[7] G. W. Leibnitii Annales Imperii Occidentis Brunsvicenses, ed. G. H. Pertz. 3 Tomi. Hannov. 1843-1846. Mit einer sehr lehrreichen Vorrede des Herausgebers. Vgl. Giesebrecht I, 797. Viele Nachrichten über die Geschichte dieses Werkes, über die schlechte Behandlung, welche Leibniz zu erfahren hatte, und die Intriguen Eckharts, welche dieselbe hauptsächlich veranlaßten, enthält: Leibnizens Briefwechsel mit dem Minister v. Bernstorff etc. von R. Doebner. Hann. 1882, und in d. Zeitschr. d. hist. Vereins f. Niedersachsen 1881.

[8] Wegele in d. Allg. D. Biogr. V, 627-631; zu ergänzen aus der eben erwähnten Publication von Doebner.

§ 4. Die Monumenta Germaniae Historica. [[←]]

Immer lebhafter empfand man in Deutschland während des 18. Jahrhunderts das Bedürfniß einer planmäßig geordneten, kritischen Sammlung der echten und ursprünglichen Geschichtsquellen; das Beispiel von Muratori in Italien und den Maurinern in Frankreich reizte zur Nachfolge, aber alle Wünsche und Versuche scheiterten, wie jene eben erwähnten ersten Anfänge, an der Zerstückelung Deutschlands, an der Unmöglichkeit, ein Zusammenwirken vieler Gelehrten herbeizuführen, an dem Mangel ausreichender Geldmittel. Die Nachrichten über diese Bestrebungen findet man gesammelt im ersten Bande des Archivs der Gesellschaft für ältere deutsche Geschichtskunde. Namentlich hatte der Hallische Theologe Semler einen solchen Plan, und bezeichnet in seinem „Versuch den Gebrauch der Quellen in der Staats-und Kirchengeschichte der mittleren Zeiten zu erleichtern“ (1761) scharf und treffend die Mängel der vorhandenen Sammlungen, die Nothwendigkeit, Originalquellen von Ausschreibern zu sondern, mit Sorgfalt und gesunder Kritik eine Reihe der bedeutendsten Autoren durchnehmend. Durch ihn angeregt gab 1797 sein College Krause den Lambert heraus als Anfang und Specimen einer solchen Sammlung; aber er starb bald nachher und es blieb bei diesem ersten Bande. Im folgenden Jahre 1798 gab Rösler in Tübingen eine kritische Bearbeitung der ältesten Chroniken des Mittelalters, allein die Aufgabe einer umfassenden Sammlung war für die Kräfte einzelner Männer viel zu groß, als daß etwas genügendes hätte zu Stande kommen können.

