[15] NA. XVII, 133-138.
[16] Ueber den Ursprung des 2., 3. u. 4. Theiles der sog. fuldischen Annalen v. 838-887, Hall. Diss. 1886. Vgl. dazu Fr. Kurze, NA. XVII, 138-146.
[17] Cod. lat. Monac. 3851. Gedr. MG. SS. III, 159.
§ 14. Fulda, Hersfeld, Mainz. [[←]]
Kunstmann, Hrabanus Magnentius Maurus, Mainz 1841. Rettberg I, 370-374. 605-633.
Die litterarische Thätigkeit der Mönche zu Fulda beschränkte sich nicht auf die Reichsannalen; sie ist umfangreich genug, um einen eigenen Abschnitt in Anspruch zu nehmen, und die Bedeutung des Klosters für die Anfänge gelehrter Bildung auf deutschem Boden ist so groß, daß wir auch seiner Geschichte eine etwas umständlichere Betrachtung widmen müssen.
Die Gründung Fuldas wurde veranlaßt durch Bonifaz, welcher sich seine Ruhestätte dort erwählte, und wohl auch noch bei Lebzeiten sich dahin zurückgezogen hätte, wenn nicht schon früher die Märtyrerkrone ihm zu Theil geworden wäre. In schmuckloser, aber ausführlicher Erzählung wird uns mit anmuthiger Schlichtheit die Geschichte der ersten Gründung berichtet in dem Leben des ersten Abtes Sturmi, der, von Geburt ein Baier, schon als Jüngling Bonifaz übergeben, in Fritzlar von Wigbert unterwiesen war, und nach dreijähriger Wirksamkeit als Pfarrer, von der Sehnsucht nach dem klösterlichen Leben in der Einsamkeit ergriffen wurde. Bereitwillig förderte Bonifaz sein Streben, und sandte ihn, nachdem in Fulda die neue Stiftung begründet war, nach Italien, um an der Quelle die rechte Einrichtung des Klosterlebens kennen zu lernen; er hielt sich deshalb längere Zeit in Montecassino auf[1], welches als des Abendlandes Mutterkloster von fränkischen Pilgern häufig aufgesucht wurde. Unter königlichen und päbstlichen Schutz gestellt und bald auch durch den Leib des hochverehrten Apostels der Deutschen geheiligt, gewann das Kloster Fulda rasch eine kräftige Entwickelung und nahm zu an Glanz und Reichthum. Sturm vertheidigte, nach manchen Wechselfällen doch zuletzt mit glücklichem Erfolge, die Freiheit und Unabhängigkeit des Stiftes gegen den Erzbischof Lull; sein Nachfolger Baugulf (779-802) schmückte es mit Bauwerken, und erst jetzt begann auch das wissenschaftliche Leben in seinen Mauern sich zu entwickeln, obwohl es an einer Schule von Anfang an nicht gefehlt hatte. Alcuin hat damals Fulda besucht, und Karls berühmtes Rundschreiben über die Nothwendigkeit gelehrter Bildung für die Geistlichen ist uns gerade in der an Baugulf gerichteten Ausfertigung erhalten; er ist es auch, der Einhards glückliche Anlagen früh erkannte, und ihn deshalb an des Königs Hof sandte. Die ältesten Fulder Annalen (oben [S. 150]) beginnen mit angelsächsischen Namen und in ihren Handschriften begegnen uns die Schriftzüge der Angelsachsen; es kann nicht ohne günstigen Einfluß geblieben sein, daß diese höher gebildeten Mönche gerne bei den Reliquien ihres gefeiertsten Landsmanns weilten, und auch gelehrte Schotten fanden sich schon bald, des alten Gegensatzes ihrer Kirche vergessend, an Winfrids Grabe ein, wie Probus, der Freund des Lupus und Walahfrids. Baugulfs Nachfolger Ratgar (802-817) sandte die fähigsten Mönche seines Stiftes zu den berühmtesten Lehrern der Zeit, Hraban und Hatto nach Tours zu Alcuin, Brun zu Einhard, Modestus nebst mehreren anderen zu dem Schotten Clemens[2]. Vielleicht schon dieser Zeit gehört der Johannes Fuldensis didasculus an, welcher in ungeschickten Versen als grämlicher Alter gegen den Heiden Vergil eiferte und dagegen des Arator christliches Gedicht pries[3].
