An diesem Nachmittag ging ich nicht spazieren. Ich schritt unruhig in meinem Zimmer auf und ab. Ich hatte weder Lust zu arbeiten noch zu lesen. Immer wieder kam mir Wolfgang Seyderhelms Einladung in den Sinn. Und mit einem Male trat aus der Wirrnis widerstreitender Gefühle ein leuchtender Gedanke hervor: Die Sehnsucht nach Gesprächen, nach scherzhafter Rede und Gegenrede, nach Tanz und Schokolade und nach einer gewissen jungen Dame mit einem silbergrauen Schleier und mokanten, von den langen Wimpern tief beschatteten Augen.
Ohne Zögern kleidete ich mich um, lief zum Schuldiener und ließ mir Wolfgang Seyderhelms Adresse sagen. Bald fand ich mich abseits der Stadt vor einer großen, mitten in einem Park gelegenen Villa. Ich schellte, ward vom Diener ohne Verwunderung empfangen, durcheilte einige hellerleuchtete Gemächer und stand endlich im Eßzimmer.
Eine stattliche Anzahl von Knaben und Mädchen, unter ihnen einige Erwachsene, saßen an drei runden Tischen, vollführten den heitersten Lärm, und tranken mit großem Appetit Schokolade, wozu sie ungeheuer viel Kuchen aßen. Ich blieb befangen stehen und suchte Wolfgang Seyderhelm. Die Herrschaften verstummten allmählich, man begann mich zu bemerken. Da sah ich am Ende des letzten Tisches Wolfgang sich erheben, der mich verwundert anstarrte. Von einem andern Tisch her rief eine Dame:
„Nun, Wolfgang, willst du nicht deinen Gast begrüßen?“
Über Wolfgang Seyderhelms Gesicht glitt ein Zug von unendlicher Liebenswürdigkeit und fast frauenhafter Güte. Schnell kam er auf mich zu:
„Wie lieb, daß du kommst!“
Ich erwiderte kein Wort, drückte aber stürmisch und begeistert seine Hand. Er faßte mich am Arm und führte mich zu der Dame, die ihm vorhin zugerufen hatte. Glücklicherweise begann man an den Tischen sich wieder zu unterhalten.
„Dies hier ist mein Schulkamerad Walter Regnitz.“
Die Mutter, eine noch junge Frau von schlankem Wuchs, heiteren italienischen Augen und hoher reiner Stirne begrüßte mich lebhaft.
„Es freut mich sehr, daß Sie gekommen sind. Wolfgang hat mir viel von Ihnen erzählt.“