Die volle geistliche Bildung der inneren Schule erhielten zwei Schüler des Iso, welche Marcellus von ihm übernahm, und nicht minder als in der Wissenschaft, auch in der Musik und anderen Künsten unterwies, deren er als Irländer Meister war. Diese waren der berühmte Erfinder der Sequenzen, Notker der Stammler[12], später Marcellus' Gehülfe, Verfasser des oben erwähnten Martyrologiums und anderer Werke, die wir gleich zu erwähnen haben werden, und der kunstreiche Tutilo[13]. Als dritten nennt Ekkehard auch Ratpert, einen Züricher, der aber vielmehr sein Zeitgenosse war, und bis an das Ende des neunten Jahrhunderts der Klosterschule vorstand. Dieser hat, wie schon erwähnt, den ersten Theil der Klosterchronik verfaßt. Die Einweihung der von der Aebtissin Bertha, Ludwig des Deutschen Tochter, neu erbauten Fraumünsterkirche in Zürich verlockte ihn zu einer Wallfahrt, die er in Versen ausführlich beschrieb[14]; übrigens aber war er so eifrig in seinem Amte, daß er jede Entfernung vom Kloster dem Tode gleich achtete, und nicht mehr als zwei Schuhe im Jahre verbrauchte; selbst die Messen und Gebete versäumte er darüber, denn sagte er, wir hören die besten Messen, wenn wir andere lehren sie zu feiern. Unnachsichtig handhabte er den Stock, der überhaupt in diesen Jahrhunderten eine große Rolle in der Erziehung spielte, und doch wußte er sich durch seine Berufstreue und wahres Wohlwollen auch die Liebe seiner Schüler zu gewinnen. Als er auf seinem Todbette lag, hatte gerade das Fest des heiligen Gallus (Oct. 16) die Geistlichkeit Alamanniens im Kloster versammelt, und 40 seiner Schüler umgaben das Sterbelager ihres Lehrers[15].
Als Karl III 883 das Kloster besuchte[16], fand er in St. Gallen einen alten Mönch, dessen Gedächtniß noch in die Zeit des großen Karl reichte und der die Geschichten zu erzählen wußte, welche er einst von des tapferen Gerolds Waffengefährten, von Adalbert und dessen Sohne, dem Priester Werinbert, gehört hatte. Karl III, von dem sonst wenig löbliches zu berichten ist, hatte an diesen Geschichten solche Freude, daß er den guten Alten veranlaßte, sie aufzuschreiben; emsig ging er an die Arbeit, scheint sie aber nicht vollendet zu haben. In diesem Mönche hat man schon früh Notker den Stammler erkannt, aber Pertz widersprach dieser Annahme, weil der Stil gar zu roh und grammatisch fehlerhaft ist, und weil Notker damals noch nicht alt genug war, um durch Zahnlosigkeit zum Stammler geworden zu sein. Es scheint jedoch, daß er durch einen Naturfehler gestammelt hat, und die Vergleichung der Ausdrucksweise hat den vollkommen überzeugenden Nachweis gestattet, daß wirklich Notker der Verfasser dieses anmuthigen Buches gewesen ist, an welchem man schon früh und vielfach Gefallen gefunden und es trotz seiner mangelhaften Form mit Einhards Meisterwerk verbunden hat.
Ferner aber ist es wegen der auffallendsten Uebereinstimmungen in Ausdruck und Auffassung als vollkommen sichergestellt anzusehen, daß Notker auch der Fortsetzer der oben [S. 219] erwähnten Chronik Erchanberts gewesen ist[17]. Er fügte nämlich eine kurze Uebersicht über die Theilungen und die Regentenfolge im karolingischen Reich hinzu, bald nach der Kaiserkrönung Karls III (881), von dem er mit lebhafter Verehrung spricht, wie denn auch damals noch kein Grund war, an seinen guten Erfolgen zu zweifeln.
Des Kaisers Besuch erschien als ein Höhepunkt der Blüthe des Klosters, und nicht ohne Wahrscheinlichkeit vermuthet Meyer von Knonau, daß eben hierdurch Ratpert zur Abfassung der Gesta veranlaßt sei, welche mit diesem Besuche abschließen. Auch mit des Kaisers Günstling, Bischof Liutward von Vercelli, einem geborenen Schwaben, standen die Mönche in gutem Vernehmen und Notker widmete ihm seine Sequenzen[18].
