§ 11. Der Streit der Söhne. Nithard. [[←]]

Nithardi Historiarum libri IV. ed. Pertz, MG. SS. II, 649-672. Besonderer Abdruck Hann. 1839; 2. Ausg. mit neuer Benutzung der Pariser Handschrift, sonst ohne Zusatz, 1870; von Holder mit wiederholter Benutzung derselben 1880. Uebersetzung von Jasmund, Berl. 1851. 1889 (Geschichtschr. 20. IX, 5; S. 67 l. fünften statt 15). — Die Eidesformeln jetzt auch bei Müllenhoff und Scherer S. 197 (3. Ausg. I, 231), vgl. S. 479 (II, 365). Brakelmann in Hoepfners und Zachers Zeitschr. f. d. Philol. III, 85-95. Arbois de Jubainville: Le Text Franc etc. Bibl. de l'École de chartes XXXII, 321-340. Facs. bei G. Paris: Les plus anciens Monuments de la langue Française (1875) pl. 1. Chr. Pätz, De vita et fide Nithardi, Diss. Hal. 1865. Gerold Meyer von Knonau, Ueber Nithards 4 Bücher Geschichten, Leipz. 1866, 4. O. Kuntzemüller, Nithard u. sein Geschichtswerk, Diss. Jen. 1873. Ebert II, 370-374. Die Handschrift stammt aus Saint-Magloire in Paris, Hist. Zeitschr. XXXI, 220. Delisle, Note sur le Catalogue général p. 37. Manitius, Parallelstellen, NA. IX, 618. XI, 69-73.

Wir haben schon früher gesehen, wie am Anfang des Mittelalters diejenigen Männer, welche sich durch litterarische Bildung auszeichneten, wenn sie auch ihre Bildung noch nicht der Kirche verdankten, doch zuletzt dieser sich zuwandten, und dasselbe wiederholt sich auch in Karls Zeit. Die fränkischen Ritter verschmähten jede gelehrte Bildung, und die Bemühungen Karls in dieser Beziehung blieben ohne dauernde Wirkung. Die Kirche war gar bald wieder alleinige Hüterin des Griffels und der Feder. Auch Einhard hatte sich klösterlichem Leben zugewandt, wenn er auch nicht in den geistlichen Stand getreten war, und kriegerische Waffen hatte er nie geführt. Auch Angilbert, wenn er jemals, wie man später erzählte, ein Kriegsheld gewesen war, zog doch die Kutte an; sein Sohn Nithard aber bietet uns das einzige Beispiel eines vornehmen und tapferen Streiters, der wirklich das Schwert aus der Hand legte, um auch mit der Feder die Sache seines Herrn zu vertheidigen. Freilich hat seine Rede nicht mehr den Wohlklang von Angilberts Muse; man fühlt ihr die Zeit an, wo schon über den Verfall der Schulen geklagt wird, sie ist rauh und hart, aber dafür entschädigt der tüchtige Sinn des Mannes, seine Einsicht und Kenntniß der Dinge. Daß auch seine Schrift durchaus parteiisch ist, versteht sich von einem Manne, der mitten in den heftigsten Kämpfen stand, von selbst; es konnte nicht anders sein[1].

