[30] De bellis Francorum cum Arabibus gestis (Diss. Regiom. 1861) p. 39-48. Die von ihm hier zuerst nachgewiesene Compilation von 805 ist seitdem genauer bestimmt, s. oben S. 202. Herstellung des Chron. Aquit. von Witiza bis 812, S. 43-48. Vgl. Waitz, NA. V, 483, über die Zusammensetzung des Berichts von 725 aus 2 Quellen; 711, 737, 752 sind jener Compil. zu überweisen, Forsch. XX, 393. Nach B. Simson, Forsch. XIV, 134, sind verwandte Nachrichten in Labbe's Chron. S. Victoris, jetzt als Ann. S. Victoris Massil. gedr. SS. XXIII, 1-7. Er vermuthet Benutzung des Chron. Moissiac. in diesen. Ein späteres kurzes Chron. Aquitanicum (eigentlich Annales) 830-886. 930. 1025, MG. II, 252.

[31] Revue critique 1873, II, 262.

[32] Bericht der K. Sächs. Ges. d. Wiss. 1890, S. 45-74.

[33] Der Einsiedler Codex einer Compilation über Karls Leben ist nach B. Simson, Forsch. XIV, 135 auf eine Benutzung des Regino zurückzuführen.

§ 10. Ludwig des Frommen Zeit. [[←]]

Funck, Ludwig der Fromme, Frankfurt a. M. 1832. B. Simson, Jahrbücher des Fränkischen Reichs unter Ludwig dem Frommen. 2 Bde. Leipz. 1874. 1876.

Ein Jahrhundert lang hatte das karolingische Haus daran arbeiten müssen, das zerfallende merowingische Reich wieder zur Ordnung und Festigkeit zu bringen, bevor Karl daran denken konnte, auch den Wissenschaften hier eine neue Heimath anzuweisen. Als dann Ludwigs ungeschickte Hände den stolzen Bau im Laufe weniger Jahre in seinen Grundfesten erschütterten, als von neuem Raub und Gewaltsamkeit aller Art ungehindert geübt wurden, da wurde auch diese zarte Blüthe geknickt. Es half nichts, daß Ludwig persönlich litterarischen Bestrebungen geneigt war[1], daß er die Klosterzucht herstellen half, was auch den Schulen zu Gute kam; wir wollen ihm nicht den Ruhm schmälern, das schöne altsächsische Gedicht des Heliand veranlaßt zu haben, aber unter dem Waffenlärm konnte die Wissenschaft nicht gedeihen, und über ihre Mißachtung wird schon bald nach Karls Tod geklagt[2]. Schon 829 baten die zu Worms versammelten Bischöfe dringend um die Errichtung von mindestens drei öffentlichen Schulen, um dem Verfall Einhalt zu thun: die Ausführung wird bei der wachsenden Zerrüttung des Reiches unterblieben sein[3].

Die Hofschule blieb jedoch bestehen, der Ire Clemens und andere Lehrer wirkten daran, und unter Karl dem Kahlen gewann sie noch einmal einen glänzenden Aufschwung. Auch die Reichsannalen wurden nicht unterbrochen, sondern in gleichmäßiger Weise weiter fortgeführt. Es sind die nach ihrem Fundort genannten Bertinianischen Annalen, deren Schreibart den amtlichen Charakter nicht verkennen läßt; wir werden auf dieselben noch später zurückzukommen haben. Alle die traurigen Vorfälle der Zeit werden hier mit möglichster Schonung berührt; der Herr Kaiser erscheint stets in seinem Rechte, aber auch gegen die Gegner, welche ja ebenfalls seinem Hause angehörten, wird anständige Mäßigung beobachtet. Im Jahre 835 übernahm der Bischof Prudentius von Troyes die Fortsetzung, und führte sie bis zum Jahre 861, wo der Erzbischof Hinkmar die Arbeit aufnahm; schon war nicht mehr der königliche, sondern der erzbischöfliche Hof zu Reims der wahre Mittelpunkt des Reiches. Der genaue Zusammenhang der karolingischen Reiche aber tritt in diesen Jahrbüchern noch deutlich hervor, indem auch die italienischen und die deutschen Begebenheiten sorgfältig berücksichtigt werden.

