Hierher gehören auch die schon oben S. 164 erwähnten Aufzeichnungen aus dem Kloster Saint-Riquier oder Centulum. Aus diesem aber hat sich auch noch eine nicht unwichtige Sammlung von Gedichten erhalten, mit welchen ja die Mönche des neunten Jahrhunderts sich überaus gerne beschäftigten; sie beziehen sich großentheils auf Aebte des Klosters, welche, ohne Ausnahme Laienäbte, der kaiserlichen Familie angehörten, und dienen zur Berichtigung der chronologischen Angaben Hariulfs. Die Hauptmasse rührt von dem Diaconus Mico her und umfaßt die Jahre 825-853; er wirkte als Lehrer und hat auch eine Zusammenstellung von Versen älterer Dichter zu prosodischen Zwecken auf überlieferter Grundlage verfaßt. Verbunden sind damit Gedichte des Spittlers Fredigardus aus den Jahren 861-871 und vermuthlich auch seines Zeitgenossen, des Custos Odulfus, welchem Traube einen von Hariulf in seine Chronik (III, 11, 12, 14) aufgenommenen Bericht über die von ihm gesammelten Reliquien zuschreibt. Nachdem einzelne dieser Gedichte an verschiedenen Orten veröffentlicht waren, die ganze Sammlung vor 50 Jahren von Bethmann abgeschrieben, ist sie jetzt von L. Traube vollständig herausgegeben und scharfsinnig erläutert[22].

Zu den berühmtesten Gelehrten dieser Zeit gehörte Heirich aus Auxerre, 841 geboren und seit 850 zum Diener des heiligen Germanus geschoren; 859 wurde er zum Subdiaconus geweiht, und hat dann, nach der Sitte der lernbegierigen jungen Mönche jener Zeit, verschiedene Lehrer aufgesucht, namentlich auch Schottenmönche, nach Traubes wahrscheinlicher Vermuthung in Laon. Eine alte Aufzeichnung nennt ihn einen Schüler des Schotten Elias, Bischofs von Angoulême († 860) und als seine Schüler wieder Remigius, der die Reimser Schule herstellte[23], und Hucbald den Kahlkopf von St. Amand[24]. Er selbst nennt Lupus, den Abt von Ferrières, und Haimo, vermuthlich in Auxerre, seine Lehrer, in den Versen, mit welchen er dem Bischof Hildebold von Soissons die Collectaneen überreichte, die er jenen verdankte, Auszüge aus Valerius Maximus und anderen Schriftstellern[25]. Sogar den unsauberen Petronius hat er studiert, und Verse von ihm zum Preise des heiligen Germanus benutzt[26]. Denn dessen Legende in Verse zu bringen, das war die große Aufgabe, welche ihm der jugendliche und früh (865) verstorbene Abt Lothar, Karls des Kahlen Sohn, gestellt hatte, als er eben der Schule entwachsen war. In langer Arbeit hat er das Werk vollführt, und dem Kaiser Karl (also zwischen 875 und 877) mit vielen Lobsprüchen überreicht; hinzugefügt sind zwei Bücher in Prosa über die Wunder des heiligen Germanus, welche auch geschichtlich brauchbare Angaben enthalten[27]. Später war er selbst ein gefeierter Lehrer, und hat nach einer Vermuthung von Traube, der ihn für den Verfasser des bisher dem Helpericus zugeschriebenen Computus hält, eine Zeit lang mit schlechtem Erfolg in Granfelden gelehrt. Seine ungewöhnliche Gelehrsamkeit hat Heirich auch durch seine in tironischen Noten geschriebenen Bemerkungen zu astronomisch-chronologischen Schriften von Beda und anderen bewiesen, während die kurzen Annalen von 826-875 in derselben Handschrift wenig Sinn für geschichtliche Aufzeichnungen verrathen[28]. Doch hat Heirich sich auch an der Geschichte der Bischöfe von Auxerre betheiligt, die er in Gemeinschaft mit den Domherren Rainogala und Alagus verfaßte, ein Werk, das als einer der frühesten Versuche der Art Beachtung verdient, übrigens aber für die ältere Zeit unzuverlässig, für die näher liegende dürftig ist[29].

Eine zweite Bisthumsgeschichte haben wir aus Le Mans, wo 832-856 Aldrich Bischof war, von vornehmer Herkunft aus Sachsen, wodurch es sich erklärt, daß er seinen Vorgänger, den h. Liborius, nach Paderborn abließ. In der Hofschule und im Metzer Clerus hatte er seine gelehrte Bildung erhalten, und sein Wirken in Le Mans, zu dessen Bischof Ludwig der Fromme ihn erhoben hatte, wird sehr gerühmt, sowohl in Prosa, wie in Versen, die ein eifriger Verehrer mit fleißiger Benutzung älterer Dichter leidlich correct, wenn auch nicht fehlerfrei, ihm zu Ehren verfaßte[30]. Beide schrieben bei seinen Lebzeiten und überschreiten nicht das Jahr 841. Verbunden ist mit der Biographie die Geschichte seiner Vorgänger; leider steht dieses Werk einzig in seiner Art da durch die erstaunliche Fülle gefälschter Urkunden, welche es enthält. Vorzüglich gilt es dem Besitz der Abtei Anisola oder Saint-Calais, welcher mit diesen Mitteln erstrebt wurde; dann aber auch der Sicherung Aldrichs, welcher eine Zeit lang entsetzt war, gegen weitere Anfechtung. Aus diesen Verhältnissen ist nach einer besonders von B. Simson verfochtenen Ansicht die pseudo-isidorische Fälschung hervorgegangen, und Aldrich der Betheiligung an dieser horrenden Fälscherei mehr als verdächtig[31].


[1] Annales Bertiniani ed. Pertz, MG. SS. I, 419-515. Neue Ausg. v. G. Waitz, Hann. 1883, 8; vgl. dens.: Ueber die Ueberlieferung der Ann. Bertiniani, Berl. SB. 1883, S. 113-121. Benutzt sind außer den Hss. das Chron. Vedastinum, Cont. Aimoini, der einige Zusätze von zweifelhaftem Ursprung hat, Ann. Mettenses, über deren jetzt in Berlin befindl. Hs. ich NA. XVI, 607 berichtet habe. Wenig Hülfe bietet das fast ganz aus Ann. Bertin. u. Vedastini geschöpfte Chronicon de gestis Normannorum in Francia, MG. I, 532-536, in ganz unbestimmter Zeit in St. Omer verfaßt. Uebers. der Ann. Bertin. v. Jasmund 1857. 1890. Geschichtschr. Bd. 24 (IX, 9).

[2] Simson, Ludwig d. F. 256-261; vgl. Dümmler, Hist. Z. XXXVII, 134. Ostfr. III, 651. 652.

[3] Reuter, Gesch. d. Aufklärung I, S. 51-64.

[4] Anonymi de situ orbis libri duo, ed. M. Manitius, Stuttg. 1884. Der Prolog NA. IV, 176.

[5] „Voto bonae memoriae Mannonis liber ad sepulcrum sancti Augendi oblatus.“ S. Dümmler, Ostfr. III, 652. Probst war er schon 870. Ueber seinen Collegen Joseph s. unten [→ S. 300.] Merkwürdige Verse und Briefe aus Karls d. K. Zeit, worin auch Manno erwähnt wird, NA. XIII, 343 bis 357, von Dümmler.

[6] Ebert II, 267, u. S. 365-368 über die Annalen. Dümmler, NA. IV, 314.