Durch besondere Lernbegierde zeichnete sich auch Ermenrich aus, ein Ellwanger Mönch, dessen Leben uns recht anschaulich die Beweglichkeit der jungen mönchischen Studenten in jener Zeit vor Augen führt[48]. Wie Walahfrid, ging auch er nach Fulda, wo er Hrabans und Rudolfs Schüler wurde. Besondere Freundschaft verband ihn mit Hrabans Neffen, dem Diacon und königlichen Caplan Gundram, welcher der fuldischen Zelle Solenhofen an der Altmühl im Eichstädter Sprengel vorstand, und diesem, der den Stifter seiner Kirche, Sualo, feierlich erhoben hatte, zu Liebe, schrieb er das Leben desselben und übersandte es Hraban zur Durchsicht[49]; Rudolf, den er als seinen Lehrer preist, sollte die Fehler verbessern. Sualo, den Ermenrich willkürlich Solus nannte, gest. 3. Dec. 794, gehörte zu den Begleitern des h. Bonifaz; Ermenrich standen aber nur mündliche Erzählungen über ihn zu Gebote, und der geschichtliche Werth seiner Nachrichten ist daher unbedeutend. Wo er, damals noch Diaconus, dieses Werk geschrieben hat, wissen wir nicht; es ist sehr wahrscheinlich, daß er auch zu den Hofcaplänen gehört hat, und von dieser Zeit her den Erzkanzler Gozbald (829-833) als seinen Lehrer bezeichnet, sowie er auch Grimald als seinen Herrn und Meister verehrt[50].
An Gozbald, jetzt (841-855) Bischof von Würzburg, sandte er, schon als Priester, eine kleine Schrift, in Form eines Dialoges der Consolatio des Boethius nachgebildet, dem Inhalt nach völlig sagenhaft, über die Gründung seines Klosters Ellwangen, das Leben des Stifters Hariolf, König Pippins Zeitgenossen, Bruders und später Nachfolgers des Bischofs Erlolf von Langres, und die Wunder, welche man ihm zuschrieb[51]. Er gehörte nämlich zu Gozbalds Familie.
Im Jahre 849 finden wir Ermenrich wieder im Kloster Reichenau als Schüler Walahfrids; als dieser seine unglückliche Reise nach Frankreich antrat, schickte ihn Grimald nach St. Gallen, um dort seine Studien fortzusetzen. Hier verfaßte er zum Dank für die gute Aufnahme, die er in beiden Klöstern gefunden und zum Preise Grimalds ein Sendschreiben an denselben, geschrieben zwischen 850 und 855, in welchem er seine ganze Gelehrsamkeit, die nicht unbedeutend, aber schlecht verarbeitet war, zur Schau trägt, von Philosophie, Grammatik und vielen anderen Dingen handelt, in der schwülstigen, gezierten Weise vieler Gelehrten der damaligen Zeit; eine Schreibart, die auch das Leben des h. Solus entstellt und am wenigsten in dem Leben Hariolfs hervortritt[52]. Er prahlt mit Griechisch, das er aber offenbar nicht versteht, und eignet sich aus Alcuin, Priscian und Ausonius falsche Gelehrsamkeit an, kennt aber Pindarus Thebanus und Lucretius nebst vielen anderen Schriften. Verse von Theodulf und Naso verwendete er ohne Scheu. Es enthält aber dieser Brief auch einige wichtige geschichtliche Daten und eine Lobpreisung Grimalds und der gelehrten und kunstreichen Sanctgaller Mönche, welche zur Ergänzung der dortigen Klosterchronik dient. Am Schluß geht er in Verse über, und feiert den h. Gallus, wozu auch ihn Gozbert, der Kahlkopf, gedrängt hatte. Doch ist dieser Theil mehr entworfen und begonnen als wirklich ausgeführt[53].
In der Aufschrift dieses Briefes hat eine etwas spätere Hand zu dem Namen Ermenrich das Wort Bischof gesetzt, und man hat deshalb nicht ohne Wahrscheinlichkeit geschlossen, daß der Verfasser identisch ist mit dem gleichnamigen Bischof von Passau, den Ludwig der Deutsche 867 zu den Bulgaren sandte, und dessen Tod am 26. Dec. 874 sich in alamannischen Jahrbüchern und im Todtenbuche von Reichenau verzeichnet findet[54].
