Ausserdem sei erwähnt, dass Düntzer (S. 207) Kuno Fischer (Goethes Faust, Stuttgart 1878, S. 216) und Herr von Loeper (S. XVII) die Scene vor dem Thore auf die Frankfurter Zeit zurück datiren wollen. Von Gewicht ist allerdings eine Briefstelle vom 3. August 1775 (DjG. 3, 95): 'Ich sass eine Viertelstunde in Gedanken und mein Geist flog auf dem ganzen bewohnten Erdboden herum. Unseliges Schicksal das mir keinen Mittelzustand erlauben will. Entweder auf einem Punct, fassend, festklammernd, oder Schweifen gegen alle vier Winde. – Selig seid ihr verklärte Spaziergänger, die mit zufriedener anständiger Vollendung jeden Abend den Staub von ihren Schuhen schlagen und ihres Tagwerks göttergleich sich freuen.' Und er beschreibt weiter die Aussicht auf den Main, auf Bergen, auf 'das graue Frankfurt mit dem ungeschickten Turn.' Er schreibt aus Offenbach. Da haben wir Goethe-Faust ausserhalb Frankfurts, sich selbst vergleichend mit Spaziergängern, welche ihn als eine ideale Gesellschaft umgeben, Goethe-Faust mit den zwei Seelen, von denen die eine mit klammernden Organen (762) an die Welt sich hält, die andere wegstrebt zu neuem buntem Leben und auf einem Zaubermantel in fremde Länder fliegen will. Vgl. weiter die von Düntzer S. 215 f. Anm. angeführten Parallelstellen.
Stellen, welche die übereinstimmenden Motive enthielten, müssen wol damals aufgezeichnet sein. Aber vollendet wurde die Scene nicht; und dass bereits Mephistos Erscheinen als Pudel beschlossen war, kann niemand behaupten. Die Scene konnte sehr wol als eine charakterisirende gedacht sein, welche in Fausts Vergangenheit einführen und als Contrast zwischen anderen von mehr düsterer Färbung wohlthätig wirken sollte.
Auf ein weiteres nach Frankfurt gehöriges gereimtes Stück des Faust werden wir in der nächsten Phase stossen.
3) In und nach Italien (1788 und 1789).
Die 'Hexenscene' des Faust d.h. die Scene in der Hexenküche, IV, verfasste Goethe im Garten Borghese zu Rom (Eckermann 10. April 1829). An Herder aber schreibt er am Sonnabend 1. März 1788: 'Es war eine reichhaltige Woche, die mir in der Erinnerung wie ein Monat vorkommt. Zuerst ward der Plan zu Faust gemacht, und ich hoffe, diese Operation soll mir geglückt sein. Natürlich ist es ein ander Ding, das Stück jetzt oder vor fünfzehn Jahren ausschreiben; ich denke, es soll nichts dabei verlieren, besonders da ich jetzt glaube, den Faden wiedergefunden zu haben. Auch was den Ton des Ganzen betrifft, bin ich getröstet; ich habe schon eine neue Scene ausgeführt, und wenn ich das Papier räuchere, so dächt' ich, sollte sie mir niemand aus den alten herausfinden.'
Sind wir nicht zu kühn, wenn wir hoffen, diese Scene dennoch herauszufinden? Denn die Hexenküche ist es schwerlich: sollte sie Goethe im Februar im Garten Borghese geschrieben haben? Auch ist eine Scene im Faust vorhanden, welche hier entschieden den nächsten Anspruch machen darf, weil man darin ganz deutlich sieht, wie der Dichter aus dem Stil der Iphigenie in den des Faust zurückstrebt, ohne dass es ihm gleich völlig gelingt. Diese muss die erste sein, die er in Italien dichtete: die Hexenküche dagegen ist ganz einheitlich gerathen. Ich meine 'Wald und Höhle' Sc. XV. Dass mindestens der Monolog Fausts, mit welchem sie eröffnet wird, nicht vor Italien entstanden sein kann, sah schon Düntzer (S. 311, vgl. Julian Schmidt Preuss. Jahrb. 39, 376): die fünffüssigen reimlosen Iamben sind ein unwidersprechliches Argument. Aber man muss die ganze Scene mit einer kleinen Ausnahme demselben Urtheil unterwerfen; sie würde daher, wenn meine Vermuthung richtig ist, der letzten Februarwoche des J. 1788 angehören, während die Hexenküche in den März oder April (in der Nacht auf den 23. April reiste Goethe ab) des genannten Jahres fiele.
Goethe teuschte sich, wenn er den Faden wiedergefunden zu haben glaubte; unsere Scene gerade beweist das Gegentheil. Sie kann nirgends eine recht passende Stelle finden. Im Fragmente steht sie nach der Brunnenscene vor der Anbetung der Mater dolorosa. Aber da passt sie nicht hin. Faust hat sich in die Einsamkeit zurückgezogen und ist glücklich da; Mephisto erregt in ihm die Begierde nach Gretchens Leib. Das kann doch nur in der Absicht geschehen, dass Faust das Mädchen verführen soll. Sie ist aber schon verführt, und die Sache hat nicht die geringsten Folgen.
Goethe hat die Scene daher später umgestellt: zwischen XI und XII. Nun stimmt wenigstens dass sie noch nicht verführt ist. Aber Faust sollte sie nach der ersten innigen Begegnung gleich verlassen haben? Doch das könnte eben Kampf sein gegen seine Begierde. Aber Mephisto schildert die Sehnsüchtige, und so finden wir sie denn in der nächsten Scene. Das ist schon an sich verwunderlich: die Dinge sollen im Drama entweder erzählt oder dargestellt werden, aber nicht beides. Ueberdies setzt Gretchens Sehnsucht in XII nicht Fausts Abwesenheit voraus; und bei der Begegnung in XIII ist keine Rede vom Wiedersehen. Also wenn auch im ganzen durch die Umstellung eine richtigere Folge bewirkt wurde, so bleiben doch Incongruenzen zurück.
Bei der Ausarbeitung hat als Quelle gedient eine Scene, welche Goethe zu verwerfen und an ihrer Stelle durch eine andere zu ersetzen entschlossen gewesen sein muss, die prosaische Scene 'Trüber Tag, Feld'. Diese verhält sich dazu gerade, wie XVII zu XVI.
Die Hauptmotive kehren wieder: Faust und Mephisto entzweit über Gretchen; Faust wüthend über Mephisto; Contrast ihrer Empfindung, Mephistos kalte Ironie über das Schicksal des Mädchens; dieses selbst friedlos und in Qual gedacht.