Auffallend und für die Stellung Lothringens charakteristisch ist es dabei, wie wenig Regino von dem Ostfrankenreiche zu sagen weiß, während er von den Westfranken viel und eingehend erzählt, und namentlich die Bretagne besonders berücksichtigt, ein Umstand, den Dümmler durch die dort gelegenen Besitzungen der Mönche von Prüm erklärt. Ueber das, was er selbst mit erlebt hat, giebt Regino sodann ausführliche und schätzbare Nachrichten. Daß er von den entfernteren Ereignissen nur unsichere Kunde erhalten hat, wird man ihm nicht zum Vorwurfe machen; über Lothringen aber war er genau und zuverlässig unterrichtet, und würde gewiß noch tiefer in die dortigen Verhältnisse blicken lassen, wenn ihn nicht die Besorgniß vor dem Zorne der Machthaber verhindert hätte, die ganze Wahrheit zu sagen. Als diesen Machthaber, welchen er fürchtet, hat Harttung mit Wahrscheinlichkeit Karl den Einfältigen nachgewiesen, der nach einer Angabe des Trithemius seine Absetzung veranlaßte, weil er ein Anhänger von K. Odo's Bruder Robert war. Sein Rival war Richar, der Bruder von Gerhard und Matfrid, später Bischof von Lüttich; durch verleumderische Angaben über schlechte Verwaltung soll er ihn verdrängt haben, nach Inhalt eines Briefes von Regino, der den Magdeburger Centuriatoren noch bekannt und wahrscheinlich in einem Exemplar der Chronik abgeschrieben war. Zur Zeit aber, als Regino seine Chronik schrieb, gehörte Lothringen zu Karls Reich[16]. Seine Zurückhaltung hat Regino jedoch nicht davor schützen können, daß aus seinem Werke z. J. 892 ein bedeutendes Stück, in welchem er von seinen eigenen Schicksalen erzählte, ausgeschnitten und vernichtet wurde.

Seine Schreibart ist einfach und dem Gegenstande angemessen, und wenn es ihm auch keineswegs gelungen ist, die Weltgeschichte in wirklich historischer Weise zu bearbeiten, so zeigt er doch für die ihm näher liegenden Zeiten und Verhältnisse einen freien Blick und gesundes Urtheil; die eigenen Erfahrungen und die freundschaftliche Beziehung zu einem hochstehenden Kirchenfürsten erhoben ihn über die gewöhnlichen Annalisten, und sein Werk steht am Ende der karolingischen Zeit als eine bedeutende Erscheinung da, der sich wohl weitere Fortschritte angeschlossen haben würden, wenn nicht gerade jetzt die äußere Noth für lange Zeit alle wissenschaftlichen Bestrebungen erdrückt hätte.

Als die bei allen ihren Mängeln doch bei weitem beste umfassende Behandlung der Weltgeschichte ist Regino's Chronik bis ins zwölfte Jahrhundert viel benutzt worden und hat große Verbreitung gefunden, wobei denn auch seine großen chronologischen Irrthümer manchen irre geleitet haben.

Man kann wohl nicht bezweifeln, daß Lothringen mit seinen bedeutenden Kirchen und Klöstern noch manches andere Geschichtswerk hervorgebracht hat, welches in den furchtbaren Verheerungen des Landes durch Normannen und Ungarn zu Grunde gegangen ist; die blühendsten Klöster verödeten und kamen in Laienhände, so daß eine Periode tiefer Dunkelheit eintrat, welche später der kecken Erdichtung freien Spielraum darbot. Merkwürdig sind auch in dieser Beziehung die Annalen von Xanten[17], weil sie nirgends erwähnt oder benutzt sind, und völlig spurlos verschollen sein würden, wenn nicht Pertz sie 1827 in einer angebrannten Handschrift der Cottonschen Bibliothek entdeckt hätte. So war auch dieser vereinzelte Rest der höheren Ausbildung jener Periode dem gänzlichen Untergange schon ganz nahe gewesen. Nach Xanten sind diese Annalen benannt, weil die Zerstörung des Stiftes durch die Normannen 863 ausführlich erzählt ist, aber sonst ist gar nicht von Xanten die Rede, und auch hier findet sich die falsche Jahreszahl 864, wie überhaupt eine Verschiebung der Jahreszahlen, welche annehmen läßt, daß nur eine Compilation uns vorliegt. Einem Auszug aus den Reichsannalen schließt sich hier eine selbständige Fortsetzung von 831 bis 873 an, von verschiedenen Verfassern gleichzeitig aufgezeichnet, hin und wieder ziemlich ausführlich. Reichsgeschichte zu geben war die Absicht, aber es fehlte die Verbindung mit dem Hofe; Zusammenkünfte der Könige werden erwähnt, aber die Beschlüsse bleiben dem Schreiber unbekannt; zu gleichmäßiger Berichterstattung fehlen ihm die Hülfsmittel. Viel ist von Himmelserscheinungen, Ueberschwemmungen, Heuschrecken die Rede, vom Elend der Zeiten sind die Verfasser sehr erfüllt. Der Cölner Sprengel wird vorzüglich berücksichtigt, daneben der benachbarte von Münster. Vielleicht hat einer der vertriebenen Xantener Chorherren, die nach Cöln flüchteten, dort Aufzeichnungen vorgefunden und fortgesetzt.

