Langsam löste ich mich aus meiner Erstarrung und ging durch den Park. Ich empfand nicht viel: ein wenig Erstaunen, ein wenig Schmerz, ein wenig Müdigkeit und ein wenig Glück ... Ich wollte weiter wandern. Was sollte ich hier? Niemand würde mir glauben, daß ich zufällig hierher gekommen sei, ... aber da hörte ich wieder die süße, einschläfernde Melodie der plätschernden Brunnen. Gedankenlos legte ich mich nieder, zu Füßen eines bronzenen Löwen. Ich faltete die Hände hinter dem Kopf und blickte in den Himmel, wo die Milchstraße ihren Triumphbogen über das Firmament spannte. Ich fühlte, daß der Schlaf mich übermannen würde, und wollte doch wachen und nachdenken. Ich ward traurig und erinnerte mich der Worte des Herrn: „Könnet ihr denn nicht Eine Stunde mit mir wachen?“ – Noch einmal sah ich zu den erleuchteten Fenstern im Schloß, dann fiel ich in Traum. Schlafend spürte ich die Kälte der Nacht und zog mein Cape eng um mich. Und in meinen Traum drang immer wieder das Plätschern des Wassers, ... das Plätschern des Wassers.
9
Es mochte gegen fünf Uhr morgens sein, als ich erwachte. Mein erster Blick galt dem Schloß vor mir, in dessen Fensterscheiben die Morgensonne purpurrot leuchtete. Ich sprang empor; mein Gesicht und meine Kleider waren naß vom Tau. Ich machte einige Bewegungen mit den Armen und stampfte mit den Füßen, denn meine Glieder waren wie erstarrt. Dann wusch ich mich in einem der bronzenem Becken und klopfte die Kleider ab. Nur weiter, immer weiter, fort von hier ...
Als ich bereit war zu marschieren, lehnte ich mich an einen Baum; ich wollte noch einmal mit einem langen Blick dieses geliebte Schloß umfangen.
Da ... was war das? ... Ein Fenster öffnete sich, ... ich trat zurück ... Wolfgang, ... im leichten Morgenkleid. Er beschattete mit der Hand die Augen, sah zum Himmel und reckte die Arme in die junge Luft hinein. Dann verschwand er; bald jedoch erschien er wieder, nahm einen Stock und klopfte leise mit der metallenen Spitze an das benachbarte Fenster. Lange Stille ... Dann öffnete sich das Fenster ... Nina ... Sie gaben einander die Hände. Wolfgang setzte sich auf das Fensterbrett und deutete nach dem Horizont. Nina gähnte ein wenig und beide lachten.
Da war mir, als müsse ich einen Panzer von meiner Brust reißen. Ich bog mit beiden Händen die Sträucher auseinander, und meine helltönende Stimme rief den Aufhorchenden zu:
„An jedem Morgen, eh des Hahnen Krähn
Die Menschheit weckt, steh ich im tiefen Grunde,
Muß durch die Luft nach Burg und Felsen spähn.
Noch lieget Dunkelheit auf meinem Tal,