Die lange Fremdherrschaft in Deutschland und die Befreiung davon durch die vereinten Anstrengungen des ganzen Volkes weckten endlich in höherem Grade das Bewußtsein eines gemeinschaftlichen Vaterlandes. Mit neuer Liebe wandte man sich der Erforschung der Vorzeit zu; E. M. Arndt, die Gebrüder Grimm bestärkten in dieser Richtung durch die kräftigste Anregung. Eifrig und dringend wies Johannes von Müller auf die Nothwendigkeit des Quellenstudiums hin. Auch der Freiherr vom Stein empfand das lebhafte Bedürfniß, eine genügende Anschauung der deutschen Geschichte sich zu verschaffen. Die vorhandenen Darstellungen reichten dazu nicht aus; er suchte die Kenntniß aus den Quellen selbst zu schöpfen, stieß aber dabei auf unüberwindliche Schwierigkeiten wegen des verwahrlosten Zustandes derselben. Es war nicht seine Art, wegen solcher Hindernisse einen Gedanken aufzugeben, und seine Entfernung von den Staatsgeschäften trug dazu bei, daß er ihn um so entschiedener festhielt und verfolgte. Der Gedanke an sich selbst, seinen eigenen Vortheil und Genuß, trat dabei bald völlig zurück; er hatte nur noch sein Volk im Auge, der Wunsch erfüllte ihn, „den Geschmack an deutscher Geschichte zu beleben, ihr gründliches Studium zu erleichtern und hierdurch zur Erhaltung der Liebe zum gemeinsamen Vaterland und dem Gedächtniß unserer großen Vorfahren beizutragen“. Mit der ganzen Energie seines gewaltigen Geistes faßte er den Plan, eine umfassende und kritisch bearbeitete Sammlung der deutschen Geschichtsquellen zu veranstalten, und er ließ nicht ab, bis er denselben zur Ausführung gebracht hatte[1]. Im Februar 1818 brachte er ihn zuerst zur Sprache; es gelang ihm, mehrere seiner westfälischen Freunde zu bedeutenden Geldbeiträgen zu bewegen; er selbst hat nach und nach an 10,000 Fl. darauf verwandt. Mehrere der damaligen Bundestagsgesandten gingen auf Steins Vorschläge ein, und am 20. Januar 1819 trat zu Frankfurt die Gesellschaft für ältere deutsche Geschichtskunde zusammen. Der badische Legationsrath Büchler wurde zum Secretär, der Archivrath Dümge zum Redacteur bestimmt; beide begannen sogleich die Herausgabe der Zeitschrift, welche vom wesentlichsten Nutzen für das Unternehmen gewesen ist. Sie heißt das Archiv der Gesellschaft und führt mit Recht diesen Namen, weil darin alle Vorarbeiten für das große Unternehmen, Nachrichten über Handschriften, Untersuchungen über die einzelnen Quellenschriften niedergelegt wurden[2].

Der ungeheuere Umfang des Unternehmens, die Nothwendigkeit vieler und ausgedehnter Reisen, zeigten sich erst während der Arbeit in zunehmendem Maße; bald sah man, daß Privatmittel, so bedeutend auch die Beitrage der Gründer waren, doch nicht weit genug reichten. Die Bundesversammlung war gleich anfangs um Unterstützung ersucht worden und hatte in Ermangelung eigener Geldmittel zu solchem Zwecke das Werk den einzelnen Regierungen zur Förderung empfohlen, allein fast ohne Erfolg. Man befürchtete von der einen Seite Mißbrauch des Unternehmens für revolutionäre Zwecke — denn die Geschichte könne ebensogut zum Umsturz der Monarchie, wie zu ihrer Erhaltung verwerthet werden — von anderer witterte man etwas Serviles darin, und der alte Voß sah darin eine große Verschwörung, die Geschichte für oligarchische und katholische Zwecke auszubeuten[3]. In Oesterreich galt das Unternehmen als revolutionär, und nachdem eine anfänglich beabsichtigte besondere Direction für Oesterreich fallen gelassen war, blieb für die einheimischen Gelehrten eine förmliche Betheiligung an der Gesellschaft unmöglich[4]. 1828 hatte man sogar Bedenken, den fertig gewordenen ersten Band der Bundesversammlung zu überreichen[5]. Der König von Baiern hatte noch 1829 gar nichts dafür gethan[6], während doch Baden die Dienste des Archivraths Dümge gleich anfangs auf einige Jahre der Gesellschaft überließ, und der König von Preußen von 1821 an einigemal einen Beitrag von 1000 Thalern bewilligte[7]. Mit Bitterkeit gedachte Stein daran, daß er schon im Herbst 1818 eine vom russischen Kaiser angebotene Unterstützung abgelehnt hatte[8], und erst nach des Stifters Tode (29. Juni 1831) scheinen die verschiedenen Regierungen sich nach und nach zu den Beiträgen entschlossen zu haben, welche den Bestand der Sache sicherten; auf einer Ministerconferenz in Wien 1834 hatte der Fürst Metternich sich dem Unternehmen günstig erwiesen.

In den gelehrten Kreisen fand das Unternehmen gleich anfangs lebhafte Theilnahme, aber lange dauerte es, bis ein ausführbarer Plan zu Stande kam. Ein Vorschlag nach dem andern wurde im Archiv veröffentlicht; während man sich zu orientiren suchte, fing man erst an, den Umfang der Arbeit zu übersehen, die Masse des Stoffes, die Schwierigkeit ihn zu bearbeiten, namentlich wegen der in so vielen Bibliotheken und Archiven zerstreuten Handschriften und Urkunden, welche sich viel zahlreicher erwiesen, als man anfänglich geglaubt hatte.

Nach dem ursprünglichen Plan vertheilte man die einzelnen Schriftsteller an verschiedene Gelehrte zur Bearbeitung, aber es zeigte sich bald, daß auf diese Weise weder Einheit in Plan und Methode, noch ein rascher Fortschritt in der Ausführung zu erreichen war. Die ersten Bände des Archivs sind voll von Versprechungen und Anerbietungen, von denen aber die meisten ohne Resultat blieben.

Von entscheidender Bedeutung für die ganze Zukunft des Unternehmens war deshalb der Zutritt des Mannes, unter dessen Leitung es bald den kräftigsten Aufschwung nehmen sollte. G. H. Pertz aus Hannover hatte im Jahre 1818 in Göttingen seine Studien vollendet und 1819 die Geschichte der Merowingischen Hausmeier mit einer Vorrede und lebhaften Empfehlung seines Lehrers Heeren vom 4. September 1818 veröffentlicht. Eine Aufforderung Büchlers zur Theilnahme an den Arbeiten der Gesellschaft erwiderte er am 5. Juli 1819 mit freudiger Zustimmung und dem Erbieten zur Bearbeitung der wichtigsten Quellenschriften aus der karolingischen Periode[9]. Auf Büchlers Mittheilung nahm Stein dieses Anerbieten bereitwillig an, und forderte am 21. December Pertz nicht nur zur Uebernahme der Schriftsteller aus der karolingischen Periode, sondern auch zu einer Reise nach Wien auf, weil die Benutzung der auf der Hofbibliothek befindlichen Handschriften zunächst nothwendig war[10]. Diese Reise, welche den reichsten Ertrag gewährte, wurde nicht nur auf andere österreichische Bibliotheken, sondern auch auf Italien ausgedehnt. Hier war der Freiherr vom Stein bereits selbst gewesen, hatte von den Schätzen des Vatican vorläufige Kunde verschafft und Mitarbeiter zu gewinnen gesucht, auf deren Unterstützung damals noch stark gerechnet wurde. Diese Theilnahme der Italiener erwies sich indessen später als gänzlich illusorisch, und nicht viel mehr Erfolg hatten die Zusagen, welche Pertz in Oesterreich gemacht wurden. Seine Reise aber gewährte die erste feste Grundlage für das Unternehmen; allein aus den päbstlichen Regesten gewann er 1800 ungedruckte Briefe[11]. Seine Reiseberichte zeigten so entschieden eine meisterhafte Handhabung der Kritik in scharfem Gegensatze zu den vielen dilettantischen Beiträgen anderer, daß ihm nach seiner Rückkehr die Redaction sowohl des Hauptwerks als auch der Zeitschrift übertragen wurde, da Büchler und Dümge beide von ihrem Großherzog abberufen waren[12].

Im Jahre 1824 wurde der definitive Plan des Werkes veröffentlicht, und 1826 erschien der erste Band desselben. Aus 5 Abtheilungen soll die ganze Sammlung bestehen, nämlich I. Schriftsteller, II. Gesetze, III. Kaiserurkunden, IV. Briefe, V. Antiquitäten. Für alle sind bedeutende Vorarbeiten gemacht worden, und während Pertz nur die beiden ersten Abtheilungen wirklich begonnen hatte, sind sie seit der neuen Organisation jetzt alle in der Ausführung begriffen.