[5] Sanctuarium, in 2 großen Folianten o. J. (um 1475). Vgl. Tiraboschi, Tomo VI, l. II, c. 32. Von demselben rührt die erste Ausgabe des Prosper her, welche Holder-Egger im NA. I, 22 erwähnt, nach J. A. Saxii Hist. litter. typogr. Mediol. p. 146. [←]
[6] S. Rettberg, Art. Papebroch in der Encyklopädie von Ersch und Gruber. A. Scheler, Zur Geschichte des Werkes Acta Sanctorum, Serapeum VII, 305 ff. Potthast, Bibl. historica, p. 23-25. Baehr, Gesch. d. Röm. Litt. IV, 227.
§ 3. Sammlungen für Landesgeschichte. [[←]]
In viele einzelne Staaten zerspalten hatte Italien keine umfassende Sammlung von Geschichtsquellen erhalten; auch ging hier der Patriotismus gerne gleich über die Zeiten des Mittelalters hinaus in die antike Welt hinüber. Die römische Kirche aber konnte vom Mittelalter nicht lassen und noch weniger ihren Gesichtspunkt durch enge Grenzen beschränken lassen. Ihre Geschichte, vom Cardinal Baronius geschrieben, umfaßte die ganze christliche Welt, und jedes Volk fand hier die wichtigsten Aufschlüsse über seine Vergangenheit aus den Schätzen des Vaticanischen Archivs. Viele Geschichtsquellen Italiens zog Ughelli zuerst ans Licht in dem großen Werk der Italia Sacra, welches später von Coleti umgearbeitet und sehr vermehrt wurde[1]. Gleichzeitig mit diesem wirkte Ludwig Anton Muratori, der mit der umfassendsten Gelehrsamkeit, rastlosem Fleiße und unermüdlicher Thatkraft die Grundlagen der italienischen Geschichte legte, auf denen noch heute fortgebaut wird. Seine Scriptores Rerum Italicarum in 21 Folianten, 1723-1751, sind die erste umfassende planmäßig angelegte Sammlung der Geschichtsquellen eines ganzen Landes, und bis jetzt die einzige, welche ihre Vollendung erreicht hat; das große Verdienst, durch eifrige Unterstützung der Sache, auch durch wissenschaftliche Mitwirkung die Ausführung möglich gemacht zu haben, gebührt den bescheiden im Hintergrund gebliebenen Socii Palatini[2]. Neuestens hat auch Italien eine Darstellung seiner Chronistik erhalten durch Ugo Balzani[3].
Erstrebt war freilich schon früher ähnliches in Frankreich durch die Sammlung von Duchèsne in 5 Folianten (1636-49); doch genügte diese nicht, so werthvoll auch ihr Inhalt ist. Colbert faßte bereits 1676 den Plan einer neuen umfassenderen Sammlung, der jedoch erst später zur Ausführung kam, als die Congregation der Mauriner auch diese Aufgabe übernommen hatte. Nachdem diese fleißigen und gelehrten Mönche bereits für die Geschichte ihres Ordens und der Kirche das außerordentlichste geleistet, und in verschiedenen Sammlungen unendliches Material zugänglich gemacht hatten, erschien von 1738 an der Recueil des Historiens des Gaules et de la France von Dom Bouquet und seinen Nachfolgern, eine Sammlung, deren Fortführung in neuester Zeit wieder aufgenommen ist, und die bis jetzt aus 23 Folianten besteht.
In Deutschland waren die vielversprechenden Anfänge des sechzehnten Jahrhunderts durch die inneren Spaltungen gehemmt und endlich durch den dreißigjährigen Krieg fast gänzlich erstickt worden. Die folgende Zeit des Reichthums und der fürstlichen Stellung der Geistlichkeit brachte wohl einige Stiftshistorien, aber nichts, das sich mit dem Wirken der Mauriner in Frankreich irgend vergleichen ließe. Wohl reizte das Beispiel zur Nachahmung, aber alle Versuche scheiterten theils an der Trägheit der in Reichthum und Ueppigkeit versunkenen Stifter, theils an der Eifersucht der Landesfürsten, welchen es bedenklich erschien, die Geistlichkeit ihrer Territorien in nähere Verbindung mit den Ordensbrüdern anderer Gebiete treten zu lassen. Und geradezu unmöglich war es für die Reichsabteien, selbst wenn sie es gewollt hätten, sich einer gemeinsamen Leitung und wechselnden Aebten unterzuordnen. Das erfuhren namentlich die Gebrüder Bernhard und Hieronymus Pez[4] in Melk bei ihren Bemühungen, neues Leben in den alten Orden der Benedictiner zu bringen, und die Stiftung einer Congregation, welche es möglich gemacht hätte, die vorhandenen Kräfte zu vereinigen und, wie in Frankreich, planmäßig für gemeinsame Zwecke zu verwenden, scheiterte an solchen Hindernissen.
Material war freilich in großen Massen zu Tage gefördert, aber ohne Auswahl, ohne Kritik; die neuen Publicationen fügten nur immer mehr rohe Masse hinzu, in noch mangelhafterer Weise, und niemand verstand es, den Stoff zu bearbeiten. Im siebzehnten Jahrhundert erschienen bei dem Uebergewicht des Partikularismus fast nur noch Sammlungen für die Geschichte einzelner Reichslande. Eine neue Epoche beginnt dann mit Leibniz, dem Zeitgenossen Muratori's, und in noch viel höherem Grade würde dies der Fall gewesen sein, wenn nicht seine Forschungen unvollendet und großentheils unbekannt geblieben wären. Wie Muratori von der Geschichte des Hauses Este, so ging Leibniz von den Welfen aus, und wie Muratori wurde er durch diese Untersuchungen immer weiter geführt zu den ausgedehntesten Quellenforschungen, welche die ganze Reichsgeschichte umfaßten, Forschungen, die sich andererseits an seine philosophischen sowohl wie an seine staatsrechtlichen Studien anschlossen. Er durchsuchte alle ihm zugänglichen Archive und Bibliotheken, und ergriff mit dem lebhaftesten Eifer den Plan einer systematischen Sammlung und Ausgabe aller vorhandenen Quellen für die politische und die Rechts-und Kirchengeschichte, auf deren Wichtigkeit und die Nothwendigkeit ihrer gründlichen Erforschung zuerst Conring energisch hingewiesen hatte.