Am Schlusse dieser Periode steht Notkers berühmtester Schüler[19] Salomo III, von 890-920 Bischof von Constanz und zugleich Abt von St. Gallen, ein Mann von den glänzendsten Geistesgaben, der kluge und gelehrte Freund Hatto's von Mainz, der das schöne und blühende Kloster wie seinen Augapfel liebte und hegte. Mehrere uns erhaltene Briefe und Gedichte zeugen von Notkers Liebe zu ihm und zugleich von der Sorge des treuen Lehrers um das Seelenheil seines Schülers in den Gefahren der Welt, denen er am Königshofe ausgesetzt war. Eine Mustersammlung von Urkundenformeln und Briefen[20], in welcher uns einige auch für die Geschichte der Zeit wichtige Briefe aufbewahrt sind, während die Urkunden über mannigfache Verhältnisse reichen Aufschluß gewähren, schrieb Dümmler Salomo um das Jahr 896 zu, während nach Zeumers Ansicht Waldo mit seinem Bruder Salomo sie 877 und 878 während ihres Aufenthalts bei Salomo II von Constanz und Liutbert von Mainz zusammengebracht haben, Notker nachträglich noch einige Briefe hinzugefügt hat. Schon war man in Reichenau[21] und an andern Orten mit ähnlichen Sammlungen vorangegangen, aber die Sanctgaller Sammlung läßt sie durch ihren Inhalt wie durch ihre Form weit hinter sich. Aus der späteren Zeit besitzen wir von Salomon zwei schöne poetische Episteln an den Bischof Dado von Verdun, deren ansprechender, von wahrem Gefühl getragener Inhalt die ziemlich incorrecte Form übersehen läßt; die Ueberschrift „Versus Waldrammi ad Dadonem episcopum a Salomone episcopo missi“ läßt jedoch vermuthen, daß sie nur im Auftrag und nach Anweisung Salomons in dessen Namen von Waldram verfaßt sind. In der einen[22] beklagt der Bischof in elegischer Form voll tiefer Trauer den Tod seines letzten Bruders, des Bischofs Waldo von Freising (906), an den nach Zeumer mehrere der Briefe in der Formelsammlung gerichtet sind; in der anderen[23], schon früher geschriebenen, schildert er mit den lebhaftesten Farben das Unglück des Vaterlandes, dessen König ein Kind ist, dessen Gaue erfüllt sind von allgemeiner Zwietracht, von innerem Kampfe in allen Ständen des Volkes, während die Ungern ungehindert das Land verheerend durchziehen. Auch St. Gallen wurde von ihnen 926 verheert.
Ekkehards lebendige Schilderung hat die Sanctgaller Schule unsterblich gemacht; ohne ihn würden wir nicht so gar viel davon wissen, und ohne Zweifel herrschte in manchem andern Kloster ein ganz ähnliches Treiben, von dem nur niemand uns Nachrichten aufbewahrt hat. So vor allem in Reichenau, welches schon in hoher Blüthe stand, als St. Gallen noch schwach und unbedeutend war[24]. Abt Waldo (784-806), ein vornehmer Herr, mit Grimald nahe verwandt und vorher Abt von St. Gallen (oben S. 269), hatte schon den Mönch Wadilcoz nach dem Martinskloster zu Tours geschickt, der von dort Bücher für die Bibliothek übersandte, welche Waldo mit großem Eifer zu bereichern bestrebt war[25]; unter ihm begann der fleißige Reginbert seine musterhafte Thätigkeit für dieselbe, welche er bis an seinen Tod 846 rastlos fortsetzte, theils durch eigene Arbeit, theils durch Geschenke die Sammlung zu sehr ansehnlichem Umfang vermehrend[26]. Ihm übersandten seine Schüler Grimald und Tatto die Klosterregel nebst den Beschlüssen des Reichstages von 817, der wohl ihre Aussendung veranlaßt hatte[27]. Auf seinen Antrieb schrieb Walahfrid das bedeutende Werk de rebus ecclesiasticis, wie dieser es in den Worten ausspricht: Dura Reginberti jussio adegit eum. Als Lehrer war neben ihm Heito thätig, ein Bruder jenes Wadilcoz, Waldo's Nachfolger als Abt und Bischof von Basel, welches Bisthum Waldo ebenfalls verwaltet hatte. Karl der Große sandte ihn 811 nach Constantinopel, und über diese Sendung verfaßte er eine Reisebeschreibung[28], die leider verloren ist; 823 entsagte er seinem Bisthum und zog sich in sein altes Kloster zurück, wo er 836 gestorben ist. Die Abtei übergab er Erlebold (823-838), der bei einem leider ungenannten Schotten große Gelehrsamkeit erworben, und Heito auf seiner Reise begleitet hatte. Der Schule standen jetzt Tatto († 847) vor, den Walahfrid seinen Lehrer nennt, in dessen Namen er Verse an Ebo von Reims und an Thegan richtete[29], und Wetti, ein naher Verwandter Grimalds und Waldo's. Wie mangelhaft jedoch noch seine grammatische und metrische Bildung gewesen ist, haben wir jetzt erst mit Verwunderung erfahren, da durch das von Bücheler entdeckte Akrostichon (oben S. 120) festgestellt ist, daß er der Verfasser der Vita S. Galli und ihrer Widmung in ganz barbarischen Hexametern ist, welche man für viel älter gehalten hatte. Wetti hatte kurz vor seinem Tode am 3. November 824 eine Vision, indem er, wie so viele andere vor und nach ihm, Himmel und Hölle zu durchwandern glaubte, und was er in diesen Regionen gesehen zu haben vermeinte, den gläubigen Brüdern berichtete. Heito hatte diese Vision in Prosa[30], Walahfrid in Versen bearbeitet[31], und der Eindruck derselben auf die Zeitgenossen war außerordentlich groß; hatte er doch sogar den großen Kaiser Karl im Fegefeuer Schlimmes leiden gesehen, auch Waldo. Beide werden, nebst einigen anderen, von Walahfrid nur durch Anacrosticha bezeichnet. Unter den Märtyrern dagegen erscheint darin Gerold, der Königin Hildegard Bruder, welcher im Kampfe gegen die Avaren gefallen war, ein geborner Alamanne, und des Klosters Hort und Beschirmer. Eine vielleicht von Walahfrid verfaßte Grabschrift auf ihn[32] findet sich in einer Handschrift neben dem Epitaph des Bernald, an den die Reichenauer ebenfalls mit Stolz zurückdachten. Dieser Bernald war nämlich ein geborner Sachse, aber in Reichenau erzogen; er kam dann in die kaiserliche Capelle, und erhielt um das Jahr 821 das Bisthum Straßburg. Zu den treuen Anhängern des alten Kaisers gehörend, wurde er 825 als Gewaltbote nach Rätien, 832 nach Rom gesandt, und starb am 17. April 840. Man rühmte ihn als einen klugen und gelehrten Mann, der auch die deutsche Sprache zur Unterweisung des Volkes verwandte[33].
Den größten Glanz aber verbreitete über Reichenau der Abt Walahfrid, mit dem Beinamen Strabo oder Strabus, einer der besten Lateiner seiner Zeit, ein viel bewunderter Gelehrter und gewandter Dichter[34]. Ueber sein Leben haben wir leider nur wenig sichere Nachrichten, und so befreundet er auch mit den Sanctgaller Gelehrten war, wird er doch in der Klosterchronik gar nicht genannt; doch ist nach und nach durch neugefundene Verse mehr Licht über ihn gewonnen. Er war ein Schwabe von armer und geringer Herkunft, um 807 geboren; früh ins Kloster gekommen, dichtete er schon mit 15 Jahren eine Epistel an Ebo von Reims im Namen seines Lehrers Tatto[35], aber dieser war hart und strenge, und auch der Abt Erlebold war ihm nicht gewogen. In Wetti verlor Walahfrid seinen väterlichen Freund und Wohlthäter; nach dessen Tod (824) litt er sogar an Nahrung und Kleidung Mangel, und hatte häufig Schläge zu erdulden. Er klagte seine Noth an Grimald, dessen Wohlwollen er schon früher gewonnen hatte, und dieser forderte ihn auf, die Vision Wettins, welche wahrscheinlich er selbst auf Wachstafeln aufgezeichnet hatte, dichterisch zu bearbeiten. Dieselbe Aufforderung kam auch von dem Priester Adalgis, wie wir wissen, seitdem K. Plath das Akrostichon der seiner Antwort[36] zugefügten Verse: Adalgiso danda erkannt und die ganze Sachlage scharfsinnig entwickelt hat[37]. Walahfrid bat ihn um bessere Kleidung und um Pergament, da er das Werk heimlich ausführen müsse; er bat ihn, selbst zu kommen, und Adalgis kam. Unter hartem Drängen vollendete er sein Werk[38], in welchem er reichliche Lobsprüche auf Haito, Erlebold und Tatto anbrachte, und übersandte es Grimald. Nach solcher Leistung und mit solchen Fürsprechern wird er nun auch im Kloster, und bei dem Abt, obgleich dieser kein Freund von Visionen war, mehr Anerkennung gefunden haben. Grimald hat er auch das anmuthige Gedicht de cultura hortorum gewidmet, und in dem Gedicht de imagine Tetrici (v. 228) feiert er ihn unter dem Namen Homer. Später hat er in Fulda Hrabans Unterricht genossen. Im Sommer 829 finden wir ihn am Hofe zu Aachen; von Kaiser Ludwig, sagt er einmal, sei er „paupere de fovea protractus“[39], mag sich das nun auf diese Zeit seines Hoflebens oder auf die Verleihung der Abtei Reichenau 839 beziehen. In Aachen beschrieb er damals in einem merkwürdigen Gedichte die aus Ravenna hingeführte Reiterstatue Theodorichs[40], der hier als Tyrann aufgefaßt wird im Gegensatz zu Ludwig, feiert Hilduin, Grimald, Einhard, widmet aber vor allem dem Kaiser, der Kaiserin Judith und dem kleinen Karl überschwengliches Lob; er wird als Caplan der Kaiserin und als Lehrer des kleinen Karl bezeichnet. Den Rodbern, welcher 834 dem Kaiser zuerst Nachricht von der in Tortona gefangenen Judith unter großen Gefahren brachte, feierte er in einem längeren Gedicht[41]. Mit Thegan, dem Diacon Florus und anderen der classisch und kirchlich gebildeten Männer jener Zeit war er befreundet, Prudentius rühmt er als seinen Lehrer, bittet ihn aus der Ferne um Bücher und eigene Gedichte; zugleich übersendet er ihm Gedichte „Modoini magni“, den er auch in andern an ihn selbst gerichteten Versen feiert[42]. Kaum hatte er die Abtei Reichenau erhalten — bei seiner geringen Herkunft eine ganz ungewöhnliche Auszeichnung —, so wurde er auch in die politischen Wirren hineingezogen; als eifriger Anhänger Lothars und der Reichseinheit, deren Herstellung er noch von ihm hoffte, flüchtete er nach Ludwigs Tod und der Ueberwältigung Alamanniens durch Ludwig den Deutschen nach Speier, wo er ein Gedicht voll Lobpreisung an Lothar richtete, in welchem er seinen Klagen und seinen Hoffnungen Ausdruck gab[43]. Lothar hatte in früheren Zeiten einmal persönlich den vermeintlichen Leib des h. Januarius nach Reichenau gebracht, was merkwürdiger Weise im Kloster ganz vergessen wurde und nur durch eine sehr schöne Sapphische Ode Walahfrids bekannt ist[44].
Sehr bald hat sich Walahfrid doch auch mit Ludwig dem Deutschen ausgesöhnt, und vielleicht durch Grimalds Einfluß erhielt er 842 die Abtei Reichenau von neuem; im Jahre 849 wurde ihm eine Botschaft des Königs an dessen Bruder Karl anvertraut. Auf dieser Reise starb er, kaum vierzigjährig, am 18. August durch einen Unfall beim Ueberschreiten der Loire[45].
Die von Walahfrid überarbeiteten Lebensbeschreibungen des Gallus und Othmar, sein Vorwort zu Einhards und zu Thegans Werken erwähnten wir schon; selbständige geschichtliche Werke hat er so wenig wie Hraban verfaßt, aber sein Buch über Ursprung und Entwickelung der kirchlichen Einrichtungen enthält viel beachtenswerthes über die Verfassung der Kirche in jenen Zeiten, ähnlich dem Werke Hrabans, aber noch lehrreicher, weil er durchgängig die kirchlichen Einrichtungen mit den weltlichen vergleicht[46].
Eines der merkwürdigsten Zeugnisse für den ernstlichen Eifer, mit welchem man in diesen Klöstern damals das Studium des classischen Alterthums betrieb, bietet uns die durch Mabillon bekannt gewordene Handschrift von Einsiedeln, deren Urschrift aus Reichenau zu stammen scheint. Wohl ein Schüler Walahfrids, im vollen Besitz der damaligen Schulbildung und auch des Griechischen kundig, hat mit einer Beschreibung des damaligen Rom und des Ceremoniels der kirchlichen Feste auch antike Inschriften aus Pavia und Rom mit größter Genauigkeit und Sorgfalt nach älteren Vorlagen hier zusammengestellt[47].