Die Jahreszahl mit der obigen Einschränkung zu nehmen. Erhalten sind daraus, wie gezeigt, Stücke in I (Z. 115-123, 161-164) X (Z. 2827-2838) XIII (Z. 3078 ff.). Dann Scene XVII (Z. 3419-3477). Die Scenen 'Trüber Tag, Feld' und 'Nacht, offen Feld' (Z. 4042-4047) in umgekehrter Ordnung. Vom zweiten Theil die Fragmente in den Paralipomena.
Mephisto ist Diener des Erdgeistes, dem Faust von diesem beigegeben. Das Ganze shakespearisirend zu denken in der Erfindung (Hexen, Geister, Ophelia-Gretchen, Schauspiel im Schauspiel) und im Ton – nach Art des Gottfried von Berlichingen.
2) Die ältesten gereimten Scenen (1773-1775).
Scene I-III, V-XIV, XVI. Mephisto ist Teufel. Z. 2764 sagt Gretchen: 'Mein Bruder ist Soldat'. Die Einführung Valentins war also beabsichtigt. Gretchen ist dagegen keine Muttermörderin; diese Schuld drückt sie nicht in XIV und XVI.
Für den zweiten Theil war die Einführung Helenas beabsichtigt. Aus Goethes Brief an Knebel vom 14. November 1827 ergibt sich, dass die Conception der Helena älter als 1776 ist (Düntzer S. 78). Wilhelm von Humboldt gegenüber bezeichnet er sie als eine seiner ältesten Conceptionen[15]. Dass dazu Stellen aufgeschrieben waren und das Auftreten ähnlich herbeigeführt werden sollte, wie jetzt, zeigt die oben S. 84 angeführte Stelle, die für den ersten Theil noch die Voraussetzung macht, Faust sei vor widerwärtigen Streichen in die Wildnis, die Einsamkeit entwichen. Die Erscheinung Helenas trat, wie schon bemerkt, an die Stelle jener anderen Geister, welche dem Kaiser ein Schauspiel aufführen.
Ueber das Nähere lässt sich nur aus den sonstigen Tendenzen Goethes zu jener Zeit eine zweifelnde Vermuthung wagen. Im jetzigen dritten Acte des zweiten Theiles wird Helena entrückt, das Körperliche verschwindet, Kleid und Schleier bleiben Faust in den Armen. Phorkyas mahnt ihn, das Kleid nicht loszulassen, woran schon Dämonen zupfen:
'Halte fest!
Die Göttin ist's nicht mehr, die du verlorst,
Doch göttlich ist's. Bediene dich der hohen,
Unschätzbarn Gunst und hebe dich empor!
Es trägt dich über alles Gemeine rasch
Am Aether hin, so lange du dauern kannst.'
Die Gewande Helenas lösen sich in der That in Wolken auf, umgeben Faust und heben ihn in die Höhe. Aus einer Wolke tritt dann zu Anfang des vierten Actes Faust im Hochgebirge hervor. Aber war das Alles, wozu Helenas Kleider dienen sollten? Für solche Zwecke hatte Phorkyas-Mephisto sonst einen Zaubermantel bereit. Das Hinwegtragen über das Gemeine muss ursprünglich so verstanden sein, wie wir es zunächst auffassen würden bei unbefangenem Lesen: nicht körperlich, sondern sittlich. Und darauf gründe ich meine Vermuthung.
Der Faust dieser poetischen Bearbeitung ist des Prometheus Zwillingsbruder. Prometheus aber ist Künstler. Sollte es auch Faust werden? Sollte künstlerisches Schaffen für ihn Sühne und Erlösung sein? Das Verhältnis des Faust zur Helena wäre dann ganz nahe zu vergleichen mit dem Verhältnis des Künstlers im Erdenwallen zur Venus Urania. Wir wissen jetzt durch Herrn v. Loeper (Briefe Goethes an Sophie von Laroche und Bettina Brentano, Berlin 1879, S. 57) dass Goethe schon am 18. Juli 1774 dem Erdenwallen 'des Künstlers Vergötterung' beigesellen wollte. Auf das Erdenwallen hat Rousseaus Pygmalion eingewirkt, dessen Motiv bekanntlich die Belebung einer Statue ist. Die entrückte und wiederkehrende, den sehnsüchtigen Verlassenen verjüngende und mit sich ins Jenseits erhebende Frau kehrt auch in der Pandora wieder. Helenas Gewand erinnert mich an der Dichtung Schleier. Wir dürfen nicht annehmen dass Goethe zwei Theile des Faust schon damals beabsichtigte. Alles aber musste innerhalb eines einzigen Dramas sich rascher abspielen. Daher mochte etwa Faust die zur Lust des Kaisers beschworene Helena anrufen, festzuhalten suchen: aber sie entschwand, liess blos ihr Kleid zurück? Faust sucht die Verlorene im Bilde herzustellen? Die Kunst bewährt sich wie die Poesie in der Pandora nach dem Schema: 'Vergangnes in ein Bild verwandeln. Poetische Reue. Gerechtigkeit' Jedenfalls wäre Faust dann zuletzt ein Schaffender, wie jetzt im fünften Acte des zweiten Theiles; und schon zu jener Zeit kann eine Art Apotheose beabsichtigt gewesen sein.
Zweifelnd werfe ich noch die Frage auf, ob das Motiv der Bibelübersetzung vielleicht alt ist. Es steht auch ohne Folge da. Polemik gegen die Kirche fehlt in der zweiten Phase nicht. Die Erfindung zweier Kästchen hat nur den Zweck, Mephistos Rede über den Pfaffen anzubringen.