Ueber den Verfasser dieser Annalen nun werden wir belehrt durch eine Randnote in dem um 900 geschriebenen Schlettstadter Codex zum Jahre 838: hucusque Enhardus. Daß hiermit kein anderer gemeint ist, als der berühmte Einhard, können wir als sichergestellt betrachten; ein Mönch Enhard ist weder in den Fulder Todtenannalen noch im Reichenauer Nekrolog zu finden. Für seine Autorschaft hat sich nun in bestimmtester Weise Kurze erklärt[12], indem er sich besonders darauf stützt, daß zum Jahre 836 in das Itinerar des Kaisers die Angabe eingeschoben ist, derselbe sei „ad sanctos Marcellinum et Petrum“ gekommen. Darum müßten die Annalen in Seligenstadt geschrieben sein. Allein ich denke, der Ruf dieser Heiligen und ihrer Wunderthaten müßte damals weit verbreitet und auch in Fulda wohlbekannt gewesen, der Besuch des Kaisers auch da als sehr denkwürdig erschienen sein. Deshalb erscheinen mir Pückerts (S. 158) Gegengründe gegen die Fulder Ueberlieferung doch überwiegend, die Abfassung nur in Fulda selbst anzunehmen. Und daß derselbe Mann nun auch noch die Ann. Sithienses für seine Genter Mönche verfaßt haben sollte, damit scheint mir ihm wirklich zu viel zugemuthet zu werden. Sieht man in ihm den Verfasser der großen Reichsannalen, so kann man vollends diese annalistische Vielgeschäftigkeit nicht glaubhaft finden.
Von der Fortsetzung der Annalen war schon längst erkannt worden, daß sie nicht aus dem Kloster Fulda herstammen können, obgleich der Verfasser der ersten Fortsetzung (838-863) Rudolf uns als Mönch des Klosters bekannt ist; wir werden noch auf ihn zurückkommen. Er ist aber so sehr in die Denkweise, die Gesichtspunkte und Absichten des Hofes eingeweiht, so gleichmäßig unterrichtet über die wichtigeren Begebenheiten in allen Theilen des Reiches, daß ein näheres Verhältniß zum König nicht zu verkennen ist; er stellt denselben stets in das günstigste Licht, und zählt z. J. 858 sich selbst zu den „consiliorum regis conscii“. Aber andererseits findet sich doch keine Spur eines Aufenthaltes am Hofe, etwa der Zugehörigkeit zur Kanzlei, und wir finden ihn auch später wieder im Kloster. Hatte nun schon Duchesne bemerkt, daß Einige den Mainzer Ursprung dieser Annalen behaupten, und in der That tritt die Beziehung zu Mainz oft sehr stark hervor, so hat doch erst A. Rethfeld in seiner scharfsinnigen Abhandlung[13] die richtige Lösung gefunden. Nachdem eine Urkunde vom 27. Jan. 849 (Mühlb. 1350), worin Rudolf vom König als sein Beichtvater, zugleich aber auch als Vorsteher der Schule zu Fulda bezeichnet ist, schon längst als unecht beseitigt war, zeigen uns die Urkunden des Klosters, daß Rudolf in denselben zwar häufig vorkommt, aber nur bis 841. Unzweifelhaft, dürfen wir wohl sagen, hat er in der Folgezeit sich lange auswärts aufgehalten, und es ist höchst wahrscheinlich, daß Hraban 847 bei seiner Erhebung zum Erzbischof ihn nach Mainz mit sich nahm. Aber für die Zwischenzeit fehlt jeder Anhalt. Kurze hat jedoch auf den Bericht der Annalen von dem Aufenthalt K. Ludwigs 838 in Frankfurt hingewiesen, welcher schon auf eine vertrauliche Beziehung hindeutet: es scheint, daß Rudolf selbst anwesend war, und schon damals nach der löblichen Sitte der älteren Könige den Auftrag erhielt, Reichsannalen zu schreiben. Durch seine gelehrte Bildung, einen lateinischen Stil, der sich mit Einhard wohl vergleichen läßt, und eine besonnene und billige Denkweise war er dazu besonders geeignet; möchten wir allerdings gern sehr viel mehr von ihm erfahren, so darf man nicht vergessen, daß seine Aufgabe eine knappe und übersichtliche Darstellung, verbunden mit vorsichtiger Discretion erforderte. Setzte nun sein Aufenthalt am erzbischöflichen und öftere Berührung mit dem königlichen Hofe ihn in den Stand, vielerlei Nachrichten zu erfahren, so mag ihm doch oft auch die Ruhe zur Ausarbeitung gefehlt haben, denn man brauchte seine Feder auch für andere Aufgaben; nicht jedes Jahr schrieb er seine Fortsetzung, und Kurze hat wahrscheinlich gemacht, daß er gerade, wenn er sich einmal wieder in Fulda aufhielt, seine Notizen sorgfältig ausgearbeitet hat, so 853, wo er die seit 849 gelassene Lücke ausfüllte. Zuletzt 860 zog er sich, wohl durch seine Kränklichkeit veranlaßt, ganz nach Fulda zurück.
