Anders verhält es sich mit der von Simson (S. 33) aus Hincmar de villa Novilliaco angeführten Stelle über den Beginn der Regierung Karls und Karlmanns „sicut in annali regum scriptum habemus“. Sie findet sich wörtlich in den Ann. Lauriss. mit Ausnahme eines Satzes, der aus der Cont. Fred. mit Leichtigkeit zu entnehmen war. Hincmar kann also eine der Bearbeitungen der Lauriss. vor sich gehabt haben, und ob er hier eine amtliche Quelle hat bezeichnen wollen, ist ganz zweifelhaft. Abgesehen also von der Frage, ob und wie weit den Ann. Lauriss. ein amtlicher Charakter beizulegen ist, bleibt die Frage, ob es noch außerdem, wie Bernays behauptet, Hofannalen, ein Werk von viel größerer Bedeutung und Zuverlässigkeit, gegeben habe, eine ungelöste und vermuthlich unlösbare; mir wenigstens scheint der Beweis der Existenz nicht geführt, wenn ich auch nicht mit H. v. Sybel den bekannten Worten Einhards am Eingang seiner Biographie über den Mangel einer Aufzeichnung der Thaten Karls ein solches Gewicht beilegen möchte, daß er nicht einmal die Ann. Lauriss. gekannt haben dürfte. Dem Versuch aber, die in ihnen nicht enthaltenen Nachrichten, welche hier oder da einmal auftauchen, für dergleichen Hofannalen in Anspruch zu nehmen, vermag ich eine ernsthafte Bedeutung nicht beizumessen; meiner Meinung nach hätte ein solches Werk, wenn es wirklich vorhanden war, deutlichere Spuren hinterlassen müssen.
Indem ich nun also an einer gewissen Beziehung der Lauriss. oder Königsannalen zum Hofe festhalte, habe ich jetzt der Frage über ihre Abfassung näher zu treten. Schon L. Giesebrecht[8], dann B. Simson haben den Beweis geführt, daß die Annales Laurissenses, wie sie uns jetzt vorliegen, nicht gleichzeitig Jahr für Jahr entstanden sind, was Pertz nur für den ersten Theil bis 768 zugab, und W. Giesebrecht hat in der angeführten Abhandlung diesen Punkt als sichergestellt angenommen, die Abfassung des ganzen zusammenhängenden ersten Theils um das Jahr 788 behauptet und dafür allgemeine Zustimmung gefunden[9]. Er knüpft daran die Frage nach der Veranlassung zu einem solchen Werke, und findet dieselbe in dem eben damals eingetretenen, für Karls Reich hochwichtigen Ereigniß, der Entsetzung des Baiernherzogs Tassilo, dessen Verhalten gegen die Franken durchweg mit auffallender Ausführlichkeit behandelt ist; er glaubt deshalb auch die Entstehung des Werkes in Baiern suchen zu müssen und erkennt den Urheber in dem Bischof Arn von Salzburg, dem am meisten daran gelegen sein mußte, diese Vorfälle aufzuklären und sein früheres Verhalten, sowie seinen Anschluß an die Franken zu rechtfertigen, während kaum ein anderer so vollständig in diese Verhältnisse eingeweiht war. Auch die noch rohe und fehlerhafte Sprache kann bei ihm oder bei einem Geistlichen seiner Umgebung nicht auffallen, während sie am Hofe auch damals schon befremdlich wäre.
