§ 2. Die katholische Kirche. Die Heiligenleben. [[←]]

Während einerseits die neu erwachende kritische Richtung willkommene Waffen in der Litteratur des früheren Mittelalters fand, bot sich andererseits hierin auch der katholischen Kirche ein schöner Schatz ascetischer Schriften dar, und die Briefe der alten Päbste, wie die alten Vorkämpfer ihrer Ansprüche, waren noch immer zu brauchen. So finden wir denn, nachdem die katholische Kirche sich wieder ermannt und auch wissenschaftlich neue Kraft gewonnen hat, auch von dieser Seite viele Publicationen; der Cardinal Caesar Baronius setzte den Magdeburger Centuriatoren seine Annales ecclesiastici entgegen, welchen die aus dem Vaticanischen Archiv und anderen Quellen mitgetheilten Actenstücke hohen Werth verleihen[1]. Durch gute Ausgaben wichtiger neu entdeckter Quellen machten sich besonders Heinrich Canisius[2], Brouwer[3], Sirmond, Tengnagel, Gretser[4] verdient. Auf einzelnes einzugehen, würde hier zu weit führen; nur einen besonderen Zweig der Litteratur scheint es erforderlich hier näher zu betrachten.

Schon unter den ältesten Incunabeln finden sich Legendarien und einzelne Heiligenleben, zur Erbauung bestimmt. Hin und wieder bieten sie ein brauchbares Körnchen dar; im ganzen aber erscheinen die Legenden in solcher Weise überarbeitet, daß das Triviale, allen Gemeinsame, überhand genommen hat, das Geschichtliche oft ganz verschwunden oder doch verdunkelt ist. Die zahlreichen Wunder, die vielen Fabeln und Albernheiten machten diese Litteratur gerade ganz besonders zum Gegenstand lebhafter Angriffe, und bald empfand man, daß sie allen Werth und Nutzen verlieren werde, wenn man sich nicht zu einer Sichtung des überkommenen Stoffes entschließen werde. Nachdem schon der Mailänder Boninus Mombritius auf alte Handschriften zurückgegangen war, die er mühsam aufsuchte, und durch deren unveränderten Abdruck[5] er sich verdient gemacht hatte, ohne Nachfolger zu finden, erschien ein Jahrhundert später die Sammlung des Cölner Karthäusers Laur. Surius († 1578): Vitae Probatorum Sanctorum, die viel brauchbaren geschichtlichen Stoff zuerst ans Licht brachte, und wenn auch der lateinische Stil etwas überarbeitet ist, so berührt das doch kaum den Inhalt. Von Kritik aber ist in diesem Werke keine Rede, und die herrschende Meinung der Gebildeten verwarf alle diese Mönchsgeschichten als leere Fabeln.

Diesen Angriffen gegenüber faßte nun der Jesuit Heribert van Roswey den Plan, durch strenge Sichtung des ganzen vorhandenen Materials und Aufopferung des falschen das echte zu retten und zu sichern. Er selbst gab u. a. das Martyrologium Romanum heraus; besonders aber veranlaßte er seinen Ordensbruder Johann Bolland in Antwerpen zu dem großartigen Unternehmen der Acta Sanctorum, wovon 1643 der erste Band erschien. Noch 5 Bände gab Bolland selbst heraus; dann hinterließ er die Fortsetzung Daniel Papebroch und Gotfried Henschen, von welchen der gediegenste Theil des Werkes gearbeitet ist. Sie gewannen bei ihrer Arbeit eine solche Sicherheit der historischen Kritik und verfuhren mit so wenig Schonung, daß sie bald vielfache Angriffe erfuhren und die spanische Inquisition sogar im J. 1695 die bis dahin erschienenen 14 Bände verbot. Man versuchte auch den Pabst zu einem Verbote desselben zu bewegen, aber vergeblich; nur Papebrochs Chronologia Pontificum Romanorum wurde wirklich verboten[6]. Mit dem unermüdlichsten, mühsamsten Fleiße setzten auch später die Antwerpener Jesuiten, welche man gewöhnlich als Bollandisten bezeichnet, das begonnene Werk fort; ihre Abhandlungen wurden immer weitschichtiger und verloren an innerem Werthe, während das ganze immer langsamer vorrückte. Doch sind noch viele sehr tüchtige Arbeiten und unermeßliches historisches Material darin. Durch die Aufhebung des Ordens wurde das Unternehmen gestört; andere führten es weiter, dann aber machte ihm die Occupation Belgiens durch die Franzosen ein Ende. In neuester Zeit hat man es wieder aufgenommen, aber mit der übertriebensten Weitschweifigkeit. Bis jetzt sind mehr als 60 Folianten erschienen, welche bis in den November reichen, denn das ganze Werk folgt der Ordnung des Kalenders. Die Auffindung eines bestimmten Heiligen war früher nicht leicht; man bedurfte dazu der Kenntniß seines Tages, wozu das Heiligenlexicon (von Schmauß) Gött. 1719, 8, brauchbar ist, welches zugleich zur vorläufigen Orientirung dienen kann. Gegenwärtig aber bietet Potthasts Bibliotheca historica in dem Artikel Vita S. 575-940 ein nicht allein auf den Umfang des Mittelalters beschränktes Repertorium sämmtlicher von den Bollandisten besprochener Personen, dem ein Register der übrigen in jenem Riesenwerke enthaltenen Abhandlungen beigefügt ist. Außerdem aber enthält jetzt ein Supplementband der Acta Sanctorum zum October Generalregister über das ganze Werk von Rigollot.

Neben den Jesuiten begannen auch die französischen Benedictiner ein ähnliches Werk, nachdem ihr Orden in der Congrégation de Saint-Maur einen neuen, außerordentlich kräftigen Aufschwung genommen hatte. Die Erforschung der Geschichte ihres Ordens wurde bald ein Hauptgesichtspunkt der Congregation und ihr Bibliothekar Dom Luc d'Achery sammelte dafür viele Jahre mit Unterstützung der ganzen Genossenschaft unschätzbares Material. Zur Bearbeitung desselben wurde ihm 1664 Dom Jean Mabillon beigegeben, den dann wieder Germain und Ruinart unterstützten. Von ihnen erschienen 1668-1701 die Acta Sanctorum Ordinis S. Benedicti in 9 Folianten, welche bis zum Jahre 1100 reichen und vom größten Werthe für die Geschichte sind. Abweichend von der Anordnung der Bollandisten ist diese Sammlung nach der Zeitfolge geordnet; sie beginnt natürlicher Weise erst mit der Entstehung des Ordens der Benedictiner, die ersten Jahrhunderte der Kirche aber behandelte Ruinart selbständig in seinem trefflichen Werke: Acta primorum martyrum sincera, 1689, 4.


[1] Bis 1198 in 12 Folianten 1588-1607 erschienen. Die Fortsetzung von Raynaldus in 9 Folianten bis 1565 erschien von 1646-1677. Ausgabe von Mansi mit Pagi's Kritik, Lucae 1738-1759.

[2] Neffe des berühmteren Petrus, s. v. Schulte in d. Allg. D. Biogr. III, 749.

[3] Kraus in d. Allg. D. Biogr. III, 368.

[4] Werner in d. Allg. D. Biogr. IX, 645.