Ermenrichs Name ist auch gemißbraucht in einer häßlichen Betrügerei, dem angeblichen Leben des h. Magnus, eines der Genossen von Columban und Gallus, von Theodorus, das bei der Uebertragung der Gebeine in der Mitte des neunten Jahrhunderts in St. Magnus Grab soll gefunden sein. Der Bischof Lanto von Augsburg soll dann den Ellwanger Mönch Ermenrich veranlaßt haben, das kaum noch lesbare Denkmal zu erneuern. So wird dort erzählt; die Art, wie Ermenrichs Name erwähnt wird, macht es aber nicht wahrscheinlich, daß wirklich er selbst zu dieser Fälschung seine Hand geboten habe. Dümmler vermuthet, Forsch. XIII, 475, daß doch etwas daran sei und Ermenrich an der formalen Bearbeitung Theil habe, doch bemerkt er selbst, daß die Legende nichts von dem ihm eigenthümlichen Gepräge zeige. Ich halte die angebliche ältere Legende überhaupt für leeres Vorgeben des Fälschers, welcher ein von den gröbsten chronologischen Fehlern erfülltes Plagiat aus den Vitae Columbani und Galli für das Werk eines Zeitgenossen ausgab[55].
Auch Reichenau bezog wie Fulda seine Reliquien aus Italien, doch scheint man damit wenig Glück gehabt zu haben. Die älteste dieser Geschichten (Miracula S. Genesii) ist von Dr. A. Holder in Carlsruhe in einem von Reginbert herrührenden Codex entdeckt, und von mir in der Zeitschrift für Geschichte des Oberrheins XXIV, 1-21 herausgegeben[56]. Sie berichtet von der Uebertragung der heiligen Genesius und Eugenius aus Jerusalem durch den Grafen Gebahard von Treviso, der 798 seine Boten aussandte, aber vor deren Rückkunft starb. Der heimkehrende Diacon fand in Porto seinen Bruder, der den Grafen Scrot von Florenz[57] nach Rom begleitet hatte; mit Einwilligung des Pabstes Leo erhält Graf Scrot den rechten Schenkel des Genesius, während der Rest nach dem bei Treviso dafür schon bereiteten Kloster gebracht wird. Graf Scrot aber bringt seinen Theil in seine Heimath am Bodensee, und stiftet hier das Kloster Schienen, welches durch Ludwig das Kind an Reichenau gekommen ist. Da Wunder nicht ausblieben, veranlaßte Abt Erlebold (822-838) einen ungenannten Mönch zur Aufzeichnung dieser denkwürdigen Begebenheiten. Während nun aber von diesen Reliquien weiterhin nicht mehr die Rede ist, behauptete man später in Reichenau, daß die ganzen Leiber der hh. Senesius und Theopompus, welche in unklarer Weise an die Stelle von Genesius und Eugenius getreten sind, 830 durch Bischof Ratolf von Verona nach Radolfzell übertragen seien, da doch ganz unbekümmert darum dieselben 911 von Treviso aus dem inzwischen durch die Ungern zerstörten Kloster nach Nonantula übertragen wurden. Ebenso wenig wollte man ihnen glauben, daß der heilige Valentin, von dem ihre alten Annalen noch allein reden, der heilige Marcus selber sei, welcher, wie sie behaupteten, in demselben Jahr 830 aus Venedig zu ihnen gebracht sein sollte; und ihre eigene Erzählung läßt den Betrug deutlich genug erkennen[58]. Den h. Januarius sollte, wie wir oben S. 281 sahen, Kaiser Lothar selbst gebracht haben; davon verlautet weiter nichts, dagegen aber ein Bericht, nach welchem ihn und seine Genossen im Jahre 871 ein wackerer Reitersmann aus Schwaben auf einer Heerfahrt unter Kaiser Ludwig II aus einer verödeten Kirche geraubt und nach der Reichenau gebracht haben sollte. Man traute ihm aber dort vermuthlich selbst nicht, da in jüngeren Handschriften anstatt ihrer die h. Fortunata mit ihren Brüdern in derselben Erzählung erscheint. Aber auch diese waren bereits 780 nach Neapel in das Nonnenkloster des h. Gaudiosus übertragen, wo sie fortfuhren die schönsten Wunder zu thun[59]. Unbestritten blieb den Reichenauern nur ein Krug von der Hochzeit zu Cana, den ein griechischer Mönch ihnen aufgeschwatzt hatte[60].