Der vornehmen Kürze der Reichsannalen treten für die frühere Zeit Ludwigs die Gedichte des Ermoldus Nigellus[4] zur Seite; schmeichlerische Lobgedichte, die zwar als solche kaum zu den eigentlichen Geschichtsquellen gerechnet werden können, aber doch von mancher Einzelheit uns Kunde geben, und durch ihre Schilderungen vielerlei Aufschluß gewähren über Zustände und Personen der Zeit. Aquitane von Geburt, war Ermold ein Günstling des Königs Pippin; er geleitete ihn, obwohl Mönch, auf der Heerfahrt des Jahres 824 gegen die Bretonen mit Schild und Speer: doch scherzt er darüber selbst, und sein Herr lachte ihn aus. Der Kaiser aber gab ihm Schuld, daß er Pippin verführe, und verbannte ihn deshalb nach Straßburg, wo Bischof Bernald ihn unter seine Aufsicht nahm. Hier nun schrieb er seine vier Bücher, in Distichen, über die Thaten des Kaisers, mit Ludwigs aquitanischem Königthum beginnend bis auf Heriolds Taufe 826, und es liegt in der Natur der Dinge, daß er ihm sowohl wie der Kaiserin Judith um so ärger schmeichelte, je mehr er sich seiner Verbindung mit ihren Gegnern bewußt sein mochte; er erreichte jedoch seinen Zweck nicht, und sandte deshalb noch zwei Elegien an König Pippin, deutlich Ovid nachahmend, hinter dem er doch in Sprache und Versbau unendlich weit zurückbleibt[5]. Seine Befreiung aber mag er wohl dem Siege der Verschworenen im Jahre 830 verdankt haben[6].

Kaum minder lobrednerisch für Ludwig, als die Verse Ermolds, sind die beiden Lebensbeschreibungen, welche wir von ihm besitzen. Die eine, welche nur bis 835 reicht, ist schon zu seinen Lebzeiten verfaßt, von Thegan oder Degan, einem vornehmen Franken und Landbischof der Trierer Kirche, auch Probst des Cassiusstifts in Bonn, von welchem sonst nichts bekannt ist, als sein freundschaftlicher Verkehr mit Walahfrid und einigen anderen, den ein Paar noch erhaltener Briefe und Verse bezeugen. Er ist von ganz besonderem Eifer gegen die aus unfreiem Stande erhobenen und dann übermüthig gewordenen Bischöfe erfüllt, von denen er jedoch nur Ebo von Reims nennt; man vermuthet deshalb, daß er vielleicht in dessen Sprengel ansäßig war und persönlich von ihm zu leiden gehabt hat. Walahfrid rühmt (um 825) seine stattliche Erscheinung, seine gigantische Statur, und seine Gelehrsamkeit. Jene Schrift nun ist vielleicht durch Einhards Werk über Karl angeregt, verfolgt aber, wie es B. Simson wahrscheinlich macht, einen bestimmten politischen Zweck, indem wohl nicht ohne Absicht neben scharfem Tadel Lothars und seiner Anhänger die Verdienste Ludwigs des Deutschen sehr hervorgehoben werden. In der Form sehr unvollkommen, und größtentheils in magerer annalistischer Weise verfaßt, gewährt sie uns doch einige gute Nachrichten; der Aufgabe einer wirklichen Biographie aber konnte der Verfasser schon deshalb nicht genügen, weil er von Leidenschaftlichkeit gegen Ludwigs Gegner, vorzüglich gegen Ebo von Reims, erfüllt war, und die wahren Ursachen der Unruhen und inneren Kriege verschweigt[7]. Walahfrid freilich, ein ebenso eifriger Anhänger Ludwigs, lobt, indem er die Mängel des Ausdrucks mit der seelsorgerischen Thätigkeit des Mannes entschuldigt, gerade die Wahrhaftigkeit desselben; er theilte das Büchlein in Capitel und versah diese mit Ueberschriften, um sich und andere an den Thaten des Kaisers Ludwig, heiligen Andenkens, um so besser und häufiger erbauen zu können.