Nach diesen letzten Regungen versinkt nun hier, während die Factionen der römischen Großen über den Stuhl Petri streiten, alles in Schweigen, und für lange Zeit geht keine Erscheinung der Litteratur von Rom aus[6].

Nicht auf den Vorrang in wissenschaftlicher Ausbildung begründete man in Rom den Anspruch auf Beherrschung der Kirche; die grammatischen Studien betrachtete man hier wegen ihrer heidnischen Antecedentien und der Beschäftigung mit den heidnischen Schriftstellern stets mit Abneigung, und völlig bewußt verachtete man die feinere litterarische Bildung. Es giebt nichts charakteristischeres dafür, als die Worte des päbstlichen Legaten Leo, mit denen er bald nach 991 der gallischen Kirche entgegentrat. Diese hatte durch Gerbert ausgesprochen, es sei in Rom niemand, der eine litterarische Bildung empfangen habe, und folglich auch niemand, der nach den kanonischen Vorschriften auch nur die Weihe zum Thürhüter erhalten dürfe. Leo erklärt das kurzweg für Ketzerei; auch Petrus habe sich um das Vieh von Philosophen nicht bekümmert und sei doch Pförtner des Himmels geworden[7].

Die blühendsten Klöster Italiens erlagen alle gegen das Ende des neunten Jahrhunderts den Sarazenen oder verkamen durch die inneren Kriege und die allgemeine Unsicherheit und Verwilderung; bis dahin finden wir auch in ihnen einige Pflege der Wissenschaft, welche sich jedoch mit der litterarischen Bedeutung der transalpinischen Klöster nicht vergleichen läßt. Von einem angeblich im Mutterkloster Montecassino zur Zeit des Fürsten Sico (ca. 830-833) verfaßten Bericht über die Translation der hh. Benedict und Scholastica nach Frankreich[8] hat O. Holder-Egger nachgewiesen, daß er eine Fälschung des Ps. Anastasius ist[9].

In der Folgezeit wurden hier Nachrichten über die Geschichte des Klosters und der Fürsten von Benevent aufgezeichnet[10], welche bis 872 und in den Regententafeln auch weiter reichen, gesammelt vom Abt Johannes (914-934) und deshalb auch von Leo nach ihm benannt. Die Nachrichten sind materiell für uns sehr wichtig, aber die Form ist in hohem Grade roh und mangelhaft[11]. Im Jahre 883 wurde, wie schon früher St. Vincenz am Volturno, so auch Montecassino von den Sarazenen verwüstet, und die Cassinesen flüchteten nach Capua; hier schrieb Erchempert eine Geschichte der langobardischen Fürsten von Benevent seit Arichis[12], an das Werk des Paulus Diaconus und dessen Cassineser Fortsetzung[13] anknüpfend, bis zum Jahre 889. Die weitere Fortsetzung ist verloren. In schlichter und zuverlässiger Erzählung berichtet er von den Schicksalen dieser Lande, von den Kriegen, durch welche sie verheert wurden, und den Verwüstungen der Sarazenen; sein eigenes Urtheil über die Anstifter des Uebels hält er nicht zurück, sondern spricht es häufig mit biblischen Worten aus. Die feinere karolingische Bildung ist ihm fremd, aber seine Sprache ist doch reiner, als wir sie sonst bei den Italienern dieser Zeit zu finden gewohnt sind, und sein Werk zeichnet sich daher sehr vortheilhaft aus. Der Salernitaner Chronist, Johann von St. Vincenz, und Leo von Ostia haben ihn gekannt und benutzt.

In Neapel versuchten sich verschiedene Verfasser an einer Bisthumsgeschichte. Von einem wohlbelesenen Geistlichen, der noch dem achten Jahrhundert zugerechnet werden kann — sein Werk ist noch in Uncialschrift abgeschrieben —, wurden die dürftigen Notizen des alten Cataloges durch Auszüge aus den römischen Pabstleben, Paulus Diaconus u. a. angeschwellt; bis 754 ist die Arbeit erhalten, dann fehlt ein Blatt, und es schließt sich von 762 beginnend die Fortsetzung des Johannes Diaconus bis 872 an, welcher aus Tradition und eigener Kenntniß schöpfte; seine Darstellung ist lebhaft und wahrhaftig, nicht ohne Freimuth. Von der weiteren Fortsetzung des Subdiaconus Petrus ist nur ein kleines Fragment erhalten, die einzige Handschrift auch vorher lückenhaft[14]. Von dem letzten Bischof Athanasius (850-872) ist auch eine ausführlichere Biographie[15] vorhanden, mit welcher die in unbestimmter Zeit geschehene Translation verbunden ist, etwa im X. Jahrhundert geschrieben; was in den Gesten und bei Erchempert zu lesen ist, wird hier rhetorisch ausgeschmückt, zugleich aber doch einige neue Umstände mitgetheilt. Jener Johannes Diaconus aber verfaßte auch eine Geschichte der Uebertragung des h. Severin im Jahre 902 von dem Castrum Lucullanum, welches aus Furcht vor den Sarazenen zerstört war, nach dem neuen Kloster in Neapel[16], eine Schrift, welche werthvoll ist durch ausführliche Nachrichten über den furchtbaren Angriff des Emir Ibrahim, welcher Taormina zerstörte, wobei der Bischof Procop den Märtyrertod erlitt; durch Ibrahims plötzlichen Tod wurde von Neapel die drohende Gefahr abgewandt. Nach demselben Kloster wurde auch aus dem von den Sarazenen zerstörten Misenum im Jahre 910 der h. Sossius gebracht, wobei Johannes zugegen war, und er berichtet darüber in seiner Schrift über das Leben des h. Januarius[17].