Es zeigt sich uns hier der Gegensatz, in welche die der Geistlichkeit zu ausschließlicher Pflege überwiesene Gelehrsamkeit zu dem ursprünglichen Zweck des Klosterlebens trat, und nicht minder litt die stille Beschaulichkeit desselben durch den fürstlichen Hofhalt, den Fremdenverkehr, die Unruhe und den Lärm der Bauten. Ratgar warf man ungemessene Baulust, Härte und Hoffart vor; heftige innere Zerwürfnisse waren die Folge[4], und der Frieden kehrte erst wieder, als 817 Ratgar abgesetzt wurde. Es war das Jahr, in welchem der Kaiser sich ernstlich der Reform der Klöster annahm und auf der Aachener Versammlung die Kapitel verordnete, welche lange Zeit fast gleiches Ansehen mit der Regel selber genossen. Zwei westfränkische Mönche, Aaron und Adalfrid, führten diese Reform auch in Fulda ein; als sie sich hinlänglich befestigt hatte, erlaubte der Kaiser eine neue Wahl, und Eigil übernahm die Leitung des Stiftes. Dieser, den wir aus Einhards Briefen als dessen Freund kennen lernen, war noch ein Schüler Sturms; ein Baier, wie er, und sein Verwandter, war er schon als Kind nach Fulda gebracht und der Klosterschule übergeben: über 20 Jahre hatte er unter Sturms Zucht gelebt, und in dankbarer Erinnerung schrieb er das Leben seines Meisters[5], auf Bitten der Angildruth, vielleicht einer Nonne von Bischofsheim, dem ebenfalls von Bonifaz gestifteten großen Nonnenkloster. Die Sprache Eigils ist nicht frei von Germanismen, sie trägt noch den Stempel der älteren, vor Alcuins Wirksamkeit liegenden Zeit. Doch verletzt sie nicht mehr durch die groben Fehler der merowingischen Zeit, und reichlich entschädigt für die Mängel des Stils der einfach fromme Sinn des Mannes, seine ansprechende und ungesuchte Erzählung dieser Begebenheiten, welche er theils noch selbst erlebt, theils aus dem Munde der älteren Brüder und seines Meisters erfahren hatte. Nach seiner Anordnung wurde diese Legende jährlich an Sturms Gedenktage (17. Dec.) während der Mahlzeit den Mönchen vorgelesen.
Das Leben des zweiten Abtes Baugulf schrieb, durch Eigil veranlaßt, Bruun, mit dem Beinamen Candidus, wohl derselbe, den Ratgar zu Einhard gesandt hatte, noch in seiner ersten, guten Zeit, als er erst kürzlich in wunderbarer Einigkeit von den Brüdern zum Abt erwählt war, wie Bruun berichtet. Leider ist dieses Leben Baugulfs verloren[6]; erhalten aber ist uns das Leben Eigils[7], von demselben Verfasser auf Hrabans Veranlassung geschrieben, als dieser noch Abt war, also vor 842. Der Verfasser war schon hochbetagt, 845 ist er gestorben. Er befand sich auf einer einsamen Pfarre, und Hraban hatte ihn ermahnt, sich im Lesen zu üben und etwas Nützliches zu schreiben. Die Lebensbeschreibung ist nicht ohne Geschick verfaßt, und wenn auch nicht fehlerfrei, lässt sie doch in der anspruchsvolleren Form den Schüler Einhards wohl erkennen. Besonders gelungen ist die sehr lebensvolle Schilderung der Bewegung, welche die Abtswahl im Kloster hervorruft; die Ansichten und Aeußerungen der verschiedenen Wortführer werden in der gewöhnlichen Umgangsprache wiedergegeben, und ein Kampf der Meinungen und Wünsche, wie er sich ohne große Veränderungen noch heutiges Tages bei solcher Gelegenheit beobachten läßt, stellt sich uns mit großer Lebendigkeit dar. Darauf versucht sich der Verfasser in langen Reden, die man nun einmal nach dem Vorbilde des Alterthums als nothwendig betrachtete, wenn man schön schreiben wollte, Reden des Kaisers und des Erzbischofs von Mainz, in denen Bruun die Betrachtungen niedergelegt hat, zu welchen ihn Ratgars Amtsführung und die dadurch hervorgerufenen Wirren veranlaßten. Zu Grunde gelegt sind hier nach Eberts Ansicht wirkliche Ansprachen des Kaisers. Der Verfasser sagt es im Vorwort, und auch, daß er sie so, wie sie gehalten wurden, doch nicht wiederzugeben vermöge. Vollkommen zutreffend hat aber dagegen Waitz bemerkt, daß eine solche Rede voll gelehrter Citate der Kaiser nicht halten konnte, daß ferner Bruun nicht zugegen und Jahrzehnte seitdem vergangen waren. Den Hauptinhalt dessen, was er dann von Eigils eigener Thätigkeit berichtet, bilden wiederum dessen Bauten, namentlich die noch jetzt stehende achteckige Rotunde, die uns wieder an die Freundschaft mit Einhard erinnert; Bruun, Einhards Schüler, nahm selbst an diesen Arbeiten Theil: die Apsis über dem Grabe des h. Bonifaz hatte seine Hand mit Gemälden geschmückt.
Der prosaischen Biographie schließt sich eine zweite in Hexametern an, welche früher geschrieben zu sein scheint[8]; der Inhalt ist fast ganz derselbe, und die Form giebt ein neues Zeugniß von der im früheren Mittelalter so sehr verbreiteten Fertigkeit in dieser Kunst, deren wir schon bei Karls Zeitgenossen häufig zu gedenken hatten. In jeder Schule bildete die Hebung im Versemachen einen stehenden Theil des Unterrichts, und dadurch entstand die Vorliebe für die poetische Einkleidung, die so oft dem inneren Gehalte nachtheilig geworden ist.