Mit geringerer Heftigkeit, doch mit nicht minderer Parteilichkeit für Ludwig, ist die zweite größere Lebensbeschreibung desselben[8] geschrieben, welche ein unbekannter Geistlicher vom Hofe bald nach dem Tode des Kaisers verfaßt hat; man pflegt ihn den Astronomen zu nennen, wegen einiger Bemerkungen, welche sich auf diese Wissenschaft beziehen. Tiefere geschichtliche Einsicht dürfen wir bei einem Anhänger Ludwigs überhaupt nicht suchen, und auch der Stil dieses Biographen ist entstellt durch übertriebenes Streben nach phrasenhaftem Schmuck. So hat er in dem mittleren Theile seines Werkes von 814 bis 829 fast nur die Reichsannalen ausgemalt und durch seine Schönrednerei entstellt[9]. Schätzbarer ist der erste Abschnitt, wo Ludwigs Jugendzeit nach den Erzählungen oder, wie Ebert vermuthet, nach einer schriftlichen Aufzeichnung des Mönches Adhemar geschildert ist, der mit dem Kaiser auferzogen war. Im letzten Theile endlich giebt der Verfasser aus eigener Kenntniß Nachricht von dem was er erlebt, und wenn auch seine Darstellung wenig zu loben, die Chronologie sehr verwirrt ist, so ist doch der Inhalt von großem Werthe für uns.
Diesen Schriften reihen wir noch das Leben des Abtes Benedict an, des Stifters des Klosters Aniane († 821), der das Vertrauen des Kaisers in so hohem Grade besaß; zuletzt Abt des für ihn erbauten Klosters Inden oder Cornelimünster, wurde er zugleich Obervorsteher aller Klöster im Frankenreich, und entfaltete eine große Wirksamkeit für die Reform des Mönchswesens und Herstellung der Schulen. Sein Leben wurde ein Jahr nach seinem Tode (821) von Ardo, genannt Smaragdus, seinem Nachfolger als Abt von Aniane, in anschaulicher Weise liebevoll geschildert, mit besonders genauer Kenntniß der früheren Zeit, wie er, damals Witiza genannt, ein edler Gothe, Sohn des Grafen von Maguelonne, ein tapferer Kriegsmann, Mönch wurde und sich zuerst einer ganz übertriebenen Askese hingab, bis das Leben ihn erzog, und nun seine reformatorische Thätigkeit weithin wirksam wurde. Auch die Bekehrung des Grafen Wilhelm von Toulouse wird darin berichtet, dessen Leben später fabelhaft ausgeschmückt ist[10].
Ein merkwürdiges Denkmal aus dieser Zeit ist der liber manualis Dodanae, die von Dhuoda, der Witwe des Grafen Bernhard von Septimanien, im J. 841 für ihren Sohn Wilhelm verfaßten Rathschläge und Unterweisungen, woraus einst Mabillon und Baluze Auszüge gegeben haben, welche jetzt mit Benutzung einiger neugefundenen Fragmente von E. Bondurand neu herausgegeben sind[11].
In einer Zeit der erbittertsten Parteiungen konnte die Geschichtschreibung nicht den Charakter ruhiger, unparteilicher Schilderung bewahren, den wir in den Reichsannalen wahrnehmen; jede Erzählung nimmt eine bestimmte Farbe an nach dem Standpunkt des Verfassers, und es treten nun auch die politischen Streitschriften hinzu, in welchen die Gegner ihr Verfahren zu rechtfertigen, die Widersacher anzuschuldigen sich bemühen. Dahin gehört aus dieser Zeit namentlich das beredte Manifest des Erzbischofs Agobard von Lyon, welches das Auftreten der Söhne gegen ihren Vater rechtfertigen sollte[12], und von der anderen Seite die Klage des Herrn Kaiser Ludwig, angeblich von ihm selbst verfaßt, in Wahrheit aber doch wohl nur eine Stilübung aus dem Kloster des h. Medardus[13].
Den Tod des Kaisers und die darauf folgende Zwietracht beklagte in einer Elegie Florus, der bekannte Diakonus von Lyon[14].
[1] Aus den Kanzleiformeln der Urkunden verschwanden unter ihm die herkömmlichen Barbarismen, oben S. 160.
[2] Walahfridi Praef. ad Einh. V. Caroli: „Nunc relabentibus in contraria studiis, lumen sapientiae quod minus diligitur, rarescit in plurimis.“ Lupus an Einhard: „Nunc oneri sunt, qui aliquid discere affectant.“ Ep. 1 ed. Baluze. Auch bei Ideler, Leben Karls d. Gr. II, 138. Die ganze Stelle ist lesenswerth. Aehnliche Stellen von Claudius Taurinensis (über ihn s. Ebert II, 222-224; Laville, Claude de Turin. Essai sur le protestantisme du IX. siècle (Thèse). Toulouse, Chauvin.) giebt Reuter, Gesch. d. Aufkl. I, 267. Dümmler, Ostfr. III, 649-652, wo die Hofschule ausführlich behandelt ist. Ueber diese auch B. Simson II, 255-260.
[3] „Similiter etiam obnixe et suppliciter vestrae celsitudini suggerimus, ut morem paternum sequentes, saltim in tribus congruentissimis imperii vestri locis scholae publicae ex vestra auctoritate fiant, ut labor patris vestri et vester per incuriam quod absit labefactando non depereat.“ MG, Legg. I, 339. Der Vorschlag kam von der Pariser Synode.
[4] Ausgabe von Pertz, MG. SS. II, 464-523. Migne CV, 551-640 nach Bouquet. Dümmler, Poet. Lat. II, 1-92. Verbesserungen von Traube, Karol. Dicht. S. 65. Uebersetzung von Pfund, Berl. 1856. 1889 (Geschichtschr. 18. IX, 3). Henkel: Ueber den hist. Werth der Gedichte des Ermoldus Nigellus, Progr. der höheren Bürgerschule zu Eilenburg 1876. Ebert II, 170-178. Simson, Karl d. Gr. II, 258 ff. Theilw. übers. v. Th. Reinhart im Jahrb. f. Gesch., Sprache u. Litt. Elsass-Lothr. II. 1886.