Nithard war ein eifriger Anhänger Karls des Kahlen, und theilte mit ihm alle Wechselfälle des Kriegs. Im Jahre 840 übernahm er eine Gesandtschaft an Lothar, und als diese vergeblich blieb, zog er mit Karl dem Heere Lothars entgegen; da, als sie eben im Begriff waren, in Châlons-sur-Marne einzureiten, gab Karl ihm den Auftrag, die Geschichte seiner Zeit zu schreiben, um sein Recht aller Welt darzulegen. Doch war ihm zunächst noch Nithards Schwert wichtiger, als seine Feder; am 25. Juni 841 wurde die Entscheidungsschlacht bei Fontenoy geschlagen, wo auch Nithard, wie er selbst erzählt, tapfer kämpfte. Dann griff er wieder zur Feder; im ersten Buch stellte er einleitend die Ereignisse dar, welche zu diesen Kämpfen geführt hatten, die Reichstheilungen, und die Verwirrung, welche daraus entstanden war, zweckmäßig und übersichtlich erzählt[2]. Mit Ludwigs Tode hebt im zweiten Buch die ausführliche Darstellung an; das Unrecht Lothars und die Verwerflichkeit seines Benehmens gegen die Brüder sind der vorzügliche, auch in dem an Karl gerichteten Vorwort ausdrücklich bezeichnete Gegenstand. Die Schilderung des entscheidenden Kampfes, mit dem das Buch schließt, unterbricht Nithard durch die Bemerkung, daß eben jetzt, während er schreibe[3], am 18. October desselben Jahres, die Sonne sich verfinstere. Das dritte beginnt er voll Unmuth: er habe gar nicht weiter schreiben wollen, weil es ihn schmerze und ihm zuwider sei, von seinem Volke schmähliches zu berichten; doch damit nicht etwa jemand sich erkühne, die Sachen anders zu berichten als sie sich ereignet hätten, habe er sich entschlossen, noch ein drittes Buch hinzuzufügen über dasjenige, woran er selber Theil genommen, die Verhandlungen nämlich, die ihn fortwährend in Anspruch nahmen. Mit ähnlichen Worten beginnt er auch das vierte Buch, das letzte, welches leider nur bis zum Anfange des Jahres 843 reicht; dann scheint er in sein Kloster zurückgekehrt zu sein, vermuthlich eben deshalb, weil es ihm als Laienabt verliehen war. Ich hatte früher ganz bezweifelt, daß er Abt gewesen sei, allein da die Grabschrift wirklich von dem Zeitgenossen Mico zu sein scheint, so müssen wir ihm glauben, daß Nithard kurze Zeit (paucissimis diebus sagt Hariulf) Abt gewesen und als solcher im Kampf gefallen sei. Da schon im Sept. 844 Ludwig Abt ist, so muß er vor diesem eingeschoben werden, und es mag die Vermuthung von Traube richtig sein, daß Richbod, nachdem er noch 842[4] die feierliche Erhebung Angilberts besorgt hatte, ihm den Platz hat räumen müssen, was in diesem Kloster mehrmals vorkam. Wir hören nichts weiter von ihm, als daß im elften Jahrhundert, als Angilberts Grab in St. Riquier eröffnet wurde, man darin die Leiche Nithards fand, in Salz gelegt, in dem hölzernen, mit Leder bedeckten Sarge, worin er einst vom Schlachtfelde heimgetragen war, an seinem Haupt die Wunde, welche ihm den Tod gegeben. Damals hat man ihn als Abt gemalt, und der Klosterdichter Mico verfaßte dazu ein Epitaph[5]. Als Todestag wird XVIII. Kal. Jun. angegeben, was richtiger durch Id. Mai bezeichnet wäre. Dümmler schlägt deshalb vor, Jul. zu setzen, und so kämen wir auf den 14. Juni. Merkwürdiger Weise aber ist nach Prudentius der Abt Richbodo von St. Riquier am 14. Juni 844 am Agout gefallen, und ist auch dieser ein Enkel Karls des Großen gewesen. Leider fehlt es uns an jeder zuverlässigen Nachricht zur Aufklärung dieser Verhältnisse; wenn Nithard mit ihm zugleich gefallen wäre, so muß man doch annehmen, daß er sicherlich auch hätte erwähnt werden müssen. Wir beschränken uns also darauf, das Epitaph hier mitzutheilen. Es lautet:

EPYTAFIUM.

