[11] Ueber diese rhythmische Poesie überhaupt s. Ebert II, 311-328.

[12] Müllenhoff und Scherer I, 24, vgl. II, 71 ed. III, übersetzt bei Dümmler, Ostfr. III, 155. Denselben Ludwig feierte nach Mabillon in lateinischen Versen Abt Angilbert von Corbie bei Uebersendung einer Abschrift von Augustin de doctrina christiana, aber Traube hat dieselben für Angilbert von St. Riquier u. Ludwig d. Fr. in Anspruch genommen, O Roma nobilis, S. 322 ff.

[13] Audradi Modici Carmina ed. Traube, Poet. Lat. III, 67-122. Ders. O Roma nobilis, p. 374-391, wo die Revel. gesammelt u. erläutert sind. Bedeutende Fragmente hat Albricus gerettet. S. 377, 1 l. judicat statt indicat.

§ 12. Frechulfs Weltchronik. [[←]]

Wir haben oben [§ 10 →2] die ersten, noch recht unvollkommenen Versuche betrachtet, die fast verlorene Verbindung mit der Vergangenheit herzustellen. Die Ereignisse der Gegenwart nahmen zunächst die Aufmerksamkeit in Anspruch und mit ihrer Aufzeichnung begann man; doch regte sich auch bald das Bedürfniß in den größeren Zusammenhang einzutreten und einen Ueberblick über die Weltgeschichte zu gewinnen. Bei der raschen Ausbildung formaler Gewandtheit konnten die in der Form noch halb barbarischen und innerlich unverarbeiteten Compilationen sehr bald nicht mehr genügen, und es ist begreiflich, daß man sich dieser großen und schwierigen Aufgabe von neuem und mit besserem Erfolge zuwandte.

Ganz anderer Art nun, als jene Compilationen, und das Werk eines wirklich bedeutenden Mannes ist die Weltchronik des Bischofs Frechulf von Lisieux. Unbekannter Herkunft nennt er Helisachar, den vielvermögenden Kanzler Kaiser Ludwigs[1], seinen Lehrer, und die Freundschaft, welche ihn mit Hraban verband, wird wohl schon damals geschlossen sein, als dieser zu Alcuins Füßen saß[2]. Vermuthlich aus dem Kreise der Hofgeistlichkeit wurde Frechulf auf den Bischofstuhl erhoben; in Lisieux fand er eine in tiefe Unwissenheit versunkene Herde zu weiden, und einen solchen Büchermangel, daß nicht einmal die Bibel vorhanden war. Er wandte sich deshalb an seinen Freund Hraban, seit 822 Abt von Fulda, mit der Bitte um einen Commentar zum Pentateuch, der die Erklärungen der alten Kirchenlehrer mit Beifügung ihrer Namen enthalten sollte, und Hraban erfüllte seine Bitte. Wohl bald nachher sandte der Kaiser ihn 824 an den Pabst Eugen II wegen des damals lebhaft geführten Streites über den Bilderdienst; bis 852 wird noch seine Theilnahme an verschiedenen Synoden erwähnt[3], 853 aber erscheint sein Nachfolger Eirard.

Ohne Zweifel hat Frechulf seine Verbindungen und wohl auch die Reise nach Rom benutzt, um dem Büchermangel abzuhelfen, so daß er bald im Stande war, auf Helisachars Wunsch und Antrieb mit einer für die damalige Zeit nicht unbedeutenden Gelehrsamkeit und Kunst ein Werk über die alte Geschichte zu Stande zu bringen, in welchem die ausgehobenen Stellen der benutzten Autoren zu einer ausführlichen Darstellung nicht ungeschickt verbunden sind. Zu diesem ersten Theile fügte er bald noch einen zweiten, welcher die Geschichte des römischen Reiches von Christi Geburt bis zur Vertreibung der römischen und gothischen Obrigkeiten aus Gallien und Italien und der Aufrichtung völlig selbständiger Reiche durch die Franken und Langobarden fortführt; die Geschichte der christlichen Kirche fand ihren Abschluß durch Gregors des Großen Pontificat. Diese zweite Abtheilung seines Werkes überreichte er 830 oder etwas früher der Kaiserin Judith, deren Gelehrsamkeit auch von Hraban und Walahfrid gepriesen wird[4], um davon für den Unterricht des noch zarten Knaben Karl Gebrauch zu machen. Ueberaus merkwürdig ist es, daß Frechulf hierdurch die sonst so ängstlich festgehaltene Continuität des römischen Reiches gänzlich aufgab, daß er es wagte, die neuen Reiche auf römischem Boden als etwas wirklich neues, ihre Stiftung als den Beginn einer neuen Zeit zu betrachten[5]. Nachfolger hat diese Abweichung von dem herrschenden Systeme nicht gefunden; nur Notker, der Mönch von St. Gallen (I, 1) ist kühn genug, die Bildsäule als zertrümmert, das römische Reich als vergangen zu betrachten, und Kaiser Karl als den Herrscher eines neuen Weltreichs hinzustellen.

In dem herkömmlichen Geleise blieb auch Ado, Erzbischof von Vienne († 874), der Verfasser des Martyrologiums, welcher sich auch an einer Weltchronik versuchte[6]. Er verband zu diesem Zwecke mit der Chronik des Beda Auszüge der gewöhnlichen Quellen, die er jedoch stilistisch zu einer zusammenhängenden Erzählung überarbeitete. Den Faden für die Verbindung des Ganzen gab ihm die Folge der Kaiser; an Constantin und Irene knüpft sich unmittelbar Karl der Große, dann Ludwig, Lothar, Ludwig II: so wird der Gedanke der Einheit des römischen Reiches durchaus festgehalten. Die Erhebungen der Söhne gegen Ludwig den Frommen erscheinen nur als unberechtigte Revolutionen; dann wird Karl der Kahle als trefflicher und weiser Regent gepriesen, alle aber überstrahlt die Hoheit des Pabstes Nikolaus. Es ist die Geschichte vom Standpunkte der Autorität und der vorgefaßten Meinungen, der sie so lange beherrscht hat und eine unbefangene Auffassung der Ereignisse unmöglich machte.

Auch eine Volksgeschichte der Franken liegt uns vor, wahrscheinlich aus dem Jahre 816, die einem übrigens unbekannten Erchanbert, doch ohne genügende Sicherheit, zugeschrieben wird[7]. Doch ist kein großer schriftstellerischer Ruhm daran zu verlieren oder zu gewinnen; sie beruht ganz und gar auf den Gesta Francorum, und der angehängte Schluß ist über alle Maßen dürftig; nur die sagenhafte Erzählung über die Beseitigung des letzten Merowingers zieht unsere Aufmerksamkeit auf sich, weil sie uns zeigt, wie früh sich eine, der Wirklichkeit nicht entsprechende, stark kirchlich gefärbte Auffassung ausbildete.

Die Localgeschichten, welche später zu so bedeutender Entwickelung gelangten, zeigen sich in dieser Zeit noch kaum in ihren ersten Anfängen. Wir erwähnten schon des Paulus Diakonus Geschichte der Bischöfe von Metz; außerdem ist nur noch die Geschichte der Aebte von St. Wandrille zu nennen[8], bis zum Jahre 833, mit einer Fortsetzung bis zum Jahre 850. Sie enthält mancherlei merkwürdiges, z. B. über Einhards Stellung als Aufseher der königlichen Bauten, und ist besonders ausführlich über die Thätigkeit des Abtes Ansegis, jenes bedeutenden Mannes, dessen Capitulariensammlung so großes Ansehen gewann.