Lotte hieß er das liebliche Wesen, das für den empfindsamen Werther das Lockbild reiner Natur war; ihr zu entsagen vermochte er nicht, sie zu besitzen war ihm verwehrt: so kam aus reiner Quelle trübes Gewässer.

An seiner empfindsamen Liebe zu leiden, wurde dem Jüngling Genuß; alle Schmerzen riß er sich auf und alle Launen des Unglücks rief er heran, bis nur noch der Tod die Wollust der Leiden auslösen konnte.

Er glaubte an seiner Liebe zu sterben, aber sie war nur der Mantel, den seine Empfindsamkeit umhing; er pries die Einfalt, weil er am Überdruß krank war; er löckte den Stachel der Liebe, weil er den Brand und die Fäulnis der Wunde genoß.

Noch hatte kein Buch der deutschen Sprache solche Wirkung getan: Werther zu lesen, Werther zu leiden und Werther zu sein, wurde die Mode empfindsamer Herzen; der Himmel sank hin und die Hölle brach auf und ertranken in Tränen.

Goethe, der Dichter des Götz und der brausenden Jugend, wurde der seufzende Herold der Zeit; mehr Kränze als je einem Helden wurden von zärtlichen Händen geflochten, den Abgott zu schmücken.

Und niemand kannte den heimlichen Schatz, den der Jüngling aus Frankfurt in seiner Lade bewahrte, niemand wußte, daß der gepriesene Dichter in seinen Liedern ein Königssohn war.

Da waren nicht seufzende Worte und launische Leiden gehäuft, da hatte das zärtliche Gift nicht an der Kraft der Seele gerührt, da war ein Jungmännerherz vom Blut des Lebens erfüllt, da war ein Mund, wirkliche Leiden und Freuden zu sagen, da war ein Dichter, das Höchste wie das Geringste in Schönheit zu wagen.

Weimar

Karl August, der junge Herzog in Weimar, lud Goethe, den Dichter des Götz und des Werther, zu Gast; aus der fürstlichen Laune wuchs eine lange Liebe und eine Blutsbrüderschaft.

Der Herzog war allzu behutsam erzogen, Goethe der Günstling sollte ihn erst den rechten Lebensgenuß lehren; aber der Dichter wurde dem Jungherzog Führer und Freund und wußte die fürstliche Tollheit sacht in die Pflicht umzulenken.