Wolfgang machte seiner Mutter kopfschüttelnd Vorwürfe, daß die Gänseleberpastete schon seit einigen Tagen nicht mehr genügend auf Eis liege. Dann wandte er sich zu mir und fragte mit einer kindlich hohen, liebenswürdigen Stimme:
„Ißt du Radieschen gern?“
Man hörte von Frau Seyderhelm, daß die Gräfin Königsmarck heute morgen dagewesen sei; man sprach dann sehr lange über die Gräfin Königsmarck. Nina schien sie nicht zu lieben. Wolfgang behauptete, diese Dame röche nach wilden Tieren.
„Wolfgang, so spricht man nicht von einer Dame!“ sagte Frau Seyderhelm.
Nina jubelte und begann ohne den mindesten Zusammenhang eine Schilderung zu entwerfen, wie sie auf der Treppe meinen Ranzen gefunden und aufgemacht habe.
„Stellen Sie sich vor, Frau Seyderhelm: er reist mit einem zerrissenen Hemde, einer Zahnbürste, zwei alten Brötchen und dem Werther; den Werther hat er in seine Socken gepackt!“
Man lachte sehr. Mich erfaßte mit einem Mal der unbezähmbare Drang, Ninas Hand, die elfenbeinerne mit den spitzen Nägeln und der kühlen Haut, zu küssen. Ich bückte mich nach einer Serviette und berührte wie zufällig Ninas Finger mit meinen Lippen. Nina ließ es ruhig geschehen; sie tat, als habe sie nichts gespürt.
„Es war übrigens gar nicht der Werther,“ sagte ich, als ich wieder aufrecht saß. „Es war die Versuchung des Pescara.“
Ich bediente mich mit einer kalten Reisspeise und war von meinem Abenteuer so aufgeregt, daß ich kaum schlucken konnte.
„Oh, die Versuchung des Pescara,“ sagte Frau Seyderhelm. Und sie fing an, sich des längeren über „Huttens letzte Tage“ auszulassen.