Frau Seyderhelm strich mit der Hand über ihr schwarzes Haar.
„Nina geht diesmal auch mit,“ sagte sie, lächelte dem Pastor sehr liebenswürdig zu und schritt ins Nebenzimmer.
„Wie schön von dir, daß du mich eingeladen hast,“ sagte ich zu Wolfgang, wurde ganz heiß vor Begeisterung und ging weg.
Eine Dame mit einem ungeheuren Hut betrat den Empfangsraum, ruderte durch die Luft auf Frau Seyderhelm zu, erfüllte das Gemach mit ihren Begrüßungen, ihren schnellen Handbewegungen, ihrer Rührung über die frohe Schar, legte die Arme auf Frau Seyderhelms Schultern, küßte ihr jede Wange und sagte oftmals: „Meine liebe Lina.“ Sie wurde von den Jungen mit ehrfürchtigen und ungeschickten Verbeugungen gegrüßt, von Wolfgang empfing sie einen Handkuß und von zwei Mädchen, vermutlich ihren Töchtern, sehr rasche und oberflächliche Umarmungen.
Ein junger Herr, ein Student, wie man annehmen durfte, ging quer durch den Raum, trug mit steifem Arm die Öffnung seines Zylinderhutes nach Außen in der mit braunem Glacé bekleideten Hand, erschreckte jedermann durch seine ruckartigen Verbeugungen, saß kurze Zeit darauf von einer lauten Gesellschaft umgeben an einem Tisch und versuchte sich in einem Kunststück mit zwei Gläsern, einer Teetasse und einem silbernen Löffel.
*
Eine Dame in einem schwarzen, bis an den Hals geschlossenen Kleide, die blaß und hübsch war und hungrige graue Augen hatte, wahrscheinlich die Gesellschaftsdame irgend eines der jungen Mädchen, ließ sich am Flügel nieder und begann einen Walzer zu spielen. Die Mädchen bekamen rote Köpfe und setzten sich ziemlich nervös auf die Stühle an der Wand. Die Knaben standen in den Türrahmen, ordneten ihre Krawatten, ihre Schuhbänder, ihre Frisuren und bemühten sich sorglos auszusehen.
Irgendeiner von ihnen, ein kecker Bursche, der den Teufel nach Rotwerden und Schüchternsein fragte, forderte als erster eines der Mädchen auf. Andere folgten. Wolfgang trat von irgendwoher auf Nina zu, lächelte, ohne sich zu verbeugen, und zog sie mit sich fort. Die Jungen tanzten mit vielen Sprüngen und Witzen, schlugen die Beine nach hinten aus, so daß man ihre Stiefelsohlen zu sehen bekam, und hielten ihre Tänzerinnen mit steifen Armen, da sie die Berührung des Fleisches fürchteten. Die Mädchen bewegten sich ruhiger und hatten versonnene Augen und ein süßliches Lächeln auf den Lippen. Wolfgang und Nina sahen jugendlich und glücklich aus; sie schienen schon oft miteinander getanzt zu haben, und waren ihrer Bewegungen sicher. Nina neigte ihr Haupt ein wenig zu Boden, was ihrem schlanken, hochgestellten Körper etwas Verträumtes und zugleich Preziöses gab.
Es war recht heiß. Ich fühlte mich elend und doch glücklich und trank sehr viel Limonade. Frau Seyderhelm stand mit einem Male vor mir, wie stets sehr gerade und beinah mädchenhaft schlank, die edlen Hände über der Gürtelschnalle gekreuzt, mit heiteren Augen und reiner Stirn. Sie nannte mich oftmals „mein lieber Herr Regnitz“ und blickte, da ich verwirrte Antworten gab, mütterlich lächelnd über die froh sich bewegenden Kinder hin.
Der Student tanzte jetzt mit Nina, nannte sie „mein gnädigstes Fräulein“ und benahm sich in jeder Beziehung wie ein Student, der zu einer Backfischgesellschaft geladen ist und dort mit der einzigen erwachsenen jungen Dame tanzt. Sein Zylinder stand irgendwo in der Ecke auf einem Stuhl und schwankte grinsend hin und her.