Sehr deutlich tritt uns in diesen Geschichten die lebhafte Verbindung mit Italien entgegen, welche in hohem Grade anregend wirken mußte[61]; Reichenau lag gerade an einer der besuchtesten Pilgerstraßen nach Rom, und auch Schottenmönche werden nicht gefehlt haben, wenn sie auch in Reichenau selbst kein Andenken hinterlassen haben. Dagegen wurde in Rheinau gegen das Ende dieses Jahrhunderts das Leben eines Schottenmönches, des h. Findan, aufgezeichnet († 878), welches für das Treiben dieser fremden Pilger charakteristisch und durch einige Stellen in irischer Sprache merkwürdig, übrigens aber sehr fabelhaft und geschichtlich wenig bedeutend ist[62]. Größerer Ruhm ist dem h. Meginrat zu Theil geworden, dessen Leben, wie aus dem Alter der Handschriften hervorgeht, schon im zehnten Jahrhundert ein Reichenauer Mönch beschrieben hat[63]. Er wurde nach dessen Bericht in Reichenau von Erlebold unterrichtet, und als dieser als Abt auf Heito folgte, als Mönch eingekleidet. Der Abt schickte ihn nach einer Reichenauer Zelle am Züricher See, nach der Tradition Bollingen, um da Schule zu halten. Er aber ging statt dessen als Eremit ins Gebirge, wo Räuber ihn 861 erschlugen. Das noch jetzt blühende Kloster Meinradszell oder Einsiedeln bewahrt sein Andenken.
Fast überall finden wir theils die ascetische, theils die formale Richtung vorherrschend in der Litteratur dieser Zeit, den historischen Sinn aber noch wenig entwickelt.
Doch fehlte es auch in St. Gallen und Reichenau nicht ganz an Annalen. Die in ihrem älteren Theil aus Murbach stammenden Annales Alamannici (oben [S. 147]) enthalten 802-858 dürftige Reichenauer Notizen; 860-926 werden sie mit zunehmender Reichhaltigkeit in St. Gallen fortgesetzt. Die aus denselben Annalen entnommenen Annales Sangallenses breves 708-815[64] gewährten den Anfang (bis 791) der Annales Augienses, welche bis 939 in Reichenau fortgesetzt wurden. Sie waren auf den Rand der Ostertafeln geschrieben, welche Reginbert in seine oben S. 276 erwähnte historisch-mathematische Sammlung aufgenommen hatte, die er von 820 bis gegen sein Todesjahr 846 zusammengebracht hat. Diese jetzt verlorene Handschrift benutzte Hermannus Contractus. Für Friedrich von Mainz abgeschrieben, wurde sie zu 937 mit einer Notiz über Friedrichs Weihe, 953, 954 mit Aufzeichnungen des Erzbischofs Wilhelm vermehrt; benutzt wurde diese Handschrift vom Fortsetzer des Regino, von Marianus Scottus, und nebst den eingehefteten Annales S. Albani vom Verfasser der Disibodenberger Annalen[65]. Wir finden ferner die Annales Augienses bis 939 benutzt in den Annales Colonienses, jedoch so, daß einzelne Eintragungen vielmehr auf die Ann. Alamannici, Sangallenses und Hermann deuten, wodurch die Vermuthung entsteht, daß eine reichhaltigere Aufzeichnung allen zu Grunde liegt[66].
Auch in der Bischofstadt Augsburg war ein gelehrter und ausgezeichneter Bischof, Adalbero (887-910), der Erzieher Ludwigs des Kindes, ein vertrauter Freund der Sanctgaller Lehrer, und ohne Zweifel derselbe, welchem Regino, der seiner mit großem Lobe gedenkt, seine Chronik widmete; wir haben eine Biographie von ihm, sie ist aber erst im zwölften Jahrhundert von Udalschalk geschrieben und gewährt uns keine Belehrung[67].