[9] Noch etwas anderes kann zu Grunde liegen oder mitwirken. Herder verfolgte sympathisch die Idealisirung des deutschen Alterthums und das Bardenwesen, wie der Aufsatz über Ossian zeigt. Auch in der Aeltesten Urkunde tritt der Germane, wie ihn Tacitus schildert, direct neben Adam (7, 74). Vgl. Lebensb. 5, 293 Gerstenberg. Goethe, der mit dem Bardenwesen von vornherein nichts zu thun haben wollte, mochte in ähnlicher Weise spotten wie es später in (Schinks) Marionettentheater (Wien, Berlin und Weimar 1778) S. 175 f. geschah. Apollo hält Gericht über die verwilderten Musen; die erste setzt sich vor ihm nieder und frisst Eicheln; sie nennt sich die Bardenmuse: 'Die französischen Leckereien veracht' ich. Brod, Bier, Wein und Fleisch sind für die Weichlinge. Die alten Deutschen assen Eicheln' ... Das weitere ist Unfläterei. – Wilmanns verweist auf Wieland 29, 214, einen Aufsatz 'über die von J.J. Rousseau vorgeschlagenen Versuche den wahren Stand der Natur des Menschen zu entdecken' (1770). Da heisst es: 'Rousseau lässt seinen natürlichen Menschen seine Speise unter einer Eiche suchen. Vermuthlich muss dieser Philosoph, bei aller seiner Neigung zum Cynismus, in seinem Leben keine Eicheln gegessen haben. Er würde sonst wenigstens eine kleine Anmerkung dazu gemacht haben, welche ihm Strabo und Plinius an die Hand geben konnten. Die ältesten Griechen und einige Völker, die uns der erste nennt, nährten sich auch von Eicheln. Aber es waren, wie uns eben dieser weise Schriftsteller versichert, eine sehr gute wohlschmeckende Art von Eicheln; mit einem Worte, eben diejenige, welche noch auf diesen Tag unter dem Namen Kastanien in ganz Europa – von den arbitris lautitiarum selbst – gegessen werden.' Hiermit wird das Richtige gefunden sein: die verbesserte Rousseausche Ansicht schreibt Goethe dem Satyros, dem Repräsentanten Herders als Anhänger Rousseaus, zu.
[10] Goethe an die Laroche 12. Mai 1773 (Goethe-Schlosser S. 141): 'Leysering [Leuchsenring] wird Ihnen wunderbare Geschichten erzählen ... Und doch wollt ichs tragen, dass Seelen die für einander geschaffen sind, sich so selten finden und meist getrennt werden; aber dass sie in den Augenblicken der glücklichsten Vereinigung sich eben am meisten verkennen, das ist ein trauriges Räthsel.' Gehört natürlich hierher und hat mit der Klatscherei Leuchsenrings, von welcher Merck an seine Frau im Herbst 1771 schreibt (Merck 3, 22), nichts zu thun.
[11] Vgl. im Ausdruck den Schluss der Erörterung über den Sündenfall in Herders viertem Theil (7, 175): 'Auch meinen elenden Erdcommentar tritt zu Füssen, und schwimme selbst in den Wolkenschleier voll Morgenröthe, wo Feld beginnet und Eden schwindet.'
[12] Doch dürfte diese Art zu schliessen nicht überall angewendet werden. Goethe konnte Motive des Puppenspieles, die er zuerst fallen liess, dann wieder aufnehmen. So müssen wir uns lediglich bescheiden, nicht zu wissen, ob auch in der Prosa Wagner auftrat, nachdem der Erdgeist verschwunden. Für die erste Scene aber müsste man annehmen, wenn jener Schluss nicht gelten sollte, dass Goethe das Puppenspiel erst verändert hätte und dann wieder dazu zurückgekehrt wäre.
[13] 'Der (Schauspieler, der) den König spielt, soll mir willkommen sein; seine Majestät soll Tribut von mir erhalten' Hamlet II, 2 nach Eschenburg.
[14] Ich will doch eine Vermuthung nicht verschweigen, welche mir ein Freund mittheilt. Er fragt, ob nicht vielleicht 'Portebras' zu lesen sei, mit Rücksicht auf Lessings Dramaturgie 4. Stück: 'Weg also mit diesen unbedeutenden Portebras.' Vgl. Lichtenberg 3, 222 (Göttingen 1844). Das Wort müsste dann auch persönlich gebraucht worden sein (wofür uns leider keine Belege zu Gebote stehen), etwa für Coulissenreisser, wie denn das bei Goethe folgende 'Kauz' und desgleichen das Fem. 'Kauzin' speciell im Sinne von Possenreisser und herumziehende Schauspielerin nachgewiesen ist. DWb. 5, 368. 372.
[15] Goethe-Humboldt 8. 279. Die angebliche Vorlesung der Helena vom 23. und 24. März 1780 dagegen sollte man nicht mehr citiren. Es war eine Aufführung der Elena von Hasse (Keil 1, 216).
[16] Man darf selbst geltend machen 'mit abegewendetem Blick' in der Pandora (Hempel 10, 371) neben 'Wasserstrom, der abestürzt' in der letzten Scene des Faust (Hempel 13, 236). Dieses 'abe' ist nicht das mhd. abe, sondern das schweizerische abe (s. z.B. Hunziker Aargauisches Wb. Sailer Basler Mundart s.v.) für abhin. Ebenso gebraucht es Schiller 2, 144, 22 in den Räubern. Aber Goethe gestattet sich die Form vermuthlich auf die Autorität des mhd. abe hin, das er im Nibelungenliede fand. Und so wäre denn auch hierdurch auf die bestimmte Zeit nach dem Abschlusse des ersten Theiles gedeutet. Dem Nibelungenlied wandte sich Goethe im letzten Viertel des J. 1807 zu. – Einen wenig bekannten Beleg für Goethes frühere Beschäftigung mit dem Minnesange gewährt eine Erzählung Böttigers (Raumers hist. Taschenb. 10, 392): Goethe citirt am 8. October 1791 an Wielands Tische 'das Lied des Königs Wenzel von Böhmen' aus der Bodmerischen Sammlung. Bei Grosse Goethe und das deutsche Alterthum (Dramburg 1875) finde ich das Zeugnis nicht erwähnt, dagegen wird S. 27 ganz richtig mit Herrn v. Loeper (Hempel 11, 315) das Wort 'Kemenate' in dem Maskenzuge russischer Nationen zum 16. Febr. 1810 auf Goethes altdeutsche Studien zurückgeführt.