Wohl einsehend, daß die Aufgabe die Kräfte eines Einzelnen übersteige, versuchte man wiederholt, Gesellschaften zu diesem Zwecke zusammenzubringen. Schon Johann Christian von Boineburg, der Rathgeber des Churfürsten Johann Philipp von Mainz, der Freund Conrings, Leibnizens und Forsters, entwarf den Plan, ein Collegium universale Eruditorum in Imperio Romano mit vorzüglicher Rücksicht auf Geschichte zu stiften, und theilte denselben 1670 mehreren Gelehrten mit. Mainz, wo das Reichsarchiv sich befand, war zum Sitz desselben bestimmt, allein es blieb bei diesen Anfängen und hatte keinen weiteren Erfolg. Neue Anregungen zu Versuchen dieser Art gab bald darauf die kräftige Entwicklung der schon 1651 gestifteten, 1677 vom Kaiser privilegirten Academia Leopoldina Naturae Curiosorum. Paullini in Eisenach faßte die Idee einer ähnlichen historischen Gesellschaft; er ließ 1687 eine Delineatio Collegii Imperialis historici gloriose et feliciter fundandi drucken und vertheilen. Mit vorzüglichem Eifer gingen Hiob Ludolf und Tentzel auf diesen Gedanken ein; Ludolf theilte Paullini seine unmaßgeblichen Bedenken mit und von ihm ging die förmliche Aufforderung zur Theilnahme aus, welche 1688 versandt wurde. Er war der Präses der neuen Gesellschaft, welcher mehrere namhafte Gelehrte sich anschlossen. Vor allem aber bedurfte man materieller Unterstützung, ohne die sich wenig ausrichten ließ; man wünschte den Kaiser, den Reichstag dafür zu gewinnen, man suchte nach vornehmen Patronen, aber man fand, wie Ludolf 1695 an Leibniz schrieb, keinen einzigen, welcher einen Pfennig daran wenden wollte[5]. Nur der Herzog von Württemberg gewährte Pregitzer die Kosten zu einer Reise durch Schwaben, die Schweiz, Burgund und Frankreich, um die Archive zu durchforschen; seine Reiseberichte befinden sich auf der Göttinger Bibliothek. Erfolg hatte also auch dieser Versuch nicht, und er konnte kaum Erfolg haben zu einer Zeit, wo die höheren Stände ganz der französischen Bildung hingegeben, und die Gelehrten größtentheils von geistloser Pedanterie erfüllt waren, wo lebhafte Theilnahme für die Erforschung der vaterländischen Geschichte eben so selten zu finden war, wie die Fähigkeit zum richtigen Verständniß der Quellen.
Leibniz hatte diesen Bestrebungen von Anfang an große Theilnahme zugewandt; er wies vornehmlich auf den unveränderten Abdruck der reinen Quellenschriften hin, während Ludolf mehr eine Bearbeitung der Reichsgeschichte ins Auge faßte. Leibnizen dagegen war um fremde Darstellungen wenig zu thun; er wußte wohl, daß Urkunden, in denen ein Anderer nichts finden konnte, ihm die bedeutendsten Aufschlüsse gewährten, und rieth deshalb ernstlich, daß man sich nicht bemühen solle, um eine Geschichte stylo florido et eleganti zu schreiben, sondern man solle die Documenta und Urkunden geben, ut praesens aetas thesaurum quendam relinquat. Er zuerst erhob sich über den Dilettantismus und die Vielwisserei und verband die ausgebreitetsten Kenntnisse mit staatsmännischem Blick und historischer Einsicht. Und so leistete denn dieser außerordentliche Mann allein einen großen Theil desjenigen, was jene gutgemeinten Unternehmungen bezweckt hatten, ohne zur Ausführung kommen zu können.
Schon 1693 gab Leibniz seinen Codex juris gentium heraus, dem 1700 die zwei Folianten der Mantissa Documentorum folgten. Von 1707-1711 erschienen dann die Scriptores Rerum Brunsvicensium, welche theils die niedersächsische Landesgeschichte, theils die welfische Hausgeschichte erläutern sollten, und durch die großartige Stellung des welfischen Hauses, durch die Verflechtung desselben in alle wichtigsten Angelegenheiten des Reiches einen universellen Charakter erhielten, der sie von allen anderen Sammlungen für specielle Landesgeschichte unterscheidet. Eine Anzahl anderer wichtiger Schriftsteller war schon 1698 in den Accessiones historicae zuerst ans Licht gebracht. Aber von den überreichen Sammlungen Leibnizens war dadurch nur ein kleiner Theil erschöpft; nachdem er selbst vom Schauplatze abgetreten war, brachten seine Nachfolger Eckhart, S. Fr. Hahn, Jung, Gruber, Scheidt aus seinem Nachlaß das großartige Werk der Origines Guelficae zu Stande, welches noch jetzt einen ehrenvollen Namen behauptet, in Form und Inhalt aber ganz auf den Vorarbeiten von Leibniz ruht[6].