Denn längst hatte der unstete Mann seinen Freunden den Grünen Heinrich geschrieben, die Beichte der eigenen Jugend, in Goethescher Weise Wahrheit und Dichtung vermischend; aber ihm war die Jugend noch nah mit ihrer grünen unübersehbaren Wildnis.

Auch waren der grünen Wildnis des Malergesellen aus Zürich andere Bäume und Blumen gewachsen als dem Frankfurter Ratsherrenkind: der Maler hatte die Augen gegeben, die unübersehbare Fülle bildhaft zu fangen, der Poet hatte die Gläser mit vielerlei Farben gestellt, die grüne Wildnis nach Knabenart blau und rot und gelb zu betrachten.

Nirgend marschierte das Schicksal mit lauten Kanonen; aber ein leises Gefüge von Schuld und Verpflichtung, Täuschung und Mißgeschick verschob dem Knaben und Jüngling die grünen Kulissen, bis der Malergesell aus der unübersehbaren Wildnis keinen Ausweg mehr fand.

So war die Jugend des Malergesellen; aber der Dichter hatte dem Mann das Lebenstor breit aufgemacht, daß die Landschaft dalag in der Fülle gerundeter Bilder.

Die Leute von Seldwyla hieß er den Band seiner Geschichten, die alle mit Worten gemalt, mit Farben gedichtet, alle homerisch gebildet, aber von einem Schalk ins Wasser getaucht waren, sodaß ihre blinkende Nässe im Sonnenschein wehmütig fast und geneigt, sich zu schämen, und dennoch im Frohgefühl ihres Daseins leise durchlächert dastand.

Klopstock hatte von Ossian her nach deutschem Wesen getrachtet, Lessing hatte der welschen Manier das deutsche Wort abgerungen, Goethe und Schiller waren tief in den Jungbrunnen der Griechen getaucht, die Romantiker hatten sich in den Traum vergangener Größe geflüchtet, Kleist und Hebbel hatten die Kleider der Weltflucht vom Leibe gerissen: nun kam ein Poet aus der Schweiz und vermochte, was keinem gelang, aus deutscher Seele allein die Fülle lebendig zu machen.

Aber die Deutschen saßen zu sehr in der Not ihrer schimpflichen Jahre, so frohe und freie Entfaltung der eigenen Wesenheit zu erkennen; vermögende Freunde daheim bauten dem Dichter das Nest.

Fünfzehn Jahre lang mußte der Schalk von Seldwyla Staatsschreiber heißen, fünfzehn Jahre lang auf der Höhe seines Lebens der Bürgerschaft dienen, nicht wie Goethe regierend, nur eine Schreibfeder der Großen.

Aber wie jener tat er den Dienst treu und beharrlich; der Dichter goldener Träume konnte dem Alltag dienen, weil keine blasse Romantik ihn lebensfremd machte, weil die volle Hinwendung zum Dasein des Bürgers sein Werk wie sein Wesen erfüllte.

Als er in Ehren Abschied nahm, war er grau; aber das Leben hielt ihm die Treue, die er ihm gab in all seinen Stunden: noch sechzehn Jahre lang konnte der Alt-Staatsschreiber von Zürich das Seine beschließen.