Die alten Reichs-Annalen bilden für beide Reiche gleichmäßig den Ausgangspunkt; während man aber am ostfränkischen Hofe diese Aufgabe erst nach einiger Zeit wieder aufnahm, trat im westlichen Franken keine Unterbrechung ein, und wir finden schon in den Jahren 830-835 eine gleichzeitige Fortsetzung. Das Kloster St. Bertin hat nur deshalb den Namen dazu hergegeben, weil diese Annalen zuerst aus einer Handschrift desselben bekannt wurden; sie tragen einen durchaus universellen Charakter und haften an keinem bestimmten Orte.

Die Hofschule bestand unter Ludwig dem Frommen, wie unter seinem Vater. Der Irländer Clemens setzte seine Wirksamkeit fort, und von Alderich und einem sonst unbekannten Thomas, den Walahfrid preist, ist es, wenn auch nicht sicher, doch wahrscheinlich, daß sie eine ähnliche Stellung hatten[2]. Walahfrids Berufung an den Hof bezeugt ebenfalls die Beachtung litterarischer Talente. Die Verdienste der Kaiserin Judith in dieser Beziehung waren schon wiederholt zu erwähnen. An Karls des Kahlen Hof glänzte Johannes Scotus[3]. Ihm widmete auch ein unbekannter Autor ein geographisches Werk, welches ganz aus Stellen alter Schriftsteller zusammengesetzt, und ein Zeugniß für die eifrig betriebenen Studien in jener Zeit ist[4]. Seine Sorge für wissenschaftliche Bildung wird gerühmt, und zu seiner Zeit wird Manno als Vorsteher der Hofschule genannt, welcher als Probst von Saint-Oyan (später Saint-Claude) im Jura am 16. Aug. 880 gestorben ist, nachdem er diesem Stifte mehrere noch jetzt erhaltene Handschriften dargebracht hatte[5].

In dieser Schule ist auch der Spanier Galindo ausgebildet, welcher den Namen Prudentius annahm[6]; ein vornehmer Jüngling, welcher frühzeitig ins Frankenreich gebracht war. Aus dieser Zeit, noch vor 817, haben sich an ihn gerichtete Verse eines unbekannten Dichters erhalten, leider nur theilweise verständlich[7]. Theodulf, Clemens und Thomas werden darin erwähnt. Als die Kaiserin Judith sich einst in Gefahr befand, hat er für sie auf ihren Wunsch Flores psalmorum zusammengestellt[8]. Die Verse Walahfrids ad Prudentium magistrum (oben S. 280) werden doch wohl sicher an denselben Galindo gerichtet sein, welcher zwischen 843 und 846 Bischof von Troyes geworden, am 6. April 861 gestorben ist. Von ihm selbst haben wir Verse aus einem von ihm seiner Kirche gewidmeten Evangelienbuch, und kirchliche Schriften.

Dieser Prudentius wird von Hincmar als der Fortsetzer der Annalen genannt, auch 861 von ihm der Tod desselben mit scharfem Tadel seiner in den letzten Jahren ketzerischen Haltung angemerkt. J. Girgensohn[9] hat sich bemüht zu erweisen, daß der Inhalt der Annalen genau zu dem stimmt, was wir von Prudentius wissen, indem er 835-840 dem alten Kaiser treu ergeben ist, bis 853 Karls des Kahlen Handlungen bestmöglichst zu beschönigen sucht, nach der Synode von Quierzy aber, wo er die seiner früheren Lehre widerstreitenden Artikel unterschreiben mußte, auch rücksichtslosen Tadel nicht scheut. Der Brief Hincmars, welcher allein uns die Kunde von Prudentius Autorschaft erhalten hat, zeigt zugleich, daß die Urschrift des Werkes, welches schon Vielen bekannt geworden war, sich in des Königs Händen befand, und bestätigt dadurch den officiellen Charakter desselben. Nur darf man nicht vergessen, wie selbständig die Bischöfe Frankreichs ihrem Könige gegenüber standen, und es ist deshalb nicht zu verwundern, daß Prudentius seine eigene Meinung mit einer Entschiedenheit ausspricht, welche Rudolf von Fulda ganz fern liegt. Noch weit unabhängiger erscheint die Fortsetzung, welche der Erzbischof Hincmar von Reims bis zum Jahre 882, dem Jahre seines Todes, fortgeführt hat. Sie bietet uns die Reichsgeschichte aus dem Standpunkte des Verfassers, des bedeutendsten Staatsmannes im Reiche Karls des Kahlen, der unablässig bis an seinen Tod für das Wohl des Reiches und die Selbständigkeit der westfränkischen Kirche auch gegen König und Pabst gearbeitet und gekämpft hat, nicht immer mit redlichen Mitteln allein, obgleich freilich Schrörs (S. 307, 507-512) ihn von dem Verdachte zu befreien sucht, daß er zur Erreichung seiner Zwecke auch Fälschungen und Erdichtungen nicht verschmäht habe; ein sicheres Beispiel kecker Fälschung hat Krusch in der Vita Remigii nachgewiesen[10]. Sicher aber sind seine Annalen von solchen Flecken rein, wenngleich an manchen Stellen nicht frei von Parteilichkeit, und als die hervorragendste Geschichtsquelle dieser Zeit zu betrachten[11].

