Im Einzelnen vergleiche man Prosa 31-34: 'Grosser, herrlicher Geist, der Du mir zu erscheinen würdigtest, der Du mein Herz kennest und meine Seele, warum an den Schandgesellen mich schmieden, der sich am Schaden weidet und am Verderben sich letzt?' Und XV Z. 2861 ff, 2884 ff:
Erhabner Geist, Du gabst mir, gabst mir Alles,
Warum ich bat. Du hast mir nicht umsonst
Dein Angesicht im Feuer zugewendet,
Gabst mir die herrliche Natur zum Königreich,
Kraft sie zu fühlen, zu geniessen....
O, dass dem Menschen nichts Vollkommnes wird,
Empfind ich nun. Du gabst zu dieser Wonne,
Die mich den Göttern nah und näher bringt,
Mir den Gefährten, den ich schon nicht mehr
Entbehren kann, wenn er gleich kalt und frech
Mich vor mir selbst erniedrigt und zu nichts
Mit einem Worthauch Deine Gaben wandelt.
Der ganze herrliche Monolog, der ein so tiefes Naturgefühl athmet, ist aus jener Stelle entstanden, ist nur eine Ausführung derselben. Wobei allerdings das Motiv einsamer Ruhe in der Natur schon in der ersten Phase des Faust gegeben sein mochte; Faust ist auch hier noch der Flüchtling, der Unbehauste (2992 vgl. oben S. 85).
Es vergleicht sich ferner Prosa 25: 'Nun sind wir schon wieder an der Grenze unseres Witzes, da wo euch Menschen der Sinn überschnappt.' Poesie 3010. 3012 f.:
Wies wieder siedet, wieder glüht!...
Wo so ein Köpfchen keinen Ausgang sieht,
Stellt er sich gleich das Ende vor. –
Nun aber ein Weiteres. Auf den Monolog Fausts in fünffüssigen reimlosen Iamben folgt der Dialog mit Mephisto in Knittelversen. Diese sind streng iambisch, niemals zweisilbige Senkung (einmal im Auftact versetzte Betonung 2931) – mit Ausnahme von 2951-2969, wo man Trochäen und zweisilbige Senkungen gehäuft und einen Hiatus (2957 'Das arme affenjunge Blut') findet. Es kommt dazu dass Z. 2970 f. 'Verruchter! Hebe Dich von hinnen Und nenne nicht das schöne Weib!' jetzt etwas sonderbares haben: das soll doch offenbar eine Unterbrechung auf erste Erwähnung hin sein; dazwischen aber gab Mephisto eine lange Schilderung von Gretchens Sehnsucht – man staunt dass ihn Faust erst jetzt schweigen heisst. Scheidet man die genannten Verse aus, so ist Alles in Ordnung. Man bemerkt auch leicht dass sie dem Tone nach herausfallen; es sind viel mehr realistische Elemente darin, als sonst in der vorliegenden Scene aufgewendet werden.
Offenbar sind diese Verse älter, viel älter. Ich meine, sie lagen Goethe schon vor als er Gretchens Monolog am Spinnrad dichtete, sie lagen ihm wieder vor als er Z. 2947 bis 2949 dichtete und er wollte sie schliesslich bei der Zusammenstellung des Fragmentes nicht verwerfen, schob sie hier ein, wo sie wie eine nähere effectvolle Ausführung dastehen.
Schon als er Gretchen am Spinnrad dichtete, muss er entschlossen gewesen sein, die Verse zu verwerfen und überhaupt das Motiv fallen zu lassen, dass Faust während seines Liebewerbens noch einmal in die Wälder entflieht. Das heisst: die Verse müssen bald nach ihrer Entstehung dem Untergange geweiht worden sein. Denn ich weiss sie blos der obigen Gruppe 2) b) zuzutheilen: das Streben nach paarigen Reimen ist ganz aufgegeben. Der Mephisto von Sc. IIa ist der nächste Verwandte des Redners, welchem die besprochenen Verse in den Mund gelegt werden. Ich wiederhole übrigens noch einmal dass ich auf jene Gruppirung vorläufig kein Gewicht lege, dass ich nur den Versuch derselben möglichst consequent zu Ende führe.
Mephisto erschien in den erst verworfenen Versen als Intrigant, Verführer, eine Figur, wie sie im bürgerlichen Trauerspiel ihr Wesen zu treiben pflegte (Sauer QF. 30, 42 f. 98 ff.). Goethe wollte sich von dieser Maschinerie befreien, in Italien war sie ihm vielleicht wieder willkommen als ein Mittel zur Entlastung des Helden, zur Abschwächung der Schuld – oder vielleicht nahm er ohne weitere Reflexion das in seinen Papieren vorgefundene Motiv, er hatte vergessen dass es nicht mehr gelten sollte.
Wenn Mephisto dem Genossen vorhält (2914):