Hic rutilat species Nithardi picta sagacis,
Nomen rectoris qui modico tenuit,
Eheu! quod subito in bello rapuit gemebundo
Mors inimica satis seu furibunda nimis:
Invidia siquidem multatus hostis iniqui,
Qui primus nocuus perstitit innocuis.
Astu nam belli viguit quasi fortis Asilas[6],
Nec non ex sophia floruit ipse sacra.
Extitit elatos rigidus mites humilisque
Contra commissum pacificusque gregem.
Cujus de Caroli genio[7] processit origo
Nobilis ac celsa caesaris egregii.
Occubuit Junii octavo decimoque Kalendas
Hostili gladio: hac requiescit humo.
Hos quicumque legis versus, miserere suique
Dic: Animae ipsius det veniam Dominus,
Jam quia sublatus terris regione locatus
Sit, precibus, sancta, hocque frequens rogita.
Donec e tumulo salient cineres quoque vivi,
Corpore suscepto quo reparatus eat
Ad loca sanctorum, fultus hinc inde maniplis
Angelicis sanctis cum patribus reliquis.

Ungern trennen wir uns von diesem Büchlein, dem Werke eines wackern Kriegshelden und einsichtigen Staatsmannes, welcher so recht aus der Mitte der Begebenheiten mit Ernst und Wahrheitsliebe berichtet, was er selbst durchlebt, woran er selbst den bedeutendsten Antheil genommen hat. Unwillkürlich knüpft sich daran der Gedanke, wie ganz anders die Geschichtschreibung sich hätte entwickeln können, wenn die Laien der folgenden Jahrhunderte es nicht verschmäht hätten zu schreiben, wenn nicht die Feder ausschließlich der Geistlichkeit überlassen wäre, der wir zwar viel schöne und treffliche Werke zu danken haben, die aber mit Nothwendigkeit ihre kirchliche Auffassung in alle Verhältnisse übertrug. Wir möchten ihre Werke nicht missen, aber gar gerne hätten wir daneben auch die Stimmen einsichtiger Laien.

Doch ist Nithard nicht der einzige von den Kämpfern in der Schlacht bei Fontenoy, dessen Worte uns vorliegen; auch von Lothars Seite ist uns eine Schilderung der Schlacht erhalten in dem Klagelied jenes Angilbert, der, im ersten Treffen kämpfend, von Vielen allein übrig geblieben war. Voll tiefen Grames sind seine Worte, nirgends tritt uns so lebendig der bittere Schmerz entgegen über diese allzu harte Nacht, in welcher die Tapfersten gefallen sind, die Kundigsten des Krieges[8]. Die Form dieser Verse ist rhythmisch, die Sprache diejenige, welche uns schon aus der merowingischen Zeit bekannt ist, lateinisch wie es ein Romane sprechen und schreiben konnte, ohne es schulmäßig erlernt zu haben. Daher haben wir auch dergleichen Dichtungen nur aus Frankreich[9] und Italien[10], aus Deutschland nur Kunstpoesie gelehrter Geistlicher[11]. Daneben sang das Volk seine deutschen Lieder, die wohl gelegentlich erwähnt werden, die aber niemand aufschrieb. Nur der Ludwigsleich, gedichtet auf die Normannenschlacht bei Saucourt (881), bildet davon eine Ausnahme[12].

Ein höchst eigenthümliches Product jener traurigen Zeiten, wo durch die Zwietracht der Brüder alle Ordnung gestört war und besonders die Kirchen fortwährender Beraubung und Mißhandlung ausgesetzt waren, wo dann auch Karl der Kahle die anfangs noch an ihn geknüpften Hoffnungen in zunehmender Weise täuschte, sind die Schriften und vorzüglich die Revelationen des Audradus Modicus aus dem Martinskloster zu Tours, der 847 vom Erzbischof Wanilo zum Landbischof von Sens eingesetzt wurde, im Nov. 849 aber mit seinen meisten Collegen diese Stelle wieder verlor. Im März 849 überreichte er seine gesammelten Schriften in Rom dem Pabst Leo IV, welcher sie im Archiv von St. Peter niederlegte; die angeblichen Visionen aber setzte er noch bis 853 fort. Diese nur fragmentarisch erhaltenen Schriften sind kürzlich durch neugefundene Fragmente verständlicher geworden und von L. Traube in scharfsinniger Weise erläutert; sie enthalten nicht unbedeutende Beiträge zur Geschichte der Zeit[13].