Von dem einflußreichsten, nur vorübergehend bei Seite gedrängten Staatsmanne herrührend, unterscheiden Hincmars Annalen sich noch wesentlich von einfachen Privatarbeiten; mit seinem Tode versiegte in Frankreich noch früher als in Deutschland diese Art der Geschichtschreibung, wie denn auch der Verfall des Reiches hier noch rascher und unaufhaltsamer eintrat.

Allein in ganz ähnlicher Weise, wie wir in Deutschland neben den Reichsannalen die Jahrbücher von Xanten finden, wie auch nach dem Uebergange der amtlichen Geschichtschreibung an die Baiern die Jahrbücher von Fulda unabhängig aus freiem Antriebe weiter fortgesetzt wurden, so stehen auch in Frankreich den Annalen Hincmars die Jahrbücher von St. Vaast[12] bei Arras zur Seite. Sie reichen von 874-900; vielleicht ist aber was uns vorliegt nur ein Bruchstück. Auf das Kloster des heiligen Vedast weisen mehrere Stellen hin, aber die Absicht des Verfassers war, die Geschichte des westfränkischen Reiches zu schreiben; die Darstellung ist ausführlich und umfassend, und dabei frei von den Rücksichten, welche in den Bertinianischen Annalen unverkennbar sind. Die Zwietracht im Reiche und die Heimsuchungen durch die Normannen werden mit lebhaften Farben geschildert. Wie in Deutschland die Xantener Annalen, so blieben auch hier die Vedastiner fast unbekannt; in Reims wußte man nichts von ihnen, als Richer seine Geschichte schrieb, und wir haben ihre Erhaltung als einen besonderen Glücksfall zu betrachten. Außerdem beschäftigte man sich hier angelegentlichst mit dem Schutzheiligen, dessen Wunder um 850 der Küster und Schulvorsteher Haimin beschrieb, ein gefeierter Gelehrter, welchem sein Schüler Milo das metrische Leben des h. Amandus widmete. Bei der wachsenden Kriegsgefahr wurde der h. Vedast 852 feierlich erhoben und wieder wurde ein Buch über seine Wunder geschrieben. Die Normannen jedoch fürchteten sich nicht vor ihm, 880 wurde er nach Beauvais geflüchtet, 893 heimgeführt, und auch darüber von Ulmar eine Schrift verfaßt; allerlei für die Zeitgeschichte nicht unerhebliche Nachrichten hat daraus Holder-Egger ausgehoben[13].

