Mit dem äußersten Widerstreben hatten die deutschen Stämme sich der Herrschaft der Franken unterworfen, welche von ihrer niederrheinischen Heimath aus sowohl am Oberrhein wie am Main festen Fuß faßten und in größeren Massen sich ansiedelten, während einzelne Herren dieses herrschenden Stammes überall im ganzen Lande zu finden waren. Mit ihnen kam die fremde, römische Kirche, und die rein deutsche, ureigne Entwickelung wurde durch das Uebergewicht der fremden Bildung erdrückt. Doch ist es fraglich, ob wir überhaupt berechtigt sind, hier von einer Entwickelung zu sprechen; so lange wir von den Deutschen Nachricht haben, ist eine solche, wo sie unberührt blieben, kaum wahrzunehmen, und gerade das am spätesten unterworfene sächsische Heidenthum ist völlig starr und jeder Veränderung widerstrebend; das waren Zustände, die ungestört viele Jahrhunderte ohne merkliche Entwickelung fortbestehen konnten.

Gewaltsam wurden die Schwaben, Baiern, Sachsen dem Frankenreiche einverleibt; aber nachdem bei ihnen die Kirche durch Bonifatius sicher gegründet und durch Karls feste Hand auch über Sachsen ausgebreitet war, nahmen sie nun auch an dem Leben innerhalb derselben, an der Entwickelung aller der durch Karl gelegten und gepflegten Keime, den lebhaftesten selbstthätigsten Antheil. Als das große Reich zerfiel, hatte diese Pflanzung bereits so tiefe Wurzeln bei ihnen geschlagen, daß die Trennung keinen nachtheiligen Einfluß darauf äußerte; auch blieb ja die Einheit der Kirche, welche die einzelnen Glieder schützte gegen das Schicksal jener alten, in ihrer Vereinzelung verkommenden Gemeinden der irischen Glaubensboten.

Ludwig dem Deutschen fehlte es nicht an Bildung[1]; er fand Freude und Geschmack daran und scheint namentlich auch, wie sein Vater, den Wunsch gehabt zu haben, den Deutschen das Christenthum durch Werke in der Volkssprache näher zu bringen. Ihm selber glaubt man die Aufzeichnung des deutschen Gedichtes vom Jüngsten Tage in einer ihm gewidmeten Handschrift zuschreiben zu dürfen[2]; ihm übersandte auch Otfrid um 865 sein Evangelienbuch. Nicht minder nahm aber auch Ludwig, wie sein Vater und seine Brüder, lebhaften Antheil an den Fragen und Untersuchungen, welche die gelehrten Theologen seiner Zeit beschäftigten, in so eingehender Weise, wie es nur bei der gründlichen Schulbildung der Karolinger möglich war. Der Erzbischof Adalram von Salzburg (821-836) übersandte ihm die Abschrift einer Predigt des heiligen Augustin, dieselbe, welcher die eben erwähnten deutschen Verse beigefügt sind; ein Priester Regimar mehrere Schriften des h. Ambrosius[3]. Besonders aber stand er in lebhaftem Verkehr mit Hraban, der ihm mehrere seiner Werke theils aus eigenem Antriebe, theils auf ausdrückliche Aufforderung des Königs überreicht hat; im Prolog zum Daniel erwähnt er peritissimos lectores an seinem Hofe[4]. Auch zu der Unterredung mit seinem Bruder Karl im Jahre 865 führte Ludwig den Bischof Altfrid von Hildesheim mit sich und benutzte die Anwesenheit des gelehrten Hinkmar, um diesen beiden Männern einige schwierige Stellen der heiligen Schrift zur Erklärung vorzulegen. Dadurch veranlaßt, verfaßte Hinkmar seine Auslegung des 17. Verses des 103. Psalmes, welche er dem Könige übersandte[5]. Auch fehlte es am ostfränkischen Hofe wohl nicht ganz an einer Hofschule für die vornehmen Jünglinge, welche nach alter Sitte dort sich auszubilden suchten. Erzkanzler war von 829-833 der gelehrte Abt Gozbald von Nieder-Altaich, welcher später (841-855) das Bisthum Würzburg erhielt. Ihn nennt Ermanrich von Ellwangen seinen Lehrer, vorzüglich aber kann er nicht Worte genug finden zum Preise des weisesten der Lehrer, des Erzkaplans Grimald, der noch an Karls Hofe gebildet war, man sagte sogar, daß er noch Alcuins Unterricht genossen habe, dann in der Reichenau höhere Ausbildung suchte, und von 833 bis 870, wenngleich nicht ohne Unterbrechung, der Kanzlei, bald auch der Kapelle Ludwigs vorstand. Mit drei Abteien, Weissenburg, St. Gallen und Ellwangen[6] bedacht, hielt er sich doch noch immer vorzüglich am Hofe auf, wo die wichtigsten Geschäfte ihm anvertraut wurden. Er war ein Neffe des Erzbischofs Hetti von Trier, und der Bruder von dessen Nachfolger Thietgaud[7]. Zu den bedeutendsten Gelehrten der Zeit stand er in freundschaftlichen Beziehungen; so übersandte Hraban ihm sein Martyrologium mit einer poetischen Widmung[8], und nie versäumte Grimald über den Staatsgeschäften die Pflege der Wissenschaft. Veranlaßt war Hraban zu jenem Werke durch Ratleik, einst Einhards Schreiber, dann dessen Nachfolger als Abt von Seligenstadt und von 839 bis 853 Kanzler an Grimalds Stelle[9]. Auch Witgar, Abt von Ottobeuern, der von 858-860 Kanzler war, dann Bischof von Augsburg wurde, zeichnete sich durch Liebe zu gelehrten Studien aus; nicht minder auch Grimalds Nachfolger Liutbert, der Erzbischof von Mainz[10].

