Und wär' ich nicht, so wärst Du schon
Von diesem Erdball abspaziert –
so wurde die Stelle schon oben S. 85 vermuthungsweise benutzt. Man kann sie kaum anders auffassen, denn als Anspielung auf einen von Mephisto gehinderten Selbstmordversuch. Auch das Motiv, welches Goethe in der vierten Phase des Faust, freilich anders, ausführte, müsste er demnach schon in seinen Papieren angedeutet gefunden haben. Und in der That, zu welcher Epoche seines Lebens könnten wir es natürlicher in Beziehung setzen, als zur Wertherzeit? 'Der Faust entstand mit meinem Werther,' sagt Goethe zu Eckermann am 10. Februar 1829. Aber Spuren des Werther findet er schon in Briefen an Horn aus dem J. 1770 (Eckermann 11. April 1829).
Was nun die zweite italienische Scene, die Hexenküche, betrifft, so congruirt auch sie nicht völlig mit dem was ihr vorhergeht. 'Wir sehn die kleine, dann die grosse Welt,' erklärt Mephisto. 'Allein mit meinem langen Bart fehlt mir die leichte Lebensart,' erwidert Faust. Darauf versetzt Mephisto: 'So bald Du Dir vertraust, so bald weist Du zu leben.' Da ist nicht die Rede davon, dass er verjüngt werden müsse. Dies aber erscheint als Programm der Sc. IV: die Hexe soll ihm dreissig Jahre vom Leibe schaffen. So wäre Faust mindestens fünfzigjährig, wo nicht älter zu denken, was kaum die ursprüngliche Absicht gewesen sein kann. Auch will Mephisto dem Faust ein Schätzchen ausspüren (2090 vgl. 2246 f.), man muss an Gretchen denken, diese aber sieht Faust und liebt sie ganz ohne Mephistos Zuthun.
Dass Goethe das Material zu der Scene vielleicht aus den 'abgeschmackten Zerstreuungen' des prosaischen Faust entnahm, woraus andrerseits die Walpurgisnacht entstand, wurde bereits bemerkt. Auch hier kehrt das Wort 'abgeschmackt' im selben Sinne zweimal in Fausts Munde wieder (2032. 2179).
Der Zweck der Scene ist neu. Auch sie dient zu schärferer Motivirung, gründlicherer Vorbereitung und zur Entlastung des Helden; sie liefert eine symbolische Vorbereitung für Fausts gesammtes Liebesleben. Das Frauenbild im Spiegel ist wieder ein Motiv, jetzt ohne Folge, das bei seiner Erfindung nicht folgenlos gedacht gewesen sein kann; und da auf Gretchen entschieden nicht gedeutet sein soll, so hätte Faust wol Helena als jenes Bild erkennen müssen, das ihn im Spiegel so sehr entzückte. Die Beziehung ist jetzt wol noch vorhanden, aber anders gewendet:
Die Wohlgestalt, die mich voreinst entzückte,
In Zauberspiegelung beglückte,
War nur ein Schaumbild solcher Schöne!
Fausts Verjüngung, der bald mit innigem Ergetzen empfinden soll, wie sich Cupido regt und hin und wieder springt, hat wol noch einen weiteren Grund in Goethes eigenen italienischen Erlebnissen, für welche die römischen Elegien immer als Beweismaterial dienen dürfen, wenn sie auch nicht in Italien entstanden. Auch die Ablehnung der nordischen Phantome von Seiten Fausts kommt aus Goethes eigner Seele.
Goethe spricht nun aber ferner davon dass er in jener inhaltsreichen Februarwoche den 'Plan zu Faust' gemacht habe. Was er in diesen Plan jetzt neu aufnahm, lässt sich nur zum geringsten Theil erkennen. Manches was in dem vierten Entwicklungsstadium des Faust hervortritt und ausgeführt wird, mag jetzt entworfen oder geahnt sein. Manches was sich während der Weimarer Zeit dem Faust entgegenbildete, mag er jetzt als brauchbares günstiges Element erkannt, erfasst und eingereiht haben. So die Walpurgisnacht, deren Idee man schwerlich für älter halten darf als Goethes Bekanntschaft mit dem Harz (1777). Die Worte in der Hexenscene 2235 'So darfst Du mirs nur auf Walpurgis sagen' sind gewiss in der Absicht geschrieben, die Walpurgisnacht im Stücke folgen zu lassen; vielleicht sollte dann auch die Hexe sich mit einem Anliegen bei Mephisto wirklich präsentiren.
Ein Stück der Paralipomena dürfen wir vielleicht hierher rechnen, welches Moritz kannte; woraus allerdings nur folgt, dass es nicht jünger ist als Januar 1789 (Düntzer S. 386).
Mephisto schlägt vor einem Kreuze die Augen nieder: 'Ich weiss es wol, es ist ein Vorurtheil; allein genug, mir ist's einmal zuwider.' Die Worte sind nicht so merkwürdig als die Scenerie: 'Landstrasse. Ein Kreuz am Wege, rechts auf dem Hügel ein altes Schloss, in der Ferne ein Bauerhüttchen'. Ich finde die decorativen Elemente des fünften Actes vom zweiten Theile wieder: die Kapelle, in welcher Philemon und Baucis zu Fausts Aerger 'läuten, knieen, beten'; Fausts Palast; die Hütte der beiden Alten. Natürlich wagt man nichts weiter darauf zu bauen; die Aehnlichkeit nicht zu bemerken aber wäre stumpfsinnig.