Ueber die Stiftung des Klosters Werden an der Ruhr ist eine eigenthümliche Aufzeichnung vorhanden, welche trügerisch zwei Begleitern Liudgers in den Mund gelegt, in den wesentlichen Thatsachen aber richtig, und in ihrem ältesten Theil vielleicht schon um die Mitte des 9. Jahrhunderts geschrieben ist, als nach Altfrids Tod die Familie des Stifters vom Bisthum abkam und die Unabhängigkeit des Klosters bedroht war[9].

Ein anderer Angelsachse war Willehad aus Northumberland, der ebenfalls seine Missionsthätigkeit in Friesland begann und 780 von Karl dem Großen über den Gau Wihmodia gesetzt wurde. Auch ihn vertrieb der Aufstand Widukinds 782, dem ein großer Theil seiner Schüler und Gehülfen zum Opfer fiel. Er selbst flüchtete nach Friesland und pilgerte nach Rom; dann lebte er eine Zeit lang in stiller Zurückgezogenheit in Echternach; Karl aber rief ihn nach der Besiegung der Sachsen zu seiner früheren Thätigkeit zurück, und erhob ihn 787 zum Bischof von Bremen, wo er am 8. November 789 gestorben ist. Sein Leben[10] ist in einer kurzen und einfachen Darstellung beschrieben, welche von seinem berühmteren Nachfolger Anskarius, dem Apostel des Nordens, verfaßt sein soll, wie Adam von Bremen berichtet. Doch hat G. Dehio[11] darauf aufmerksam gemacht, daß die beiden Bücher (Vita und Miracula) nicht von einem Verfasser sein können, und nur das zweite von Anskar sein wird. Er hat ferner nachgewiesen, daß die einzigen chronologisch bestimmten Nachrichten 787 und 789 wörtlich ebenso im Chron. Moissiacense stehen, einige Worte über Widukind aber nicht nur da, sondern auch in den Ann. Laureshamenses. So ergiebt sich auch hieraus, daß dem Chron. Moissiac. ein vollständigerer Text der Ann. Lauresham. vorgelegen hat; die Herkunft der speciellen sächsischen Nachrichten aber vermuthet Dehio in einer Aufzeichnung, welche auch in den von Adam angeführten liber donationum Bremensis ecclesiae aufgenommen sein möchte, ein Buch, welches nach V. Ansk. c. 41 von Anskar angelegt sein dürfte. Doch vermuthet Simson, Forsch. XIX, 134, einfach die Lauresham. in vollständigerer Form als Quelle.

Wir gedachten schon oben der großartigen Idee Kaiser Karls, an den äußersten Grenzen seines Reiches Metropolen zu errichten, welche das Christenthum weit über die Marken hinaus tragen und den geistlichen Einfluß des Kaiserthums dahin erstrecken sollten, wo man seine Waffen nicht mehr fürchtete. Das Heidenthum war der christlichen Kirche unversöhnlicher Feind, es hing genau zusammen mit der alten freien Gemeindeverfassung, und aus beiden entsprangen die unablässigen Raubzüge, von denen die germanischen Nationen jetzt abgelassen hatten, vor denen sie nun aber in ihren gefährdeten Grenzen keine Ruhe fanden, bis die Ausbreitung des Christenthums dem alten Unwesen ein Ende machte.