In Cöln hat Karls des Großen Erzkaplan Hildebald[18], der von Theodulf unter dem Namen Aaron gefeiert wird, wissenschaftliche Studien begründet. Er ließ die vom Pabst an Karl geschickten Manuscripte für seine Kirche abschreiben; viele davon sind noch vorhanden und jetzt dem Cölner Domcapitel zurückgegeben[19]. Es sind auch kurze Annalen daraus gewonnen[20]. Die Erzbischöfe Hilduin (842-849) und Gunthar (863 entsetzt) werden von Sedulius gepriesen, Gunthar machte selbst Verse und bei ihm erhielt sein Neffe Radbod, später Bischof von Utrecht, den ersten Unterricht[21]. Willibert (870-889) ließ für sich den Codex Carolinus abschreiben[22], und sorgte auch für die Aufbewahrung der Correspondenz, welche durch Gunthars Entsetzung und die folgenden Ereignisse veranlaßt war[23]. Aber von litterarischen Erzeugnissen, wozu jene kleinen Annalen kaum zu rechnen sind, ist nichts auf uns gekommen, wenn nicht vielleicht die Xantener Annalen hierher gehören.

Etwas mehr hat sich aus Lüttich erhalten, dessen später so berühmte Schule in ihren ersten schwachen Anfängen schon jetzt hervortritt. Noch war es ein unbedeutender Ort, als ihm der Leib des um 672 erschlagenen Bischofs Theodard von Mastricht, welchen sein Nachfolger Landebert oder Lambert dort bestatten ließ, ein höheres Ansehen gab. An seinem Grabe wurde Lambert selbst 708 (?) erschlagen: er hatte Pippin und seiner Concubine Alpais Vorwürfe gemacht, Pippin war erschüttert und dachte daran, seine rechtmäßige Gemahlin Plectrudis wieder zu sich zu nehmen, da vollbrachte Dodo, der Bruder der Alpais, die Blutthat. Nachdem eine Kirche dort erbaut und die Gebeine des Märtyrers feierlich erhoben waren, mußte eine Legende geschrieben werden, aber noch fehlte es an geeigneten Kräften. Der Autor, welcher die Ausführung nach dem Maße seiner schwachen Kräfte in barbarischem Latein unternahm, griff zur Vita Eligii und brachte mit starker wörtlicher Ausnutzung derselben sein Werk zu Stande[24]. Der erbauliche Zweck ist durchaus vorherrschend. Aber noch regierte Karl Martell, der Sohn der Alpais, und aus Furchtsamkeit verschwieg er den wahren Anlaß des Todes. Auch Godesscalc, ein Lütticher Domherr, welcher auf Befehl des Bischofs Agilfrid sein Werk um 770 überarbeitete, folgt einfach seiner Vorlage und beschränkt sich auf stilistische Verbesserung. Aber im Volke erhielt sich die Erinnerung der That, und Ado in seinem Martyrologium hat sie kurz berichtet, vielleicht kannte er schon eine Aufzeichnung, deren später Anselm von Lüttich gedenkt, und deren Inhalt durch ihn überliefert, nun auch in die späteren Bearbeitungen überging; auch schon der Verfasser einer poetischen Version im Anfang des 10. Jahrh. deutet darauf hin. Lange Zeit ist der Hergang in entgegengesetzter Weise aufgefaßt; man glaubte hier ein recht deutliches Beispiel davon zu haben, wie die Legenden mit der Zeit wachsen und tendenziös entstellt werden, bis God. Kurth in, wie mir scheint, durchaus schlagender Weise, gestützt auf den aus einer neugefundenen Handschrift ergänzten Text des Anselm[25], den richtigen Sachverhalt nachgewiesen hat[26]. Dieselbe Reticenz finden wir auch in der Vita Theodardi, obgleich sie erst um die Mitte des 8. Jahrhunderts geschrieben wurde[27].