Vermuthlich von dem Fortsetzer rühren die Randnoten her, welche Enhard und Rudolf als Verfasser der früheren Theile nennen; ihn selbst kennen wir nicht, aber es ist höchst wahrscheinlich, daß es Meginhard war, der auch Rudolfs anderes unvollendetes Werk vollendete und mit einer gleichlautenden Randbemerkung versah. Die Gegengründe von Pertz sind durch Rethfeld und Kurze widerlegt. Er schrieb ganz in derselben Weise und in demselben Geiste, wie sein Vorgänger, wenn auch mit geringerer Kunst des Ausdrucks, gleichmäßig die Reichsgeschichte nach allen Richtungen verfolgend, auch nicht minder beflissen, die Könige in günstigem Lichte erscheinen zu lassen. Einen merkwürdigen Gegensatz bildet daher eine, wie es scheint, besondere Aufzeichnung, nicht das Fragment eines größeren Werkes, über Ludwigs des Jüngeren Krieg gegen die Söhne Ludwigs des Stammlers, welches Boehmer auf dem letzten Blatt einer aus Augsburg stammenden Handschrift saec. IX. in München fand[14]. Daß Meginhard in Mainz seine Annalen geschrieben hat, ist vollkommen klar; 869 erscheint er zuletzt in den Urkunden von Fulda; 870 wurde der Erzbischof Liutbert Erzkaplan, und damals wird er Meginhard den Auftrag gegeben haben, die Annalen, welche seit Rudolfs Tod liegen geblieben waren, fortzusetzen. Er besorgte zu dem Zweck eine Abschrift von Rudolfs Werk, worin drei Stellen geändert, die nach Rudolfs Tod 864 und 865 in Fulda gemachten Zusätze freier überarbeitet sind, und verfaßte nun den Bericht, über die Zwischenzeit, welcher dürftig und lückenhaft, auch nicht fehlerfrei ausgefallen ist; dann aber schrieb er von Jahr zu Jahr und zeigt sich vollkommen gut unterrichtet. Liutberts Persönlichkeit steht durchaus im Vordergrunde, allein als 882 Ludwig der Jüngere starb, behielt Karl III seinen früheren Erzkaplan Liutward, und Liutbert mußte zurücktreten; das Original der noch immer als königlich betrachteten Reichsannalen wird abgegeben sein. Nun besorgte sich Meginhard, von dem wir wohl als erwiesen ansehen können, daß auch die weitere Fortsetzung von ihm ist, eine Abschrift, in welcher fünf größere Stellen geändert sind (Red. II. bei Kurze), und schrieb weiter, jetzt aber ohne alle höfische Rücksicht, mit scharfem Tadel des Königs und seiner Räthe, vorzüglich Liutwards. Im Jahre 887 wurde dieser gestürzt, aber auch Arnulf hatte schon seinen Erzkaplan, den Erzbischof Theotmar von Salzburg, und Liutbert wurde wieder in den Hintergrund gedrängt. Da ist die Mainzer Annalistik erlahmt; Meginhard selbst starb 888 und im folgenden Jahr auch Liutbert.
Aber auch Karl blieb bei dem alten Herkommen, und auch er fand einen Historiographen, der sich kein tadelndes Wort über den Kaiser entschlüpfen läßt, und ihm schließlich seine Belohnung im Himmel anweist. Auch die Absetzung des Kaisers wird von ihm noch mit loyalem Unwillen berichtet, Arnulf jedoch mit großem Geschick geschont, und von dem Augenblicke seiner Erhebung an tritt dieser in die gebührende Stellung des rechtmäßigen Königs ein. Der Verfasser, dem bei dem raschen Verfall der Schulen bereits alles Gefühl für grammatische Correctheit abhanden gekommen ist, muß dem Hofe nahe gestanden haben, seine Heimath aber scheint Baiern zu sein. Ueber dieses Land sind seine Nachrichten ausführlich und genau, die Mährer trifft sein leidenschaftlichster Haß. Ungeachtet der rohen Sprache, der Mangelhaftigkeit der Darstellung, wird doch von ihm, und den 897 eintretenden Fortsetzern, so lange Arnulf lebt, die Würde der Reichshistoriographie ungemindert aufrecht gehalten. Man versuchte sogar auch unter dem Kinde Ludwig in alter Weise fortzufahren, allein bei der rasch überhand nehmenden Zerrüttung verschwand auch diese Erbschaft aus dem Reiche des großen Karl, und mit dem Jahre 901 erlischt die Fackel, welche bis dahin unserem Wege so treulich leuchtete. Adam von Bremen hatte eine bis 911 reichende Handschrift, führt jedoch aus dem letzten Theile nichts mehr an.
Dieser letzte Theil ist uns nur in einer aus dem Kloster Niederaltaich stammenden Handschrift erhalten, welche von 897 ab Autograph zu sein scheint. Hier hat merkwürdigerweise der ältere Theil eine ganz besondere Beschaffenheit (Red. III), indem die ursprüngliche Aufzeichnung Rudolfs, welche vielleicht nach Kurze's Vermuthung bei einem Besuch des Klosters Fulda im August 897 dem Hofe bekannt geworden war, mit der 2. Redaction verbunden ist, so daß wir an einigen Stellen nur hieraus den alten Text erkennen können. Da diese Handschrift Pertz noch unbekannt war, konnte mit Hülfe derselben Fr. Kurze seine Ausgabe auf einer besser gesicherten Grundlage ausarbeiten.
[1] S. Dümmler, Ostfr. II, 417 ff.
[2] Schmeller, Muspilli, München 1832. Wackernagel, Litteraturgesch. S. 56. Vgl. über die vermuthlich auch ihm gewidmete Wiener Handschrift 552 von Karajan in den Sitzungsberichten der Wiener Akademie XXVIII, 311. Ein wahrscheinlich 850 an ihn gerichtetes theol. Gutachten NA. XI, 457.
[3] Cod. S. Galli 98. S. Dümmler, Ostfr. II, 418. Poet. Lat. II, 480.
[4] Kunstmann, Hrabanus Maurus, S. 212.