Nur innerhalb der Scenen, die von Gretchen handeln, haben wir ihn zu suchen, also in V-XVII. Aber in V-XII finden wir ihn nicht; die Anknüpfung des Verhältnisses ist ganz anders, nur dass der Intrigant Hasenpoth als der Verführer und Helfershelfer erscheint und den grosssinnigen Wallungen des Schuldigen ebenso spöttisch gegenüber steht wie Mephisto. Die Kupplerin Marthe erinnert nur entfernt an das Bordell, ihr Name findet sich allerdings als Frau Marthan bei der Katastrophe wieder. Aber zu XIII vergleicht sich der Schlaftrunk, den auch bei Wagner die Mutter bekommt, während die Unschuld fallt. Zu XIV: Lissel heisst das Dienstmädchen bei Humbrechts; auch dort ist von einer anderen Gefallenen die Rede, und das wirkt auf Eva zurück. Zu XVI: Eva voll Jammer in ihrer Kammer; doch ist die Aehnlichkeit zu vag um den Schluss zu gestatten, dass Wagner die Scene gekannt haben müsse. Zu XVII: Eva wird in der Kirche ohnmächtig, als die Verordnungen über Kindesmord von der Kanzel verlesen werden; ihre Mutter stirbt vor Gram. Ausserdem aber: Eva erklärt ihrem Verführer was sie thun würde, wenn er sie im Stiche liesse: 'Die grauenvollste Wildnis würde ich aufsuchen, von allem was menschliches Ansehen hat entfernt, mich im dicksten Gesträuch vor mir selbst vorbergen' usw. In der That läuft sie fort, da sie sich verrathen glaubt. Bei der Wäscherin Frau Marthan weilt sie unerkannt; da bringt sie ihr Kind zur Welt; da tödtet sie es im Wahnsinn. Ein Lied das sie singt, steht in entschiedener Verwandtschaft mit dem grausigen Liede Gretchens im Kerker. Wir erinnern uns dass Gretchen im prosaischen Faust von der Heimat verirrt gedacht war, und der übrige Verlauf stimmt gleichfalls. Ob im prosaischen Entwurf Frau Marthe auch so spät erst als Vertraute eintreten sollte, können wir nicht wissen. Jedenfalls, wenn sie anfangs die Vermittlerin spielte, so wäre sie dann wol Gretchens erste Zuflucht gewesen. Andrerseits deuten wol die Liebesscenen im Freien (oben S. 85 f.) auch schon für die Prosa auf den Garten der Nachbarin.
Fausts Geliebte heisst im Text immer Gretchen, auch Gretelchen (Z 2517) oder, des Auftactes wegen, Margretlein (Z. 2471). Aber bei Angabe der sprechenden Personen gebraucht Goethe V-XI und XIII Margarethe, XII, XIV, XVI Gretchen, letzteres ebenso in der prosaischen Scene XVII. Dergleichen, weil es unwillkürlich zu sein pflegt, verräth zwei verschiedene Ansätze. Und darauf möchte ich um so mehr Gewicht legen, als ein durchgreifender innerer Unterschied zwischen jenen Scenengruppen vorhanden ist. Die Gretchen-Scenen haben einen entschieden tragischen Charakter, die Margarethen-Scenen sind eher heiter zu nennen. Und beide Reihen lösen sich nicht etwa dem Verlaufe der Begebenheiten gemäss ab, sondern sie greifen in einander. Was Wagner benutzt, liegt innerhalb der Gretchen-Reihe, bei XIII konnte die Prosa noch eintreten. Die Folgerung, dass die Gretchen-Scenen früher in Reimen niedergeschrieben seien, als die übrigen, wagt man doch nicht mit Vertrauen daraus zu ziehen.
Man sollte denken dass die Metrik Anhaltspuncte für die Altersbestimmung ergeben müsste. Wenn die Behandlung des Knittelverses bei Goethe sich auf eine bestimmte und erkennbare Weise entwickelt, so müssten sich die Verschiedenheiten auch am Faust aufweisen lassen. Ich habe mir Tabellen entworfen, aus denen ich den metrischen Charakter jeder Zeile leicht ersehen und daher den metrischen Charakter jeder Scene ohne Mühe überblicken kann. Es ergeben sich in der That Unterschiede; aber ich möchte ihre nähere Darlegung noch zurückhalten. Sehr schlagend sind die Folgerungen auch hier nicht. Mit der verhältnismässig späten Scene III vergleichen sich durch Seltenheit zweisilbiger Senkung Ib, IX, X. Mit Ia vergleichen sich durch ausgeprägtes Streben nach paarigem Reime IIb, XI, XIV. Aber bei so kurzen Stücken wie XIV oder vollends XI will das wenig besagen.