Lambert aber wurde nun der Schutzheilige von Lüttich, wohin von Mastricht der Sitz des Bisthums verlegt wurde. Auch das Leben seines Nachfolgers, des 727 verstorbenen Bischofs Hugbert oder Hubert, ist von einem Zeitgenossen beschrieben und noch in seiner ursprünglichen, sehr barbarischen Form vorhanden[28], nebst dem Bericht über seine erste Translation 743. Wie darin die Vita Arnulfi und Vita Lamberti ausgeplündert sind, haben Demarteau und Krusch gezeigt.

Bischof Waltcaud (810-831) übertrug 825 den h. Hubert nach dem neugestifteten Kloster Andagium, später Saint-Hubert in den Ardennen, und nun bedurfte man einer Biographie, welche den gesteigerten Anforderungen der karolingischen Zeit genügte. Dazu gelang es ihm, den Bischof Jonas von Orléans zu bewegen, der zugleich auch diese neue Translation beschrieb[29]. In der Widmung sagt Jonas zu ihm: cum assit vobis palatina scolasticorum facundia. Doch ist das vielleicht nur Phrase, oder bezieht sich, wie Dümmler, Ostfr. III, 650 annimmt, auf die Hofschule. Lüttich war eine Station für die nach Rom pilgernden Irländer, und es haben sich noch Bittschreiben solcher Wanderer erhalten[30]. Wenn aber in dem einen der Bittsteller, auf die Empfehlung des Kaisers, vermuthlich Karls des Kahlen, sich berufend, mit bitterer Klage über die allzu schmale Kost, den Brüdern der Kirche gleichgestellt zu werden wünscht, so ist auf einen dauernden Aufenthalt und Verwendung der gelehrten Fremdlinge für den Unterricht zu schließen.

Schon Bischof Hartgar (840-854), der Erbauer eines neuen, mit Gemälden schön geschmückten Bischofshofes, nahm in Lüttich den Iren Sedulius und mehrere seiner Landsleute auf; wir werden sie oder ihre Genossen in Mailand wiederfinden, und vielleicht machten sie unterwegs Station in Salzburg. Sedulius, der Verfasser verschiedener theologischer Werke und eines Fürstenspiegels[31], war nicht ohne mancherlei Gelehrsamkeit und metrische Gewandtheit, des Griechischen kundig, aber doch incorrect, oft schwülstig und dunkel, ein Freund willkürlich neugebildeter Worte. Seine adulatorische Hofpoesie, der es zuweilen nicht an ergötzlichem Humor fehlt, feiert Hartgar und seinen Nachfolger Franco (854-901), Gunther von Cöln, bei dem er sich auch einige Zeit aufgehalten hat, Adventius von Metz, den gelehrten Markgrafen Eberhard von Friaul und andere Zeitgenossen; auch Kaiser Lothar und dessen Familie. Ohne Zweifel gebührt ihm und seinen Genossen ein Antheil an der späteren Blüthe der Lütticher Schule, aber auch an der gesuchten und verkünstelten Schreibart, welche dort lange herrschend blieb[32].

Bischof Franco erhob in Eika (Alteneyk bei Maaseyk) die ersten Aebtissinnen Harlindis und Reinila, welche angeblich von Willibrord und Bonifatius geweiht waren, deren Leben bald darauf, noch vor der Verwüstung durch die Normannen, beschrieben ist, und für den Mangel an geschichtlichem Inhalt durch culturhistorische Züge entschädigt[33].