Hamburg war dazu bestimmt, der kirchliche Mittelpunkt des Nordens zu werden[12]. Ludwig achtete nicht auf den unausgeführt gebliebenen Gedanken seines Vaters; als aber der flüchtige Dänenkönig Harald die Taufe verlangte und Anskarius oder Ansgarius, der ihn als Lehrer der Seinen begleitete, bald auch auf Schweden seine Wirksamkeit ausdehnte, da wurde der alte Plan wieder aufgenommen und Anskar 831 zum Erzbischof von Hamburg geweiht. Doch fehlte Karls starke Hand zum Schutze der neuen Schöpfung, welche dem in Dänemark und Schweden neu erstarkten Heidenthume gegenüber keine erhebliche Wirksamkeit gewinnen konnte. Die Reichstheilung entzog Anskar die Einkünfte der ihm angewiesenen Zelle Turholt in Flandern, und 845 wurde Hamburg selbst von den Dänen verwüstet. Da vereinigte Ludwig der Deutsche 847 das erledigte Bisthum Bremen mit dem Erzbisthum und sicherte dadurch dessen Bestand. Anskarius konnte nun mit ausreichenden Mitteln seine Wirksamkeit fortsetzen und starb nach einem Leben voll rastloser Thätigkeit am 3. Febr. 865. Einst hatte er in seiner Zelle Turholt in Flandern einen Knaben bemerkt, der ihm besonders hoffnungsreich erschien: es war Rimbert, den er zum Geistlichen erziehen ließ, und der dann bald als sein treuester und liebster Jünger sein unzertrennlicher Gefährte, zuletzt sein Nachfolger wurde. Dieser ist es, der mit einem andern Schüler Anskars zusammen[13] in Hamburg das Leben des Meisters bald nach dem Tode desselben geschrieben hat[14], voll warmer und inniger Liebe, zugleich aber reicher an Inhalt als die Mehrzahl der übrigen Biographieen ähnlicher Art. Anskars Leben gehört ohne Frage zu den bedeutendsten Quellenschriften des Mittelalters; die ganze reiche Wirksamkeit des glaubensstarken Erzbischofs, das volle Bild seiner großartigen, kindlich demüthigen und doch so verständigen Persönlichkeit tritt uns lebensvoll darin entgegen, und über die Zustände des Nordens verbreiten die einfachen und zuverlässigen Aufzeichnungen Rimberts das erste Licht. Daß auch Träume, Visionen, Wunder einen großen Raum darin einnehmen, liegt in der Natur der Verhältnisse; geschrieben wurde das Buch für die Mönche des Klosters Corbie, aus dem Anskar hervorgegangen war, dessen Mönche ihn begleitet hatten, und diesen lag mehr daran, ihren großen Klosterbruder als einen Heiligen geschildert zu sehen, als von den nordischen Heiden genaue Nachrichten zu erhalten. Man darf es bei der Beurtheilung dieser Litteratur nie vergessen, daß, was wir am meisten darin zu finden wünschen, gewöhnlich von den Verfassern wie von den Lesern als Nebensache betrachtet wurde.

Hier aber brachte es die ganze Art der Thätigkeit Anskars mit sich, daß auch die äußeren Verhältnisse, in denen er sich bewegte, geschildert werden mußten, und uns zum Glück hat Rimbert vieles von dem, was er berichtet, selbst mit durchlebt und gesehen. Darum reiht sich dieses Leben dem früheren Severins, dem späteren des Otto von Bamberg an. Unbedeutend dagegen ist des wackeren Rimbert eigene Lebensbeschreibung[15], von unbekanntem Verfasser. Geschrieben ist sie zu Lebzeiten seines Nachfolgers Adalgar, der von 888 bis 909 Erzbischof war.


[1] Erste kritische Ausgabe von Holder-Egger, SS. XV, 63-79. Uebers. v. Grandaur, Geschichtschr. 14, nach V. Willibrordi. — Vgl. Ebert II, 106 bis 108. Hauck II, 313-315. — Die Liudger bei Rettberg I, 333, zugeschriebene V. Bonifacii ist Mißverständniß der Stelle V. Liudg. II, 6 über die in der V. Gregorii enthaltenen Nachrichten von Bonifaz.

[2] S. R. Pauli: Karl d. Große in northumbrischen Annalen, Forsch. XII, 137-166. 441. Vgl. L. Theopold, Krit. Untersuchungen über die Quellen zur angels. Gesch. d. 8. Jahrh. (Lemgo 1872) S. 102. R. Pauli hat in d. Gött. Nachr. 1878, S. 1-15, neben den nordengl. Nachrichten andere aus Winchester nachgewiesen; nach der Eroberung sind auch die Sanct-gallisch-Cölner Annalen über die Normandie nach England gekommen. — Gegen Hahns Hypothesen, Forsch. XX, 553-569, W. Diekamp, ib. XXII, 425-432.

[3] Dieser scheint der Besitzer des später nach Lorsch gekommenen Wiener Livius gewesen zu sein, nach der Inschrift: „Iste codex est Theatberti episcopi de Dorostat“. Nach Gitlbauer wäre er Vorsteher der Kirche zu D. gewesen und nach dem damals noch schwankenden Gebrauch Bischof genannt, weil er bischöfliche Rechte übte. Denselben hält G. für den Nachfolger Alberichs, der Theodard genannt wird. Gitlbauer de cod. Liv. (Vind. 1876) p. 2-21.

[4] Diekamp im Hist. Jahrbuch V, 257. Ueber Liudger vgl. Hauck II, 317 ff.