Allein der Königshof war doch nicht mehr wie in Karls Zeit der Mittelpunkt aller litterarischen Bestrebungen, welche sich nun vielmehr an die Orte anschlossen, wo die bedeutendsten Lehrer der Zeit wirkten, und namentlich bei dem bald nachher eintretenden Verfall des Reiches kann man es nur als eine glückliche Entwickelung betrachten, dass diese Studien in voller Unabhängigkeit an den verschiedensten Orten feste Wurzeln getrieben hatten. Naturgemäß verbreiteten sie sich im ganzen Reiche, erblühten bald hier bald da zu reicher Entfaltung, und folgten so derselben Richtung der Vereinzelung und Absonderung, welche im deutschen Reiche sich überall und immer von neuem geltend macht. Daher ergiebt sich denn auch die Betrachtung nach landschaftlichen Gruppen als die einzige für die deutsche historische Litteratur anwendbare.

Aber wie überhaupt die Zeit der deutschen Karolinger sich aufs genaueste den Zuständen des Frankenreichs anschließt, so finden wir auch unter Ludwig und seinen Söhnen noch eine Fortsetzung der alten Reichsannalen. Denn wenn auch die Annalen von Fulda[11] aus einem Kloster hervorgegangen sind und diesen localen Ursprung nicht verleugnen, so umfaßt doch auch ihr Gesichtskreis das ganze Reich, und die Klostergeschichte erscheint ganz als Nebensache. Die Verfasser müssen in naher Verbindung mit dem Hofe gestanden, unter dem Einfluß desselben geschrieben haben, wenn sich auch kein Zeugniß dafür beibringen läßt; sie zeigen sich außerordentlich gut unterrichtet und beobachten auch als officielle Reichshistoriographen dieselben Rücksichten, welche schon in den Fortsetzungen des Fredegar und in den Lorscher Annalen wahrzunehmen sind. Uebrigens haben sie vortrefflich geschrieben in jener schon an Karls Hofe festgestellten Weise; dieselbe, in ruhiger Würde völlig objectiv gehaltene Darstellung, von Jahr zu Jahr fortschreitend, mit der deutlichen Absicht, der Nachwelt Kunde von den Ereignissen zu hinterlassen und zugleich ihr Urtheil zu bestimmen. Nicht jedes Jahr ist daran geschrieben, aber doch immer ziemlich bald nach den Ereignissen, und deshalb haben wir an ihnen eine unschätzbare Quelle ersten Ranges, bei der wir nur die Absichtlichkeit der Darstellung nicht außer Acht lassen dürfen. Die Form ist anspruchslos, und doch muß man bei näherer Betrachtung die Kunst anerkennen, welche dazu gehörte, in diesen wirren Zeiten alles im Auge zu behalten, sich durch Nebensachen nicht abwenden zu lassen, und mit knapper Beschränkung das Wichtigste übersichtlich zusammen zu stellen.