Diese Beweisführung Giesebrechts ist allerdings sehr gewinnend, und daß der Sturz des bairischen Herzogs zu dieser officiösen Darstellung der Reichsgeschichte den Anstoß, einem guten Theil derselben die Färbung gegeben, scheint einzuleuchten; auch ist die dienstbeflissene Gesinnung des Schreibers, seine durchgängige Verherrlichung des Königs augenscheinlich. Allein die Autorschaft Arns vermag ich weder mit dem Bericht über seine Sendung nach Rom 787 zu vereinigen, noch kann ich glauben, daß jemand, der auch über lange vergangene Dinge so gut unterrichtet war, nicht zu den älteren Räthen des Königs gehört haben sollte. An solchen Materialien, wie Giesebrecht sie für Arn nachzuweisen sucht, den Ann. S. Amandi und Petaviani nebst dem Verzeichniß der Orte, wo Karl Ostern gefeiert, hätte Arn wenig Anhalt gefunden; ein alter Hofbeamter aber, dessen Gedächtniß noch in Pippins Zeit reichte, konnte dergleichen zum chronologischen Leitfaden benutzen, und daneben verwerthen, was von allerhand Aufzeichnungen in der Kanzlei doch vorhanden gewesen sein muß; denn das Gedächtniß allein wird kaum ausgereicht haben. Mit Recht hebt M. Manitius[10] die Vertrautheit des Autors mit der Rechts-und Urkundensprache, die vielen romanischen Wörter, die Benutzung von Actenstücken hervor, wodurch sich auch irrige Angaben über angesagte, später aber verlegte Festfeiern erklären. Denken könnte man z. B. an Angilram von Metz (769-791), welcher Paulus Diaconus zur Bischofsgeschichte von Metz, den Diacon Donatus zur Abfassung der Lebensbeschreibung des h. Trudo veranlaßte und jetzt Erzkaplan des Königs war[11]. Ihn könnte man sich in ähnlicher Stellung zu dem gewiß nicht leichten Unternehmen vorstellen, wie einst Childebrand und Nibelung. Daß ihm dabei die Fortsetzungen Fredegars fehlten, ist auffallend, wäre es aber für Arn, wenn ihm doch sonst so gute Quellen zu Gebote standen, nicht minder. Auch fällt das Hauptgewicht bei diesen Annalen offenbar auf Karls eigene Regierung. Ihm also glaube ich die Anregung zu diesem Werke, welchem wir die eingehende Kunde von seiner Thätigkeit wesentlich verdanken, nach Ranke's Vorgang vindiciren zu müssen; als Privatarbeit in Salzburg kann es nicht entstanden sein. Das ältere Material aber, was hier verarbeitet ist, wird eben durch diese bequeme Zusammenfassung, die späterhin auch sprachlich und stilistisch noch zeitgemäß überarbeitet wurde, bald verdrängt und in Vergessenheit gebracht sein, besonders wenn es nur in der königlichen Kanzlei vorhanden war, während sich hin und wieder in Domstiftern und Klöstern zufällig auch viel unbedeutendere Sachen erhielten.
Abweichend hiervon hat Dünzelmann versucht nachzuweisen, dass um das Jahr 780 eine Compilation entstanden sei, welche auf einer Combination Fredegars mit eigenartigen Nachrichten beruhe, und für die Zeit Pippins von nicht unbedeutendem Werthe sei; diese verlorene Quelle sei uns in den Annales Mettenses zum großen Theil erhalten, und in den Ann. Lauriss. majores und minores benutzt[12]. Indem er vorzugweise nach sprachlichen Gesichtspunkten die Annalen untersucht, findet er, daß der erste Abschnitt derselben von 741-791 reiche, der zweite von 792-796, wo in fast allgemeiner Uebereinstimmung ein Abschnitt angesetzt wird. Doch behauptet wieder Bernays, daß nur bei 789 und 801 ein Wechsel der Verfasser anzunehmen sei.
In der leider verlorenen Lorscher Handschrift schloß sich nun eine Fortsetzung bis 793 an, die nur ein Bruchstück aus den Ann. Laureshamenses ist. In den übrigen Handschriften sind die nächsten Jahre zum Theil auffallend kurz, übrigens aber in wenig veränderter Weise und vermuthlich von demselben Autor behandelt[13], die Verschwörung Pippins 792 ist in derselben höfischen Weise, die wir aus dem ersten Theile kennen, ganz verschwiegen. Manitius findet hier noch dieselbe Ausdrucksweise, wie im früheren Theile, und auch noch Spuren derselben compilatorischen Thätigkeit, welche er für den Anfang nachweist. Dann tritt mit dem Jahre 796 ein völlig veränderter Stil, eine neue Art der Auffassung ein, und diese Fortsetzung fließt nach der Ansicht von Pertz allmählich so vollständig zusammen mit Einhards Werk, daß seine Hand auch im Anfang nicht zu verkennen sei. „Nachher, sagt auch Ranke, mußte die Historiographie in litterarisch geschicktere Hände kommen, wie die Einhards waren, der die alten Annalen überarbeitete und neue abfaßte, wie es scheint im Palast zu Aachen in eben den Jahren, von denen er handelte.“ Während der Arbeit selbst schritt er an Bildung und namentlich an Gewandtheit in der Sprache und Darstellung weiter vor, und fand zuletzt die alten rohen Jahrbücher und seine eigene Arbeit so ungenügend, daß er sie noch einmal überarbeitete. Ueber die Art wie dies geschah, genügt es, auf Ranke's Untersuchung zu verweisen. Nicht die tief eindringende Kenntniß der früheren Geschichte war es, die ihn auszeichnete, oder die ihn zu dieser Arbeit veranlaßte; seine Arbeit war vorzugsweise stilistisch, und nicht selten hat er dadurch auch beachtenswerte Züge des älteren Annalisten verwischt: ja er hat an einigen Stellen eine unrichtige Auffassung der Ereignisse hineingetragen, weil er die ihn erfüllende Vorstellung von der alles andere überragenden Hoheit des Kaisers unwillkürlich auch schon auf die früheren Zeiten übertrug. Wichtig aber ist uns dennoch auch seine Ueberarbeitung nicht nur wegen einzelner Zusätze, und weil es für uns Werth hat, auch seine Auffassung kennen zu lernen, sondern auch deshalb, weil er so wenig zu ändern fand; die alten Lorscher Annalen, sagt Ranke, erhalten dadurch eine nicht geringe Beglaubigung, daß Einhard, was die Sache anbelangt, nur eine und die andere Einschaltung über ein Paar einzelne merkwürdige Begebenheiten beizubringen hatte.
Einhards eigene selbständige Arbeit reicht nach Ranke bis zum Jahre 829, bis zu der Zeit, wo er sich vom Hofe zurückzog, voll Trauer über die zunehmende Verwirrung und Auflösung des Reiches. Für solche Zeiten war weder er selbst noch seine Feder geeignet. Mit ruhiger Würde hatte er, so lange das Reich nach den kriegerischen Zeiten des achten Jahrhunderts für immer befestigt schien, und durch den gewaltigen Kaiser auch noch von seinem Grabe aus zusammengehalten wurde, Jahr für Jahr die Ereignisse registrirt: den helleren feiner gebildeten Zeiten verlieh sein reines fehlerfreies Latein den angemessenen Ausdruck, und kurz und gedrängt zwar, aber doch vollständig in allem wesentlichen liegt die Reichsgeschichte in seinen Jahrbüchern vor uns, in edler Einfachheit, frei von aller Leidenschaft und Parteilichkeit. Als es unmöglich wurde, inmitten der heftig erbitterten Feinde in solcher Weise fortzufahren, da überließ er anderen die Fortsetzung seines Werkes.
Ich habe diese Stelle aus der ersten Ausgabe unverändert gelassen, weil sie die durch Pertz herrschend gewordene Ansicht ausdrückt, und weil die Autorschaft Einhards, wenn auch nicht gesichert und durch wiederholte Angriffe zweifelhaft gemacht, doch nicht mit Sicherheit widerlegt ist, wie denn auch Ebrard es nicht unwahrscheinlich findet, daß Einhard die Fortsetzung verfaßt habe. Neuestens haben Monod und Dünzelmann, H. v. Sybel und Bernays in entschiedenster Weise die Möglichkeit von Einhards Autorschaft geleugnet, während Manitius und Dorr auf sprachliche Untersuchung gestützt sich dafür aussprechen. Dabei fällt vorzüglich die Frage ins Gewicht, ob der nach dem Muster der Alten gebildete Stil und der im Verhältniß zum achten Jahrhundert so sehr viel reichere Wortschatz ausschließlich für Einhard Zeugniß ablegen und als sein besonderes Werk zu betrachten sind, und ich kann mich der Ueberzeugung nicht verschließen, daß durch die Untersuchungen von Dorr und Manitius fast bis zu voller Evidenz nachgewiesen ist, nur in diesen Annalen und im Leben Karls finde sich dieser, aus einer großen Anzahl alter Autoren mit unvergleichlicher Sorgfalt gesammelte Wortschatz, diese Mannigfaltigkeit der Satzbildung. Es ist aber auch bei dieser Untersuchung niemals außer Acht zu lassen, daß Einhard nicht eigentlich Historiker, seine Aufmerksamkeit in weit höherem Grade der Formvollendung, als der geschichtlichen Bedeutung der Thatsachen zugewendet war, wie wir es ähnlich auch bei Lambert beobachten können.
Daß Einhard der Verfasser dieser Annalen sei, hatte zuerst Du Chesne behauptet, gestützt auf eine Stelle in der Translatio S. Sebastiani, wo Einhard ausdrücklich als Verfasser eines Annalenwerks unter dem Titel: Gesta Caesarum Caroli Magni et filii ipsius Hludowici genannt und eine Stelle daraus angeführt wird, welche sich in unseren Annalen beim Jahre 826 wiederfindet[14]. Dieses Zeugniß aus dem zehnten Jahrhundert schien bedeutend genug, um die dagegen geltend gemachten kleinen Widersprüche zwischen den Annalen und Einhards Vita Caroli übersehen zu können: man darf von jener Zeit nicht die Genauigkeit der Arbeit und des Ausdrucks verlangen und findet sie auch nicht, welche heutiges Tages gefordert wird. Auch wurde für keinen anderen Namen auf dieses bedeutende, seit alter Zeit bekannte und viel benutzte Werk Anspruch gemacht; Stil und Auffassung schienen für Einhard wohl zu passen. Auch in der neuesten Untersuchung von W. Giesebrecht ist dieses zugegeben; die ruhige völlig objectiv gehaltene Darstellung, in welcher die bis dahin stets wiederholten preisenden Beiwörter Karls verschwinden, die an Einhards Werke erinnernde Reinheit der Sprache, scheinen auch ihm die Autorschaft desselben wahrscheinlich zu machen, allein bei dem Tode des Kaisers ist nach seiner Ansicht eine Unterbrechung eingetreten, die weitere Fortsetzung von der vorhergehenden zu scheiden. Fragen wir nach der Begründung dieser Behauptung, so beschränkt sich dieselbe wesentlich darauf, daß die fragmentarische Handschrift Christ. 617 mitten in der Erzählung des Jahres 813 abbricht[15] und in dieser unfertigen Gestalt einmal abgeschrieben worden ist, während ein anderer Schreiber sich auf das Leben Karls des Großen beschränkte, gerade so wie Pithou das zweite Buch von Ademars Chronik abgesondert vorfand und als Leben Karls vom Monachus Engolismensis herausgab. Allerdings soll auch im Ausdruck eine Verschiedenheit bemerklich sein, die aber wenig bedeutend ist; es fällt ferner auf, daß die Wunder des h. Sebastianus im Medarduskloster zu Soissons sehr gepriesen, die von Einhard so hoch geschätzten Reliquien seiner Heiligen kaum genannt werden. Die chronologischen Schwierigkeiten jedoch, welche sich an diese Uebertragung der hh. Marcellinus und Petrus anknüpfen, hat Giesebrecht selbst zu beseitigen versucht, und der Bescheidenheit Einhards, vielleicht auch seiner so gerühmten Klugheit gegenüber dem mächtigen Hilduin, mochte jene kurze und doch immer rühmende Erwähnung um so eher genügen, da er gerade mit einer besonderen Schrift über diesen Gegenstand beschäftigt war.
Auch jetzt kann ich, wie gesagt, nicht umhin, die Gründe für Einhards Autorschaft als überwiegend anzusehen; die Verschiedenheit einzelner Theile kann durch eingetretene Unterbrechung und flüchtigere Arbeit Erklärung finden. Dünzelmann meint, daß die vortreffliche Darstellung von 797 bis zur Mitte des Jahres 801 von Einhard herrühren, die Ueberarbeitung der Annalen bis dahin in den ersten Jahren des neunten Jahrhunderts von ihm verfaßt sein müsse, weil nur er so habe schreiben können und wir von ihm kein anderes Werk vor der Vita Caroli kennen, die nicht sein Erstlingswerk sein könne.
In der Mitte des Jahres 801 aber setzt er, und hierin hat er allgemeine Zustimmung gefunden, einen Abschnitt an[16]; nur so weit waren die Annalen dem Poeta Saxo bekannt, und nur so weit reicht auch die Ueberarbeitung. Die folgende dritte, erheblich schlechtere Fortsetzung reicht nach Dünzelmann bis 806, eine vierte bis 815, die fünfte bis 820, worauf der Schluß bis 829 wieder von anderer Hand sei; Bernays dagegen will zwischen 801 und 829 keinen Wechsel zugeben. Müßten wir in der That auf die Kenntniß der Persönlichkeit verzichten und andererseits doch den höfischen Ursprung festhalten, so scheint mir mit dieser Unterscheidung sehr wenig gewonnen zu sein.