Die Annalen kannte man im eigenen Kloster wohl, und muß auch eine große Fülle von historischem Material gehabt haben, denn gegen das Ende des 11. Jahrhunderts ist hier eine große weltgeschichtliche Compilation bis 899 aus vielerlei Quellen ohne viel Geschick zusammengearbeitet, welche sich in einer jetzt in Douai befindlichen Handschrift erhalten hat, aus der sie erst kürzlich bekannt geworden ist; jetzt hat den wesentlichen Inhalt mit Fortlassung des Anfangs und der wörtlich entlehnten Stellen Waitz (SS. XIII, 674-709) als Chronicon Vedastinum herausgegeben[14]. Außer Hieronymus, Orosius, Beda, Isidor, Nennius, Jordanis, Gregor von Tours ist Fredegar mit seinen Fortsetzungen benutzt, und die Reichsannalen mit den Bertin. und Vedast., welche fast ganz aufgenommen sind, so daß die Handschrift zur Verbesserung des Textes benutzt werden kann. Von besonderer Wichtigkeit ist die Benutzung der oben S. 202 erwähnten Compilation bis 805, von der Waitz vermuthet, daß sie noch höher hinaufgereicht habe, da schon im 7. und 8. Jahrhundert gleiche Quelle mit den Ann. Mett. wahrzunehmen ist; doch muß für die Zeit Karl Martells die Vorlage eine Lücke gehabt haben. Einige Stellen stimmen mit der Bisthumsgeschichte von Cambrai überein, was für die Zeit der Abfassung entscheidend sein würde; doch nennt er diese Quelle Gesta Remensium, und ganz sicher ist die Benutzung nicht. Er giebt aber manchmal seinen Quellen falsche Benennungen, weicht auch im Wortlaut ab, und hat allerlei Nachrichten, deren Herkunft nicht festzustellen und deren Werth zweifelhaft ist. Guiman von St. Vaast um 1170, Hermann von Tournai und Andreas von Marchiennes haben das Werk benutzt; früher als ins 11. Jahrhundert kann es nach der Beschaffenheit der allem Anschein nach erhaltenen Originalhandschrift unmöglich gesetzt werden.

Gehört nun diese Bearbeitung schon späterer Zeit an, so stammen dagegen die oben [S. 109] erwähnten Gesta Dagoberti aus dem Ende des neunten Jahrhunderts, und um 900 war nach B. Krusch auch schon die Bearbeitung vollendet, welche aus Gregor von Tours mit der unter Fredegars Namen bekannten Sammlung und deren Fortsetzern eine einigermaßen lesbare Frankengeschichte herstellte ([S. 203]).

Wir finden also auch in Frankreich eine nicht unbedeutende Beschäftigung mit der Geschichte, und namentlich die annalistische Form der gleichzeitigen Geschichtschreibung reich entwickelt, bis sie durch den Verfall des Reiches erstickt wird[15]. Von Aufzeichnungen anderer Art ist nur noch die poetische Behandlung der Belagerung der Stadt Paris durch die Normannen vom November 885 bis 886 und der weiteren Kämpfe bis 896 zu erwähnen, verfaßt von Abbo[16], einem Mönche von St. Germain-des-Prés, zur Verherrlichung seines Heiligen; schätzbar durch ihren Inhalt, da der Dichter diese Ereignisse selbst mit durchlebt hatte, aber kaum als Geschichtswerk zu rechnen, in sehr gezierter und gesuchter, oft kaum verständlicher Sprache. Im allgemeinen überwog in Frankreich noch mehr als in Deutschland die Richtung auf theologische und philosophische Gelehrsamkeit; die kirchlichen Fragen beschäftigten die Geister im höchsten Grade und die wissenschaftliche Thätigkeit, welche Karl der Kahle bei aller Schwäche seiner Regierung lebhaft begünstigte[17], kam der Geschichte wenig zu Gute. Denn die Ueberarbeitung oder auch neue Aufzeichnung älterer Heiligenleben, welche auch hier vielfach vorkommt, hatte mehr einen liturgischen oder doch erbaulichen Zweck; die Form ist die Hauptsache dabei und von ernstlicher geschichtlicher Forschung nicht die Rede.

In Chelles ließ die Aebtissin Hegilwich, die Mutter der Kaiserin Judith, 833 den Leib der Königin Baltechildis erheben, worüber bald nach 856 berichtet wurde[18]. Etwas später finden sich hin und wieder Nachrichten über die Unthaten der Normannen in den Sammlungen von Wundergeschichten und den Berichten über die Irrfahrten der vor den gottlosen Feinden geflüchteten Reliquien. So in des Abts Odo von Glanfeuil Geschichte der Uebertragung des h. Maurus von Saint-Maur-sur-Loire nach Saint-Maur-des-Fossés bei Paris[19] 868, welche wohl etwas, doch nicht viel mehr Glauben verdienen mag, als desselben Odo angeblich nach einem gleichzeitigen Werk des Faustus erneuertes Leben des h. Maurus[20], und mit besonderer Lebhaftigkeit und Anschaulichkeit in den Wundergeschichten vom heil. Bertinus[21].