Ehe ich noch etwas erwidern konnte, wurden die Stühle mit großem Lärm gerückt und man erhob sich. Die junge Dame tat mit der Hand noch schnell eine sonderbare Geste, die ich mir nur so deuten konnte: „Ein dummer Junge, nicht wahr?“ Darauf hatte sie plötzlich, als sie von ihrem Stuhl aufstand, ernste und unbewegliche Züge. Die strengen Linien ihrer goldfarbenen Augenbrauen und Wimpern, der kunstvolle geschlossene Aufbau ihres kastanienbraunen Haares beherrschten mit einem Male das Antlitz. Die herabhängenden Arme waren eng an das Kleid gehalten und die Hände lagen wie erstarrt in den Falten.

Wolfgang Seyderhelm trat auf mich zu und bot mir sehr herzlich die Hand. Ich bemerkte, daß er enganliegende graue Hosen trug, Lackstiefel, ein Jackett, ähnlich wie es die englischen Midshipmen zu tragen pflegen, und einen umgebogenen Kragen, der seinen braunen Hals freiließ. Er schien stolz und glücklich zu sein und hatte das Aussehen und Betragen eines jungen Engländers und Weltmannes.

„Hast du dich mit deiner Tischnachbarin unterhalten?“ fragte er.

„Du meinst, mit deiner Mutter?“

„Nein, ich meine mit dieser jungen Dame dort.“

Er zeigte in den Salon.

„Kaum. – Wie heißt sie?“

„Nina.“

Ich mußte plötzlich an die Schneeberge und Weintrauben Kaukasiens denken, an die reine Stirne und den unvergleichlichen Gang der Kosakenmädchen.

„Was ist’s mit ihr?“ fragte ich.