Den Hiatus habe ich schon bei einer anderen Gelegenheit erwogen (Comment. philol. in hon. Theod. Mommseni S. 225). Er findet sich in Ia, IIa, IIb, (III), VI, (X), XIII. Die eingeklammerten Fälle sind leicht, in XIII scheint die Prosa durch. Im übrigen dürfte man höchstens geltend machen, dass sich Ia und IIb wieder gruppiren.
Ueberhaupt also, hier weiter vordringen zu wollen, scheint vergeblich. Die geringen Anhaltspuncte, die wir erwogen, würden etwa auf folgende Ordnung führen: Ia, IIb, XIV; IIa? XII, XVI; V, VI, VII, VIII, XIII; Ib, III, IX, X, XI Das heisst: a) Monolog mit Erdgeist: Schülerscene; Gretchen und Lieschen am Brunnen (Hiatus, Streben nach paarigem Reime) – b) Faust und Mephisto (der späteren Vertragscene angehörig, vgl. Prometheus DjG. 3, 449 'Vermögt ihr mich auszudehnen, zu erweitern zu einer Welt?'); Gretchen am Spinnrad und vor der Mater dolorosa, letztere beide Scenen rein lyrisch – c) Fausts und Gretchens erste Begegnung, bis zu Mephistos Besuch bei Frau Marthe; Katechisation (älteste Margarethen-Scenen, der König von Thule schon im Sommer 1774 vor Jacobi declamirt) – d) Faust und Wagner; Auerbachs Keller; Faust vor und in der Begegnung mit Gretchen in Marthens Garten (einsilbige Senkung).
So unsicher das Fundament ist, auf dem wir bauen, wir müssen unsere Gedanken zu Ende denken. Die Gruppen a b gehören näher zusammen, und ebenso c d. Zu c wird neu angesetzt und die Namensform Margarethe gebraucht. Gruppe a b ist pessimistisch gefärbt, c d optimistisch. In a b wird die Kleinheit des Menschen demonstrirt, der sich bläht, sich den Geistern gleich dünkt und am Ende doch bleibt was er ist. In c d heisst 'schönstes Glück' und 'Fülle der Gesichte' (Z. 166,167) was noch eben wie Vernichtung empfunden wurde. Dort sehen wir das schwermüthige, sehnsüchtige, unglückliche Gretchen; hier ist sie naiv, liebend, beglückt. Dort war Faust nur der vergeblich Strebende, der düstere Gelehrte; hier wird er erst als Liebhaber gezeigt oder in belehrender Conversation mit seinem Famulus. Dort ist Mephisto ganz Teufel, hier ein vergnüglicher Hexenmeister und Humorist. Nur dort finden wir seelenmalende Monologe, sonst bloss Dialoge; hier stellen sich dafür Auftritte zu dreien, vieren und eine Ensemblescene ein. Dort fehlt alle Localfarbe, hier tritt gelegentlich der Charakter des sechszehnten Jahrhunderts bestimmter hervor.
Was liegt zwischen den beiden Gruppen? Ich denke, die Vollendung des Werther und vielleicht Studium des Spinoza.
Die Paralipomena, in denen Mephisto theils zu Faust theils zu sich selbst redet, zeigen den Mephisto der zweiten Gruppe: 'Wenn du von aussen ausgestattet bist' ... 'Seht mir nur ab, wie man vor Leute tritt' ... 'Der junge Herr ist freilich schwer zu führen' ... Alle drei Fragmente zeigen nicht blos den lustigen Teufel, sondern auch streng einsilbige Senkung, und das dritte ist überdies aus Hanswursts Hochzeit (1775) hervorgegangen.
Indem ich nun von den unsicheren Unterscheidungen absehe, versuche ich die Geschichte des ersten Faust in grossen Zügen zu entwerfen.