Der Petrus subdiaconus, von welchem nur der Anfang einer Fortsetzung der Gesta noch vorhanden ist, war bei der Uebertragung des Sossius 910 zugegen, und erwähnt in den Wundern des h. Agrippinus den Angriff der Sarazenen auf Neapel vom Jahre 960[18]. Auch verfaßte er noch andere Wundergeschichten. Sehr merkwürdig ist der wissenschaftliche Eifer des Herzogs Johannes (928 ff.), von dem der Archipresbyter Leo im Vorwort zu seiner Vita Alexandri Magni berichtet[19].

Auch in Ravenna verfaßte gegen die Mitte des neunten Jahrhunderts Agnellus eine Bisthumsgeschichte[20], in welcher schwülstiger Bombast mit treuherzig einfältiger Erzählung abwechselt; die Sprache ist voll von Soloecismen. Der Inhalt liegt der deutschen Geschichte fern, doch sind über Kaiser Karl und seine Nachfolger, besonders über die Schlacht bei Fontenoy, einige merkwürdige und wichtige Stellen darin. Den römischen Päbsten gegenüber äußert Agnellus sich sehr freimüthig, was vielleicht Anlaß gegeben hat, die Chronik schon frühzeitig zu verstümmeln. Agnellus war um 805 aus vornehmer und reicher Familie geboren, und erhielt schon mit 11 Jahren eine Abtei; für die frühere Zeit benutzte er, außer vielen Inschriften, Gefäßen und anderen Denkmälern, die er sorgfältig beschreibt, der Langobardengeschichte des Paulus Diaconus und den Consularfasten auch die oben [S. 57] erwähnte Chronik des Maximian, welcher 498 geboren, durch Justinian 546 Bischof von Ravenna geworden war, und eine Chronik bis auf seine Zeit schrieb.

Im mittleren Italien war im Anfange des neunten Jahrhunderts das Kloster Farfa in blühendem Zustande, bis auch hier die Sarazenen alles wüste legten. Von Franken gestiftet, hatte es auch immer fränkische Aebte. Die Geschichte der Gründung des Stiftes und seiner Aebte bis zum Jahre 857 glaubte Bethmann gefunden zu haben[21], doch ist neuerdings von I. Giorgi nachgewiesen, daß diese einem Lectionarium entnommenen Stücke wohl aus derselben herstammen, unmöglich aber das ursprüngliche Werk selbst sein können, über dessen sprachliche Beschaffenheit wir deshalb nicht unterrichtet sind.

Ganz außerordentlich barbarisch dagegen und an die Werke des achten Jahrhunderts erinnernd ist die Langobardengeschichte des Priesters Andreas von Bergamo, welcher 877 einen Auszug aus der Geschichte des Paulus Diaconus machte und ihn bis auf seine Zeit fortsetzte[22]. Nach der Mitte des neunten Jahrhunderts sind seine Nachrichten durch Genauigkeit werthvoll; das Ende ist leider unvollständig erhalten. Und dieses ist fast das einzige litterarische Erzeugniß der Lombardei im neunten Jahrhundert, da Claudius von Turin und Dungal als Ausländer nicht zu rechnen sind[23]. Schottenmönche, mit jenen, die in Lüttich hausten, gleicher Art, und mit des Sedulius Gedichten vertraut, fanden auch in Mailand Aufnahme und feierten ihre Herren und Wohlthäter in sapphischen Oden und in Distichen von ungewöhnlicher Correctheit. Vorzüglich der Erzbischof Tado (860-868) wird von ihnen verherrlicht und ihm werden ihre Bitten und Wünsche vorgetragen, dazu der Kaiser Lothar und Herzog Leodfrid, ein Schwager Lothars. Diese einzige Spur ihrer Existenz ist erst kürzlich aufgetaucht, weiteres nicht bekannt[24]. Sehr gerühmt wird in einem Epitaphium der Abt Petrus II vom Ambrosiuskloster[25] (858-899), und dieser wird es wohl sein, zu dessen Zeiten ein mit lateinischen Buchstaben geschriebener griechischer Psalter zu Stande gebracht wurde, als dessen Besitzer (oder Urheber?) sich in höchst barbarischem Griechisch ein Mönch Symeon nennt[26].

Einige Verse, die zum Preise des Bischofs Azo von Ivrea um 876 verfaßt und im folgenden Jahrhundert einer Copie in Goldschrift würdig erachtet wurden, sind fast nur wegen der äußerst barbarischen Form bemerkenswerth[27].