§ 1. Allgemeines. [[←]]
Contzen, Die Geschichtschreiber der sächs. Kaiserzeit. Regensburg 1837. Entstellt durch Benutzung der falschen Corveyer Chronik, und durch die neuen Ausgaben der Quellen unbrauchbar gemacht. — Stälin Wirt, Gesch. I, 419-426. L. Giesebrecht, Wendische Geschichten III, 294-307. Waitz, Ueber die Entwickelung der deutschen Historiographie im Mittelalter, in Schmidts Zeitschrift für Geschichte II, 97-103. — W. Giesebrecht, Geschichte der deutschen Kaiserzeit, I, 777-790. II, 557-560. — Guil. Maurenbrecher de historicis decimi saeculi scriptoribus, qui res ab Ottone Magno gestas memoriae tradiderunt, Bonnae 1861; vgl. Lit. Centralblatt 1862, Sp. 837.
Mit dem Jahre 906 endigt Regino's Chronik, ein Jahr, bevor Herzog Liutpold mit der Blüthe des bairischen Volkstammes von den Ungern erschlagen wurde. Ein schwaches Kind saß auf dem Throne und vermochte nicht das Reich zu schirmen. Es hatte den Anschein, als ob die ganze von Karl dem Großen neu gepflanzte Kultur bereits dahin sinken sollte. Ein Stift nach dem anderen wurde den Normannen zur Beute, und was übrig blieb, rissen die räuberischen Großen an sich, die in ihren gegenseitigen Fehden verheerten, was dem äußeren Feinde noch entgangen war. Die Sitze der Bildung und Gelehrsamkeit verstummten; auch wenn sie der gänzlichen Verödung entgingen, ließ doch die nagende Sorge um die stets gefährdete Existenz keine wissenschaftliche Thätigkeit aufkommen.
Schlimmer noch als in Deutschland, sah es in den Nachbarländern aus; die Normannen, aus Sachsen zurückgeschlagen, hausten in Frankreich und Lothringen, ohne Widerstand zu finden, während der Süden von sarazenischen Seeräubern verheert wurde. Die Bretonen und Waskonen schüttelten das fränkische Joch ab, und die Ungern streiften auf ihren schnellen Rossen bis an den Ocean. In Italien begegneten spanische und afrikanische Sarazenen den Ungern, und die innere Zwietracht war in beiden Ländern noch ärger als in Deutschland.
Allein die Keime, welche einst Karl der Große gelegt hatte, waren bereits so stark und kräftig geworden und hatten so tiefe Wurzeln geschlagen, daß sie auch diese Feuerprobe überdauerten.
Wie einst von Austrasien, so ging jetzt von Sachsen die Rettung aus. Hier hatte man zuerst sich ermannt und unter den Ludolfingern in festem Zusammenhalten die Kraft gefunden, der Feinde Herr zu werden. Reginbern, aus Widukinds Stamm, der Bruder der Königin Mahthild, schlug die Dänen so, daß sie nicht wiederkamen. Die Wenden, welche die Ostgrenze bedrängten, wurden zurückgeworfen. Heinrich I stellte, wie einst Karl Martell und Pippin, das Reich her und wies die Ungern zurück; was er begonnen, vollendete sein Nachfolger, bis er die inneren und äußeren Feinde bezwungen hatte. In dieser eisernen Zeit war noch für die Feder kein Raum, aber nach dem Siege konnte Otto an die Herstellung der geistigen Bildung denken. Da sehen wir überall die verödeten Klöster aus der Asche erstehen, sie werden den Händen der Laienäbte entrissen und ihrer Bestimmung wiedergegeben. Bald regt sich in ihnen, zunächst in denen, welche von den Stürmen dieser Zeit weniger gelitten hatten, von neuem wissenschaftliche Thätigkeit.
Wie Karl, schätzte auch Otto die Wissenschaften, ohne selbst eine gelehrte Bildung erhalten zu haben; seine Erziehung war kriegerisch gewesen, und erst spät, nach dem Tode der Königin Edid (26. Januar 946), lernte er lateinische Bücher lesen und verstehen[1]; reden konnte er die Sprache der Gelehrten nicht[2]. Auf der Synode zu Ingelheim 948 wurden der Könige wegen die päbstlichen Schreiben in deutscher Sprache verlesen[3], und auch in seinem Alter ließ er sich einen lateinisch geschriebenen Brief von seinem Sohne Otto II übersetzen[4].
Wie Karl, suchte auch Otto gelehrte Ausländer ins Land zu ziehen. So bemühte er sich lange vergeblich, den Gunzo von Novara, einen jener italienischen Grammatiker, nach Deutschland zu bekommen. Dieser Gunzo war Diaconus in seiner Vaterstadt, und schrieb hier, aufgefordert vom Bischof Atto von Vercelli († c. 960) eine Schrift über Ehehindernisse[5]. Bei seiner persönlichen Anwesenheit in Italien gelang es Otto endlich, ihn zu gewinnen[6]. An hundert Bücher behauptet Gunzo mitgebracht zu haben, darunter Schriften von Plato und Aristoteles; doch vermuthlich in lateinischer Uebersetzung. Trotz seiner Gelehrsamkeit geschah es ihm zuweilen, durch das Italienische verleitet, daß er die Casus verwechselte[7] und deshalb wurde er in St. Gallen mit einem Spottliede verhöhnt, denn er hatte statt eines Ablativs einen Accusativ gesetzt. Dagegen rechtfertigte sich nun Gunzo in einem sehr langen und sehr pedantischen Briefe an die Mönche von Reichenau, in welchem er seine ganze gelehrte Schulweisheit zur Schau stellt.
Einen Landsmann von ihm Namens Stephan, der in Pavia gebildet war, in Novara und Pavia gelehrt hatte, beriefen König Otto und Bischof Poppo von Würzburg (941-961) aus Italien, und der Ruf seiner Vorträge über Marcianus Capella zog den jungen Wolfgang aus Reichenau nach Würzburg[8]. Seine Bücher, welche aber nicht zahlreich waren, vermachte er dem h. Kilian[9]. Einige Auskunft über sein Leben und Wirken gewährt die Grabschrift, welche er für sich selbst verfaßt hat[10]. Sie steht in einer Handschrift des Domcapitels zu Novara, einer von Stephan geschriebenen Canonensammlung; denn er hat sich nach 970 wieder in seine Heimath begeben, wo er 985 eine Schenkung des Bischofs Aupald unterzeichnete. Die Grabschrift lautet: