Aber Leibniz hinterließ auch noch ein anderes Werk, welches allein ausgereicht hätte, um einen gewöhnlichen Menschen berühmt zu machen, die Annalen des abendländischen Reiches, zu welchen ihn seine Forschungen über die Welfen ebenso hinführten, wie Muratori die Geschichte des Hauses Este zur Verfassung der Annalen Italiens veranlaßte. Dieses Werk, welches Leibniz viele Jahre lang vorzüglich beschäftigte, reicht von 768-1005, denn weiter ist er leider nicht damit gekommen. Es ist durchaus ein Meisterwerk, welches alle früheren Leistungen weit hinter sich läßt; auch hegten die Zeitgenossen große Erwartungen davon, und lange war von dem Druck desselben die Rede, der aber dennoch zum großen Schaden der Wissenschaft unterblieb, bis in neuester Zeit Pertz das fast schon in Vergessenheit gerathene Werk herausgab[7], nachdem ein großer Theil der darin enthaltenen Forschungen von neuem gemacht worden war. Aber noch immer ist das Werk sehr brauchbar, da es mit der vollständigen Uebersicht und Benutzung des bis dahin bekannt gewordenen Stoffes gearbeitet ist, während die sichere Methode, der durchdringende Scharfsinn und die geistvolle Behandlung des großen Verfassers den Leser durchgehends fesseln und zur Bewunderung fortreißen.
Die Fehler der früheren Sammlungen, von denen auch die Leibnizsche nicht ganz frei ist, den Mangel an kritischer Sichtung des Stoffes, an systematischer Auswahl und Zusammenstellung, die Unzuverlässigkeit der Abdrücke, schilderte niemand schärfer und eindringlicher als Joh. G. Eckhart[8], Leibnizens Gehülfe, dann Convertit und fürstlich Würzburgischer Rath. Dennoch vermied er in seiner eigenen Sammlung, dem Corpus historicorum medii aevi (1723) keinen jener Fehler, vermehrte aber das vorhandene Material durch sehr werthvolle Beiträge.
J. B. Mencke veröffentlichte 1728 und 1730 noch eine sehr schätzbare Sammlung, B. G. Struve gab 1717 und 1726 die älteren Sammlungen von Pistorius und Freher neu heraus; immer mehr wuchs die Masse des größtentheils rohen, ungeordneten, ungesichteten Materials; immer schwieriger wurde es, eine Uebersicht über dasselbe zu gewinnen. Dieser Uebelstand veranlaßte das Erscheinen von Schriften, die als Wegweiser dienen sollten: J. P. Fincke's Index in Collectiones Scriptorum Rerum Germanicarum, Lips. 1737, 4 und das vielgebrauchte Directorium von Freher, zuletzt 1772 von Hamberger neu herausgegeben. Desselben Hambergers Nachrichten von den vornehmsten Schriftstellern, Bd. 3. 4. 1760, sind von geringer Brauchbarkeit, dagegen des trefflichen Joh. Alb. Fabricius Bibliotheca Mediae et Infimae Latinitatis 1734-1746, 8, und ed. Mansi 1754, 4 noch jetzt unentbehrlich und von großem Nutzen. Eine neue vermehrte Ausgabe derselben mit Berücksichtigung der seitdem erschienenen Sammlungen und Ausgaben wäre sehr wünschenswerth und würde einem dringenden Bedürfniß entgegenkommen. Zurechtfinden aber können wir uns jetzt in der historischen Litteratur des Mittelalters mit großer Leichtigkeit, seitdem Potthasts Bibliotheca historica medii aevi (Berlin 1862, Supplement 1868) erschienen ist, ein höchst dankenswerthes Werk, das Product des angestrengtesten und mühsamsten Sammelfleißes, welches, obschon nicht frei von manchen Schwächen und Mängeln, doch als ein ungemein nützliches Hülfsmittel allgemeine Verbreitung und Anerkennung gefunden hat.
[1] Ughelli, Italia Sacra, 9 Bände f. 1644-1662. Neue Ausg. v. Coleti in 10 Bänden, 1717-1721.
[2] S. über diese L. Vischi im Arch. stor. Lombardo 1880, S. 391-566.
[3] Ein Band der durch die Society for promoting Christian Knowledge veranlaßten Sammlung: Early chronicles of Europe, 1883; auch ins Ital. übersetzt. Anderer Art, auch die Byzantiner, die Gesetze und Urkunden umfassend, ist die Schrift von Costanzo Rinaudo:[←] Le Fonti della storia d'Italia dalla caduta dell' imperio Romano d'Occidente all' invasione dei Longobardi (476-568). Torino 1883.
[4] S. Krones, Allg. D. Biogr. XXV. 569-575.
[5] De Collegio nostro historico quod dicam vix habeo, adeo omnia frigent. Scilicet nemo de magnatibus nostris est qui urgeat, multo minus qui obolum impendat. Qui ad nutum alienum laborare debent sine magno autore, sine praemio, sunt difficillimi. 1695, Dec. 9.
[6] Die vorstehenden Angaben sind aus den Mittheilungen meines 1863 verstorbenen Freundes Rößler entnommen, welcher sie aus dem in Göttingen und Hannover verwahrten handschriftlichen Material geschöpft hatte, mit Benutzung der Nachrichten über Paullini's Briefwechsel im Serapeum 1856, S. 65. 367, der Schriften Guhrauers u. a. Vgl. auch Lucä, der Chronist Friedr. Lucä (Frankfurt 1854), S. 279-344; Pfleiderer, Leibniz als Patriot etc. S. 632 ff. Mit Benutzung von Paullini's Nachlaß in Jena ist der Aufsatz von Wegele gearbeitet: Das historische Reichscolleg, Im neuen Reich 1881, N. 25. Ueber Leibniz' Reise nach Wien 1708 s. Wilh. Guerrier, Leibniz in seinen Beziehungen zu Rußland (1873) S. 67.