Bei Anbruch der Nacht kehrte ich in mein Gasthaus zurück. Als ich die Stiege hinaufschritt, die von einem Windlicht schwach erhellt war, begegnete ich dem Mädchen mit dem Lächeln um die frischen, feuchten Lippen. Ich gab ihr die Hand, bezahlte gleich, da ich früh am Morgen aufbrechen wollte, und ging in mein Zimmer. Ich setzte mich auf den Rand des Bettes und grübelte. Mit einem Male kam eine tiefe Traurigkeit über mich, ich wußte nicht, woher. Ich trat ans Fensters. Da rauschte unter mir der tiefe Mühlbach, und über mir spannte sich der Sommerhimmel voll von Sternen. Noch hörte ich zwei Männer irgendwo miteinander sprechen, noch hörte ich eine Tür im Haus und einen späten Wagen auf der Gasse, dann ward es still um mich.
In dieser Stille breitete die Liebe ihre Flügel aus. Sie drückte mich an ihre Brust. Ich taumelte und fühlte einen Schmerz wie nie zuvor.
*
Ich weiß nicht recht, wie alles gewesen war. Ich weiß nur, daß ich plötzlich an Nina dachte, die ich den ganzen Tag vergessen hatte. Ich sah sie vor mir, sah ihr Haar, ihre Augen, ihren Gang, ihre Hände, sah sie tanzen, mit Wolfgang Seyderhelm tanzen, ... ich hatte Angst, ... das Zimmer war so eng und heiß, ... tödliche Angst ... Ich nahm Stock, Hut und Ranzen und stürzte hinaus in die dunkle Luft. Die Haustür war noch offen. Ein Hund knurrte leise, aber ich entlief ihm schnell. Ich rannte durch die Gassen, durch das Stadttor, die Straße entlang, dann einen Seitenweg, durch Gebüsch, einen Hügel hinauf, ... ich keuchte sehr, ... ich fiel zu Boden und blieb liegen.
... Ich war müde und gehetzt, ich war so müde! Ich fühlte meine Jugend von mir gleiten und hatte qualvolle Träume. Ich weiß noch, daß ich einmal im Halbschlaf emporfuhr: da lag unter mir die Stadt und das dunkle Land, der Mühlbach leuchtete hier und dort im Mondlicht auf, ... um meinen Hügel ging ein leichter Wind, ... ich sank zurück ... in Traum und Schlummer. Aber schlummernd sah ich immer wieder das dunkle Land mit der Stadt, die silbernen Stücke des Baches, ... Sterne, viel Sterne ... und Nina ...
7
Ich bin noch einige Tage so gewandert, aber ich wurde nicht mehr fröhlich. Ein Sonntag kam, ich sah die Bauern zur Kirche gehen, trat mit ihnen ein und hörte die Predigt, ich sah die Burschen und Mädchen hernach in ihren übermütigen Tänzen und empfand am Abend auf der Straße die feierliche Stille des scheidenden Sonntages. Aber das alles freute mich nicht. Der verworrene Geist war von der Liebesleidenschaft erfaßt und kannte nur noch Trauer, Eifersucht, Haß und Träumerei. Ich wollte nicht mehr an Nina und Wolfgang denken, ich wollte nie mehr an sie denken. Ich sagte mir Gedichte auf, hielt als ein Prinz vor der Versammlung von Fürsten eine verwegene Rede, dichtete eine Ode an den Kaiser, – aber selbst das erhabene Gewand der Majestät verwandelte sich mir bald, ward ein blitzendes, hellblaues ... mit Schokoladenflecken ...
Am vierten Abend meiner Wanderung zog ich mutloser denn je meine Straße entlang. Ich wollte an diesem Tage noch eine größere Stadt erreichen, dort einige Zeit verweilen, um dann dem nahen Gebirge zuzueilen. Aber irgend ein schöner Baum oder ein sehnsüchtig winkender Kirchturm hätte genügt, mich von meinem Wege abzulenken. Wer in der Welt fragte danach, ob ich einen Nachmittag unter schattigem Gesträuch verträumte und den „Pescara“ las oder irgendwo auf staubbedecktem Wege schritt?
Ich blieb vor einem Weiser stehen, der mir zur Seite in das offene Land hindeutete. Da war geschrieben: Nach Strelow 3 km, nach Wiesenau 4,5 km. Ich las die Worte gedankenlos. Irgend etwas lockte mich, von meiner Straße abzubiegen. Was aber war es? Strelow? Ich hatte diesen Namen nie gehört. Wiesenau? Ich hatte diesen Namen nie ... Wie? ... Eine Erinnerung ... Wiesenau ... Wiesenau ... da war schon wieder alles entwichen ... ich schüttelte den Kopf. Wohl zwanzigmal sprach ich nun das Wort Wiesenau aus, in der Hoffnung, die Erinnerung möchte mich noch einmal erleuchten. Doch jede Mühe war vergebens: es war ein totes Wort.
Schon war ich in die neue Landschaft eingebogen. Es hatte wohl die Wochen vorher geregnet, denn überall standen kleine schwarze Teiche, aus denen einzelne Bäume, Fichten und Birken, hervortauchten. Endlos langgezogene violette Abendwolken spiegelten sich in diesen Teichen und gaben ihnen von ihrer Farbe. Soweit mein Blick reichte, sah ich nichts anderes als bunte, prächtige Wiesen mit großen Blumen und die schwarzen und violetten Teiche, aus denen einsame Bäume hervorwuchsen. Krähen flogen zuweilen schreiend darüber hin, um noch vor Nacht die fernen Wälder zu erreichen.