Tageslicht ins Auge: am schärfsten sah das Fräulein zu; etwas weniger scharf sah sich der brasilianische Kriegsmann seine Leute an; — der Apotheker »zum wilden Mann« sah gar nichts, sein Gast und Freund schwamm ihm vor den Augen — wenigstens die ersten Minuten durch.
»Recht alt geworden,« meinte der Oberst bei sich, und er hatte recht.
»Unter anderen Verhältnissen würde ich gar nichts gegen ihn haben,« sagte das Fräulein in der Tiefe der Seele, »ein anständiger, behäbiger Herr!«
Der Apotheker Philipp Kristeller sagte gar nichts; er schüttelte von neuem dem alten wiedergefundenen Freunde — dem Wohlthäter und Gaste die Hand und drückte ihn diesmal trotz alles Widerstrebens auf den Ehrenplatz nieder. Erst als der Oberst saß, sagte Herr Philipp etwas, und zwar nicht bei sich und in der Tiefe seiner Seele, sondern er rief es fröhlich und laut: