Von der Ueberarbeitung, den sogenannten Annales Einhardi, war schon oben S. 197 die Rede; es konnte nicht anders sein, als daß der Anfang der alten Annalen dem feiner entwickelten Sprachsinn geradezu unerträglich erschien. Es hat aber Dünzelmann wohl richtig bemerkt, daß diese Bearbeitung nur bis 801 reicht und auch damals ausgeführt sein wird; die Uebereinstimmung mit einzelnen Stellen in Einhards Vita Caroli wird dann einfach durch Benutzung der Annalen in dieser zu erklären sein[17]. Bei dieser Bearbeitung haben sich einige Mißverständnisse eingeschlichen, es sind aber auch nicht unbedeutende neue Thatsachen hinzugekommen und es ist wahrscheinlich, daß hierfür auch schriftliches Material benutzt ist[18], wozu Pückert (S. 157 ff.) das gleich zu erwähnende verlorene Werk bis 805, Kurze die bis 796 reichende Quelle desselben rechnet. Pückert (S. 167 ff.) hebt die seltsame Eigenheit des Verfassers hervor, die Ereignisse in ganz unzulässiger Weise als übermäßig beschleunigt darzustellen, und ferner, daß in höherem Maaße, als es den Thatsachen entspricht, Karl als der stets allein wissende und handelnde hervortritt.
Wir sehen also hier, wie man schon von der einfachen und schmucklosen, nur auf den sachlichen Inhalt gerichteten Aufzeichnung der Zeitbegebenheiten fortschritt zu litterarischer Bearbeitung. Natürlich mußte, da die Reichsannalen erst mit 741 begannen, der Wunsch lebendig werden, auch für die vorhergehende Zeit, über welche nur ein sehr ungenügendes und schwer genießbares Material vorlag, ein Handbuch zu gewinnen, welches den Zusammenhang mit der Weltgeschichte herstellte. Gerade auch um das Jahr 801 ist ein solches verfaßt[19], und da es nur bis 741 reicht, liegt die von Waitz ausgesprochene Vermuthung nahe, daß es zur Ergänzung der Reichsannalen bestimmt war. Doch finden wir es handschriftlich nicht mit ihnen verbunden; es scheint keine große Verbreitung gefunden zu haben, da das schwierige Unternehmen doch nur sehr unvollkommen gelang und die Sprache des Verfassers durch ihre Unbehülflichkeit und Fehlerhaftigkeit verräth, daß er der früheren Barbarei wohl entwachsen, aber doch von der höheren Bildung eines Einhard noch weit entfernt war. Doch verdient er ohne Zweifel Beachtung und Anerkennung: es ist, wie Waitz bemerkt, die erste Weltchronik, die seit Fredegar im fränkischen Reich geschrieben wurde. Dieses Werk, dessen wir oben ([S. 129]) schon kurz gedachten, ist in zwei Handschriften erhalten, welche stark von einander abweichen, und es scheint, daß der Verfasser selbst sein Werk überarbeitet und mit weiteren Zusätzen aus seinen Quellen vermehrt hat. Er legte die kurze Chronik des Beda zu Grunde, in welche er Auszüge aus Hieronymus, Orosius, Fredegar mit den Fortsetzungen und den Gesta Francorum einschob, weiterhin benutzte er auch Isidor, den Liber pontificalis, und die Annales Mosellani et Laureshamenses. Die wenigen ihm eigenthümlichen Stellen zeigen Verwandtschaft mit den Annales Flaviniacenses, welche sich in derselben Hs. befinden, und da hierzu auch die Nachricht von der Zerstörung der Stadt Autun durch die Sarracenen 725 gehört, so ist die Vermuthung gerechtfertigt, daß der Verfasser im Sprengel von Autun, vielleicht eben in Flavigny, lebte.
Diese Chronik bildet in einer Hs. den Anfang der schon oben S. 146 erwähnten Annales Maximiani, welche jedoch keine innerliche Verbindung mit ihr haben, und ist in ihrer älteren Form großentheils aufgenommen in das Chronicon Moissiacense.
Eine andere, im J. 805 oder vielleicht 806 abgeschlossene Compilation ist uns nicht im Original erhalten, aber aus verschiedenen Ableitungen nach und nach mit wachsender Sicherheit kenntlich geworden. In Beziehung dazu stehen verschiedene, erst in neuerer Zeit zum Vorschein gekommene Bruchstücke von Bearbeitungen der Reichsannalen. Dazu gehören die Wiener Blätter von 784 und 785[20], welche nebst einem aus Werden stammenden Fragment in Düsseldorf von 759 bis 762, von Pertz, der sie irrig für ursprüngliche Aufzeichnungen hielt, SS. XX, 1-15 als Fragmenta Werthinensia gedruckt sind. Hiermit verwandt ist ein anderes in Bern von Gerold Meyer von Knonau gefundenes Fragment von 783 bis 785[21]. Diesen beiden Versionen muß schon eine ältere zu Grunde gelegen haben, und diese glaubt Giesebrecht (Forsch. XIII, 627 bis 633) gefunden zu haben in einem Bruchstück von 769 bis 772, welches J. Bächtold im Anzeiger für Schweizerische Geschichte 1872 S. 245-246 veröffentlicht hat. Es enthält die Capitelzahlen 56 bis 59, woraus Giesebrecht auf ein größeres Werk schloß, welches bis 714 rückgreifend, mit Benutzung des Fredegar im J. 802 ausgearbeitet, auch in den Annales Mettenses benutzt wurde, und mit einer in diesen erhaltenen eigenthümlichen Fortsetzung von 803 bis 805 versehen war. Wegen einiger Beziehungen auf Reichenau vermuthete Giesebrecht in Haito den Verfasser dieses Werkes, aber diese Stellen gehören nur den Annales Mettenses an und sind aus Regino entlehnt. Dagegen ist durch weitere Untersuchung festgestellt, daß dieses Werk, in seinen älteren Theilen auf den Fortsetzungen des Fredegar beruhend, weiterhin aus den Reichsannalen geschöpft ist, aber durch einige Zusätze und namentlich durch die Fortsetzung sehr werthvoll. Pückert[22], welcher sich sehr eingehend damit beschäftigt hat, hebt namentlich (S. 165) die Nachrichten über Grifo hervor, welche seiner Ansicht nach von hier in die Annales Einhardi übergegangen sind. Er sucht den Ursprung in Saint-Denis nachzuweisen, und nimmt eine Ueberarbeitung in Metz um 900 mit Zuziehung der Vita Caroli an, welche den Ann. Mett. und auch dem Poeta Saxo zu Grunde liege. Benutzung dieses Werkes ist außer in den Mettenses nachgewiesen in den Ann. Lauriss. minores, Lobienses, Guelferbytani, im Chron. Vedastinum und Moissiacense, Fontanellense, und Waitz hat SS. XIII, 26-33, die erwähnten Fragmente nebst dem betreffenden Abschnitt der Annales Mettenses herausgegeben[23].
Neuestens hat nun Fr. Kurze[24], an diese Ergebnisse anschließend, hervorgehoben, daß aus den uns bekannten Bruchstücken dieser Compilation sich doch nicht alle Nachrichten in den Ableitungen belegen lassen, namentlich nicht in den Fulder Annalen, weshalb man genöthigt war, eine unwahrscheinliche Heranziehung verschiedener Quellen anzunehmen. Er kommt dadurch zu der Schlußfolgerung, daß schon um 796 aus den Fortsetzungen des Fredegar, den Reichsannalen und anderen Quellen, der Vita Bonifatii, dem Pabstbuch, ein ausführlicheres werthvolles Werk zusammengestellt sei, welches in der Compilation von Saint-Denis nur auszugsweise enthalten sei. Es ist nach Kurze kein anderes, als das schon [S. 146] erwähnte, in den Ann. Maximiani kenntliche, welches auch den Ann. Sithienses zu Grunde liegt. Als ein Stück dieses verlorenen Werkes betrachtet er auch das Fragmentum Chesnii, als eine Ableitung die Continuatio Romana der Langobardengeschichte des Paulus Diaconus. Indem wir nun den Scharfsinn des Verfassers dieser Untersuchungen vollkommen anerkennen, können wir ihm doch durchaus nicht folgen, wenn er (S. 128) in diesem, seiner Ansicht nach sehr bedeutenden Geschichtswerk das oben ([S. 149]) erwähnte verlorene Werk des Crantz erkennen will, da Aventins Angabe über den Inhalt desselben durchaus nicht dazu paßt.
Vermissen wir nun hier irgend eine gesicherte locale Anknüpfung, so werden wir dagegen bestimmt nach Lorsch gewiesen durch die Annales Laurissenses minores, welche jedoch Waitz jetzt als die kleine Lorscher Frankenchronik bezeichnet hat[25], ein mageres, nach Regentenjahren geordnetes Compendium der Geschichte des Frankenreiches, an Beda sich anlehnend und ganz aus der oben erwähnten Compilation bis 805 geschöpft, mit Ergänzungen aus den Ann. Laureshamenses und einigen Erweiterungen und Zusätzen; nach Kurze bis 789 aus der von ihm angenommenen Quelle. Nur das Jahr 806 gehört nach Waitz dem Verfasser, wenn er nicht doch vielleicht auch dieses schon in der Compilation fand. Die als Regierungsjahre betrachteten, überaus ungenauen Zahlen hält Pückert für Abschnitte, die vielleicht schon in der Vorlage gewesen, wodurch der Vorwurf großer chronologischer Verwirrung beseitigt würde[26]. Er hebt ferner die ausserordentlich starke, gegen die Vorlage noch sehr verstärkte kirchliche Färbung, die Betonung der geistlichen Autorität und Leitung hervor, was der Strömung der Zeit entspricht. — Von 807 an beginnt eine sehr magere Fortsetzung bis 817, während ein anderes nach Fulda gekommenes Exemplar dort eine andere mit deutlich localer Färbung, ebenfalls bis 817, erhielt[27].
Die lebhaft erwachende Thätigkeit in dieser Richtung bezeugen ferner die Chronik der sechs Weltalter, welche bis 810 reicht, von einem ungenannten Verfasser[28], ein mageres chronologisches Gerippe, ohne selbständigen Werth, die oben [S. 146] erwähnten Ann. Maximiani von 710 bis 811, die Fulder bis 814 ([S. 150]) und die Flaviniacenses von 816 ([S. 146]).
Bis 818 reicht das Chronicon Moissiacense[29], eine große unverarbeitete Compilation, welche aus der vorher erwähnten Chronik bis 741, der Compilation bis 805, den Reichsannalen und anderen bekannten Werken geschöpft ist, deren Bekanntschaft, wie Pückert bemerkt, Abt Benedict von Aniane vermittelt haben kann, aber doch hin und wieder auch eigenthümliches aus jetzt verlorenen Quellen hat; darunter hat Dorr[30] Aquitanische Annalen und ein Chronicon Aquitanicum ohne genaue Chronologie auszuscheiden und zu sammeln versucht. Der Verfasser ist so unselbständig und schreibt so gewissenhaft seine Vorlagen wörtlich ab, daß ihm auch der werthvolle letzte Theil der Chronik von 813 bis 818 nicht zuzutrauen ist. Dieser schließt sich vielmehr in der ganzen Weise der Erzählung so genau den bis dahin benutzten Ann. Laureshamenses (s. oben [S. 145]) an, daß wir mit L. Giesebrecht annehmen müssen, es habe dem Schreiber der Handschrift ein vollständigeres Exemplar vorgelegen, dessen Schluß uns nur hier erhalten ist. Die Herkunft der Chronik ist südfranzösisch, es sind aber, wie G. Monod[31] bemerkt, von ihr zwei ganz verschiedene Bearbeitungen vorhanden, von denen die eine aus Moissac stammt, ihr fehlen die Jahre 716-777. Die andere stammt aus Aniane und hat Zusätze, in denen die Geschichte ganz willkürlich behandelt wird, z. B. 779 und 780 spanische Namen an die Stelle der sächsischen gesetzt sind. Zu einer mit diesen verwandten Chronik gehört nach der wichtigen Entdeckung von Pückert[32] die sog. Notitia de servitio monasteriorum, welche überall arglos benutzt ist, hier aber als eine spätere Fälschung, vermuthlich aus Aniane, nachgewiesen wird.
So stellt sich uns also eine lebhafte litterarische Thätigkeit dar, bei welcher zunächst die Sorge für die bis dahin in so hohem Grade vernachlässigte Form der Darstellung in den Vordergrund tritt, mit welcher sich aber nicht minder auch das Streben nach Ergänzung der geschichtlichen Thatsachen verbindet. Am Ende des Jahrhunderts werden die Annalen bis 801 von dem sog. Poeta Saxo sogar in Verse gebracht.
Die Fortführung der Annalen bis 829 ist vom höchsten Werthe und gewährte ein noch lange befolgtes klassisches Vorbild der gleichmäßigen Darstellung der Zeitgeschichte. Hatte schon Einhard den früheren Theil der Annalen für sein Leben Karls zu Rathe gezogen, so finden wir den folgenden Abschnitt von 814 an zu einer Biographie Ludwigs verwandt, nicht unbedeutend verändert, aber nicht verbessert, mit Einhards Werk gar nicht zu vergleichen[33].