Ein allem Anschein nach fuldischer Mönch war es, der zuerst die Aufgabe übernahm, die 829 abgebrochenen Königsannalen für Ludwigs Reich weiter zu führen. Er besaß jedoch dieselben, wie es scheint, nicht vollständig, sondern wie in der Wiener Handschrift 612 (hist. prof. 989, cod. 6 bei Pertz) nur von 771 an; dazu die Laurissenses minores von 714 an und die Sithienses 741 bis 823. Gewiß war es wünschenswerth, hieraus ein übersichtliches Handbuch zusammen zu stellen, und zu diesem Zwecke empfahlen sich ihm vorzüglich die Sithienses durch ihre knappe und nicht incorrecte Form: die für ihn nothwendige Aufgabe, die alten Lorscher Annalen zugleich zusammen zu ziehen und ihrer rohen Gestalt zu entkleiden, war hier bereits erfüllt; nur für den Anfang hatte er es noch nachzuholen. Der übergroßen Kürze und Dürftigkeit wurde durch Zusätze aus der kleinen Lorscher Frankenchronik, von 771 an überwiegend und bald ausschließlich aus den Reichsannalen abgeholfen; diesen vertraut er sich nun ganz an, ohne doch bis 823 die Führung der Sithienses völlig zu verlassen. Als weitere Quellen weist Kurze sowohl die von ihm construirte Chronik bis 796, wie die nach Saint-Denis benannte Compilation bis 805 nach, der vielleicht schon eine Fortsetzung sich anschloß; auch die Annales Bertiniani zieht er heran. Aus der Translatio SS. Marcellini et Petri (826 und 828) ist einiges zugesetzt[12]; vorzüglich aber verfehlte er nicht, die Hausgeschichte seines Klosters mit Hülfe der alten Annalen in die Reichsgeschichte zu verflechten. Die wenig reichhaltige Fortsetzung bis 838 berührt jedoch nur die allgemeinen Angelegenheiten, aber von einer Einwirkung des Hofes ist noch nichts zu spüren, ein eigenes Urtheil nur leise angedeutet. Der Verfasser hatte wohl nur die Belehrung seiner Klosterbrüder im Auge, und nachdem einmal die völlig ausgebildeten Annalen vorlagen, mußte auch ohne einen äußeren Antrieb überall, wo man eine Abschrift besaß, der Wunsch sich geltend machen, diese werthvolle Quelle wichtiger Belehrung weiter zu führen. Für diese Zeit und in einem Kloster von hervorragender Bedeutung war eine solche Arbeit auch für Mönche nicht mehr zu schwierig.

Das Verhältniß zu den Annales Sithienses, wie es hier angenommen ist, beruht auf dem von B. Simson gegebenen Nachweis, daß den Annales Sithienses gerade alles dasjenige fehlt, was die Annales Fuldenses wörtlich den Laurissenses minores entnommen haben, da doch unmöglich angenommen werden kann, daß gerade alle diese Zusätze bei einem Auszuge weggelassen wären; zugleich weist der Zusatz zu der Notiz über die Rinderpest 810 auf einen Zeitgenossen im letzten Theile[10].

Ich sehe mich hier leider wieder genöthigt, wie schon in den früheren Ausgaben, von dem sonst immer so schwerwiegenden Urtheil von Waitz abzuweichen, obgleich sich derselbe Forsch. XVIII, 354 ff. speciell an mich gewandt hat, um mich von der entgegengesetzten Sachlage zu überzeugen. Es war auch bei mir nicht etwa eine aus Simsons Paralleldruck hervorgegangene „Täuschung des Auges“; ich hatte mir vielmehr selbst den Text der Fulder Annalen für diesen ganzen Abschnitt in seine Elemente zerlegt, und war dadurch zu demselben Resultate gekommen, welches Simson gewonnen hat, und welches durch Is. Bernays von neuem mit großer Schärfe begründet ist. Die Ueberspringung so vieler sicher aus den Lauriss. min. entnommener Stellen in den Sithienses scheint mir unleugbar, und mit der Annahme, daß diese aus den Fuldenses excerpirt wären, unvereinbar. Die vorhandenen Schwierigkeiten müssen deshalb auf andere Weise erklärt werden, wie es in mehreren Fällen Bernays mit Erfolg versucht hat. Fr. Kurze, welcher sich diesem Standpunkt durchaus angeschlossen hat, vermuthet die Benutzung einer besseren und vielleicht etwas reichhaltigeren Handschrift, welche auch weiter fortgesetzt sein konnte. Uebrigens ist die ganze Frage sachlich ohne Bedeutung.

Die Annales Sithienses haben diesen Namen nur deshalb erhalten, weil sie von Mone in einer Handschrift des Klosters Sithiu oder Saint-Bertin entdeckt und daraus veröffentlicht sind[11]. Locale Beziehungen aber fehlen durchaus. Sie beginnen mit Königsnamen von 548 bis 726; von 741 bis 823 liegen fortlaufende Reichsannalen vor, von welchen schon Mone richtig bemerkte, daß sie anfangs zum Theil auf den Ann. Petav. beruhen, übrigens aber durchgehende Verwandtschaft mit den Ann. Lauriss. und Einhardi zeigen. Der Text schwankt zwischen beiden Texten. Das aber, und der Anklang an verschiedene andere Quellen wird von Kurze zurückgeführt auf die Benutzung der oft erwähnten Compilation bis 796. Der Auszug ist nicht ohne Geschick gemacht, aber sehr dürftig, so daß der Fulder Annalist, wie bereits erwähnt, aus anderen Quellen sich reicheren Stoff verschaffte.

Ueber die kühnen Hypothesen Dünzelmanns glaube ich jetzt weggehen zu dürfen, da seine Ansicht von einer Theilung der Annales Fuldenses in einen schon um 793 verfaßten und einen späteren Theil widerlegt wird durch die zweifellose Benutzung der Lauriss. min. und den von Waitz geführten Beweis, daß diese erst um 806 verfaßt sind.